Allianz Digital Accelerator: Vom Exoten zum Teil des Tagesgeschäfts

Die Medienfabrik München. Die Macher von Grand Theft Auto 5 haben hier eine deutsche Niederlassung. Die Promoters Group Munich ebenso. Konzerte von Shakira, oder Green Day werden von hier aus organisiert. All das verrät ein riesiges Sammelschild der ansässigen Firmen. Eines unter den Unternehmen, die ihren Sitz inmitten der Medienfabrik haben, gehört zur Allianz Gruppe: der „Allianz Digital Accelerator“. Hier entstehen viele der Apps, Webseiten und Kooperationen, welche die Allianz ins digitale Zeitalter bringen. Geschäftsführer Sebastian Sieglerschmidt über seine Handlungsfreiheit, Miles and More für sicheres Autofahren und das nächste große Ding im Internet.

 

Allianz.com: Was treibt einen Geschäftsführer von einem schnellen, digitalen Unternehmen wie Rocket Internet zu einem Unternehmen wie der Allianz?

 
Sebastian Sieglerschmidt : Das war nur formal ein Firmenwechsel. Ich mache hier dasselbe wie vorher. Wir versuchen hier genauso wie in einem Startup, die digitale Zukunft mitzugestalten. Und in der Welt der Finanzen gibt es diesbezüglich noch am meisten Potenzial, denn vieles hier läuft aus Kundensicht noch genauso wie vor 100 Jahren. Wäre es nicht schön, wenn der Computer künftig meinen Finanzbedarf erkennt? Entsprechend meiner Vorgaben legt er für mich dort an, wo ich gerade die meisten Zinsen bekomme oder bezahlt meine Rechnungen, wenn sie fällig sind. Unser Ziel ist klar: Wir wollen die Financial Services neu erfinden.
 

Internet-Pioniere wie Sie leben davon, experimentieren zu dürfen. Inwieweit passt das zur Allianz? Wie viel Freiraum gibt Ihnen die Allianz?

 
Jede Menge! Diese Sache war mir von Beginn an wichtig: Ich wollte maximale Handlungsfreiheit. Sonst würde der Digital Accelerator so keinen Sinn machen.
 

Was ist das heißeste Projekt, an dem Sie oder Ihr Team gerade arbeiten?

 
Für mich ist das Milebox. Das ist eine Art „Miles and More-Programm“ für sicheres Autofahren. Über eine Handy-App misst der Nutzer, wie abrupt er sein Auto beschleunigt, wie stark er es bremst. Die App erkennt, ob er viel in der Stadt unterwegs ist oder eher auf Landstraßen fährt. Ein schlauer Algorithmus berechnet dann, wie sicher er fährt. Wenn er sicher fährt, darf er sich eine Prämie als Belohnung aussuchen.
 

Gibt es denn schon anfassbare Ergebnisse?

 
Na klar, so einiges. Da hätten wir die Webseite Seaswien.at. Hier bieten wir eine richtig schnelle und unkomplizierte Versicherungsberatung an. Von der Unfallversicherung bis hin zur Rente kann sich der Wiener hier Angebote machen lassen. Er macht dafür nur genau drei Angaben: Alter, Familienstand, und in welchem Bezirk von Wien er wohnt. Dann zeigen wir ihm auf einen Blick, welche Versicherungen er von uns zu welchem Preis haben kann.
 

Heute in 5 Jahren: Sie blicken auf Ihre bisherige Zeit beim Digital Accelerator zurück: Welche Headline würden Sie gerne über sich lesen?

 
„Milebox macht jährlich 100 Millionen Eurozusätzlichen Prämienumsatz für die Allianz“, das wäre die Schlagzeile. Darum geht es doch: Aktuell sind wir noch die Exoten im Unternehmen. Was wir machen, soll aber Teil des Tagesgeschäfts sein. Da möchte ich gerne hin.
 

Welches Projekt schmerzte am meisten, als Sie es aufgeben mussten?

