Wasser: Durst nach Leben

Egal ob zu viel oder zu wenig – Wasser schafft es immer in die Schlagzeilen. Im vergangenen Jahr konkurrierten nie dagewesene Überschwemmungen in Houston mit der schlimmsten Dürre, die es seit Jahren in Kalifornien gegeben hatte, um Aufmerksamkeit der Medien. In diesem Jahr sorgte besagte kalifornische Trockenheit für einen Sommer mit verheerenden Waldbränden. Kapstadt hingegen steuert auf den „Tag null“ zu, an dem der dürregeplagten Stadt das Wasser ausgeht.

Saisonale und regionale Schwankungen in der Wasserversorgung bedrohen Zivilisationen bereits seit Jahrhunderten. Mit dem Klimawandel wird die Gefahr jedoch zunehmend ernster und auch tödlich. Die Tatsache, dass Großstädte wie Kapstadt und selbst London, wo derzeit ungewöhnlich wenige Niederschläge fallen, aber auch wohlhabende Länder Schwierigkeiten haben, ihre Wasserversorgung zu sichern, zeigt das Ausmaß des weltweiten Wasserinfrastrukturproblems.

2015 stufte das Weltwirtschaftsforum Wasserkrisen als besorgniserregendste globale Bedrohung ein – sie gelten damit als gefährlicher als ein Terrorangriff oder der Zusammenbruch der Finanzmärkte. Zudem seien sie wahrscheinlicher als der Einsatz von Massenvernichtungswaffen.

Bevölkerungswachstum, Verstädterung und steigender Konsum in Kombination mit dem Klimawandel vergrößern die Schere zwischen Angebot und Nachfrage in alarmierendem Tempo. Laut der Water Resources Group besteht zwischen dem vorhandenen Angebot und dem für 2030 erwarteten Bedarf an Wasser eine Diskrepanz von 40 Prozent.

Die Lösung dieses Problems geht allerdings über eine ausreichende Versorgung mit Trinkwasser hinaus. Auf Privathaushalte entfallen lediglich acht Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs, der Anteil der Industrie beläuft sich auf 22 Prozent.

Größter Wasserkonsument ist mit Abstand die Landwirtschaft: Sie steht für etwa 70 Prozent des weltweiten Verbrauchs. Das ist ein Problem. Den Vereinten Nationen zufolge müsste die landwirtschaftliche Nahrungsmittelproduktion bis 2050 weltweit insgesamt um 60 Prozent und in den Entwicklungsländern um das Doppelte steigen, um der wachsenden Bevölkerung und dem höheren Lebensstandard gerecht zu werden.

Der Wasserknappheit kann mit drei wesentlichen Lösungen begegnet werden: Die Länder müssen ihren Zugang zur Wasserversorgung ausweiten, die Effizienz des Zugangs erhöhen und die Qualität des bereitgestellten Wassers verbessern. Dies kann durch die Förderung von Investitionen in innovative Unternehmen, die sich auf Wassertechnologien spezialisiert haben – von Versorgungssystemen über Entsalzungsanlagen bis hin zur Abwasserwirtschaft – erreicht werden.

Ein Direktinvestment in Wasser ist im Gegensatz zu anderen natürlichen Ressourcen wie Öl, Gold oder nicht möglich. Stattdessen können Investments in Unternehmen getätigt werden, die Infrastruktur- Lösungen wie Pumpen und Rohrleitungen anbieten, oder in Unternehmen, die Wasseraufbereitungssysteme oder effiziente Bewässerungstechnik liefern.

In jüngster Zeit fließen zunehmend Gelder in Entsalzungsanlagen. 97 Prozent der Wasservorräte des Planeten befinden sich in den Ozeanen. Die Gewinnung von Süß- aus Salzwasser in heißen, trockenen Ländern mit großen Küstengebieten ist deshalb eine beliebte, wenn auch energie- und kostenintensive Alternative. Eine Studie von Frost and Sullivan aus dem Jahr 2015 geht davon aus, dass sich die Kapazität von Entsalzungsanlagen bis 2020 verdoppeln wird. Bis 2025 könnte der Anteil der Bevölkerung, die entsalztes Wasser verwendet, von einem Prozent auf 14 Prozent ansteigen.

