Wer löst die Zentralbanken ab?

Die Zentralbanken in Europa und Japan haben die kurzfristigen Zinsen in den negativen Bereich gedrückt, was bedeutet, dass sie Banken für Einlagen bei ihnen belasten. Frau Yellen, Vorsitzende der US-Notenbank, war der Ansicht, dass hinsichtlich ihres Instituts keine Notwendigkeit dazu bestünde, es jedoch darauf vorbereitet sein sollte, wenn die Wirtschaft schwächelt und ein solcher Schritt erforderlich wird. Namhafte Anleihemanager wie PIMCO äußerten, dass negative Zinsen ihrer Meinung nach nicht funktionieren könnten. In seinem neusten Buch "The Only Game in Town" (deutscher Titel: "Aufstieg und Fall der Zentralbanken") erörtert Mohamed A. El-Erian, Chief Economic Advisor bei der Allianz SE, die Rolle der Zentralbanken. Hier seine Gedanken zum Geschehen.

 

Der Aktivismus der Zentralbanken zeitigte kontinuierlich Erfolge bei der Normalisierung absolut dysfunktionaler Märkte und der Linderung einer Finanzkrise, die die Weltwirtschaft förmlich zum Erliegen brachte. Nach ihrem Erfolg fanden sie dann niemanden, dem sie den nächsten Schritt auf dem Weg zur wirtschaftlichen Erholung übertragen konnten. Sie waren schlechthin der Ansicht, dass ihnen nichts anderes übrig bliebe, als eine so große, beispiellose Verantwortung für die Volkswirtschaft zu übernehmen. Es handelt sich dabei weder um einen Griff nach der Macht, noch um etwas, was die Zentralbanken wirklich anstrebten. Vielmehr fühlten sich die Zentralbanken angesichts des Politikversagens, das andere politische Entscheider mit besseren strategischen Instrumenten lähmte, moralisch und ethisch verpflichtet, alles in ihrer Kraft stehende zu tun, um Zeit  für die Gesundung des Privatsektors und für das politische System zu gewinnen, damit diese sich zusammenreißen und ihre Verantwortung für die Steuerung der Wirtschaft übernehmen.
 
In dieser neuen Rolle taten die Zentralbanken mehr, als nur die Führungsrolle zu bekleiden. Sie lieferten auch fast den gesamten Inhalt der politischen Antwort, und zwar mit inhärent parteiischen und schonungslosen Maßnahmen. Als einzig gangbarer Weg sahen sich die Zentralbanken gedrängt, sich immer weiter auf experimentelles Terrain vorzuwagen, wo sie sich viel länger aufhielten als irgendjemand ursprünglich vermutet oder möglicherweise gar gehofft hätte. Politische Entscheidungen bringen oft schwierige Kompromisse mit sich. Das war in dieser Phase der Existenz moderner Zentralbanken nicht anders, allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung: Momentan gelingt es den Zentralbanken nicht, verlässliche Erkenntnisse und Informationen aus Präzedenzfällen, analytischen Modellen oder politischen Erfahrungen in der Vergangenheit zu ziehen. Es gibt nämlich keine, die ihnen als geeigneter Leitfaden dienen und berechtigtes Vertrauen einflößen könnten.
 
Positiv ist jedoch, dass die unkonventionellen Schritte der Zentralbanken wirklich Zeit und Spielraum für andere schafften, um sich zu sortieren. Sie ermöglichten eine umfassende Sanierung der Bilanzen des Privatsektors, beginnend mit den Banken, gefolgt von Kapitalgesellschaften und Haushalten. Sie trugen zu - wenn auch frustrierend schwachem - Wachstum und, im Falle der Vereinigten Staaten, der Schaffung zahlreicher Stellen bei. Wie engagierte Ingenieure bauten die Zentralbanken die bestmögliche Brücke mit den beschränkten, ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Aber gleich wie lang die Brücke, die sie bauten, auch war, die richtige Richtung dafür war nie ihre Aufgabe gewesen.

Mohamed A. El-Erian: “The Only Game in Town: Central Banks, Instability, and Avoiding the Next Collapse”.
Mohamed A. El-Erian: “The Only Game in Town: Central Banks, Instability, and Avoiding the Next Collapse”.

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