 
Beim Thema Smart Homes hat mir das sehr leid getan. Wir haben eine Community gegründet, dort viele Inhalte zum Thema zusammengetragen und sogar schon ordentlich Besucher auf dem Portal verzeichnet. So etwas gibt es schlichtweg noch nicht. Aber letztendlich kam nie etwas damit zustande.
 

Wie war denn hier die Geschäftsidee? Sollte das eine Art Content Marketing Plattform zum Verkauf von Haftpflicht-Versicherungen sein?

 
Einfach gesagt, ja! Aber wenn wir hier etwas weiterdenken, sollten auch die Hersteller von Smart-Home-Geräten Interesse an einer Zusammenarbeit haben. Dann können wir zusammen ein Paket aus Gerät und Versicherung verkaufen. So gesehen war es gar nicht ganz umsonst: Die Allianz Frankreich kooperiert jetzt mit Nest. Anmerkung der Redaktion: Nest ist eine Tochter von Google und verkauft vernetze, intelligente Thermostate und Feuermelder.
Sebastian Sieglerschmidt, Geschäftsführer Allianz Digital Accelerator: „Der Boom im Internet verläuft in Wellen. Nachdem die erste Welle, der E-Commerce langsam abflaut, wird es Zeit sich nach der nächsten großen Sache umzusehen.“
Sebastian Sieglerschmidt, Geschäftsführer Allianz Digital Accelerator: „Der Boom im Internet verläuft in Wellen. Nachdem die erste Welle, der E-Commerce langsam abflaut, wird es Zeit sich nach der nächsten großen Sache umzusehen.“

Kritische Stimmen sagen, es könne nicht funktionieren, wenn sich ein Großkonzern einen Accelerator anflanscht… was würden Sie dem entgegnen?

 
Gar nichts. Das funktioniert auch nicht. Die Gefahr, die Falschen auszuwählen, ist viel zu hoch. Man spricht hier auch von adverser Selektion: Jungunternehmer, die erfolgreich sind, kommen häufig auch ohne große Unterstützung auf die Beine, die Gründer glauben an ihre Idee und wären niemals bereit, für schnelles Geld oder ein paar gute Ratschläge Anteile abzugeben. Gründer von Startups, die schwächeln, und die bemerken, dass ihre Idee nicht weiterträgt, geben gerne Anteile ab. Auch wenn es im Namen steckt: Wir sind kein klassischer Accelerator. Ich verstehe uns eher als eine Art Forschungs- und Entwicklungs-Team für die Allianz Gruppe.
 

Zur Arbeit selbst. Braucht man nicht eine besonders hohe Frustrationstoleranz, wenn man für ein Unternehmen arbeitet, das Ideen am laufenden Band produziert? Und das ohne die Garantie, dass eine davon umgesetzt wird.

 
Nein. Wenn Sie als Wissenschaftler im Urwald nach einer Pflanze suchen, die Heilmittel beinhaltet, ist die Suche ja ihre Aufgabe. Und wenn dann nur von 1000 Blättern eines die gewünschte Substanz enthält, brechen Sie ja nicht gleich bei jedem der 999 verbleibenden Blätter in Tränen aus.




Text/Interview: Andreas Klein
Accelerator steht für Accelerator Programm: Hier bewerben sich Startups, sie bekommen ein feststehendes Set an Unterstützung: Gelder, Personal, Infrastruktur. Manche Accelerator-Programme verschenken diese Leistung. Andere nehmen dafür Anteile am Startup.

Die Allianz Digital Accelerator GmbH ist kein klassischer Accelerator, sondern versteht sich eher als Entwicklungs-Abteilung innerhalb der Allianz Gruppe.
Sie organisiert eine Art Matching-Prozess zwischen externen Ideen und Gründern sowie Allianz Einheiten in den verschiedenen Märkten. Umsetzung erfolgt, wenn beide Seiten dem zustimmen. Vor diesem Hintergrund gibt es keinen festgesteckten Förderrahmen.

Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen:

 

Disclaimer

Petra Krüll
Allianz SE
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