Der Austausch alter Infrastruktur ist ebenso ein Bereich, der in den kommenden Jahren mehr und mehr Investitionen sehen wird. Ein gutes Beispiel sind die USA, wo ein Großteil der Wasserleitungen mittlerweile über 100 Jahre alt ist. Damit ist das Ende der Lebensdauer bald erreicht oder bereits überschritten. Laut American Society of Civil Engineers kommt es in den Vereinigten Staaten im Durchschnitt zu 650 Rohrbrüchen pro Tag.

Die Ausgaben für die Wasserinfrastruktur sind in den USA seit fast einem Jahrzehnt rückläufig. Da sich neue Investitionen aber nicht länger aufschieben lassen, beginnen die lokalen Behörden, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Der Ausbau wird allerdings nicht gerade billig: Die American Water Works Association schätzt, dass innerhalb der nächsten 25 Jahre mehr als eine Billion US-Dollar in das erdverlegte Trinkwassersystem gesteckt werden müsste.

Selbst für Unternehmen außerhalb des Wassersektors spielt Wasser bei Investitionen eine immer größere Rolle. Mit Tools zur Bewertung des Wasserverbrauchs können sie sich nun ein genaueres Bild davon machen, wo und wann in ihrem Betrieb und dem ihrer Lieferanten Wasser verwendet wird. Dies ermöglicht es, Schwachstellen in den Prozessen anzugehen. Durch Veröffentlichung solcher Informationen zusammen mit Energieverbrauch und CO2-Bilanz geben diese Fakten den Investoren besseren Einblick in das Geschäftsmodell von Unternehmen, wenn es um die Prüfung von Kriterien im Hinblick auf Umwelt, Soziales und Governance (ESG) geht.

Einige Firmen nutzen die Daten, um sich eigene „Wasserziele“ zu setzen. So hat sich Getränke-Gigant SAB Miller vorgenommen, anstelle von 3,3 nur noch 3 Liter Wasser pro Liter Bier zu verbrauchen. Konzerne wie Pepsi, Gap, Nike, Chevron und Dow haben umfassende Initiativen zur besseren Verwaltung ihres Wasserverbrauchs sowie zur Steigerung ihrer Rentabilität und Unterstützung von Gemeinden ins Leben gerufen.

Seit Jahren diskutiert man, ob Wasser „das neue Öl“ sei. Diese Analogie passt nicht wirklich, da Öl durch etwas anderes ersetzt werden kann, während man bei Wasser noch nach Ersatz sucht. Das macht Wasser zum wichtigsten Rohstoff der Erde.

Die wachsende Nachfrage muss daher ernst genommen werden. Die Erde verfügt allerdings über geeignete Alternativen und es gibt durchaus Lösungen: Wir wissen, wie wir Wasser aus Regionen, in denen viel vorhanden ist, in solche mit Wasserknappheit leiten. Wir wissen, wie wir Wasser sicher transportieren und lagern. Wir wissen, wie wir Salz- in Süßwasser umwandeln und wie wir mit Dürren umgehen oder Fruchtfolgen koordinieren.

Es gibt aber nach wie vor zu viele Länder, in denen die Infrastruktur einfach nicht den Standards entspricht. Hier helfen nur Zeit und Geld, damit die Lebensgrundlagen und das Leben selbst in Zukunft gesichert sind.

Über den Autor: Andreas Fruschki ist Lead Portfolio Manager und Analyst bei Allianz Global Investors, wo er seit 2005 tätig ist. Er ist Director of Equity Research Europe und ist zudem im Research zuständig für europäische Industrieunternehmen im Bereich Wasserwirtschaft und saubere Technologien. 

Anja Rechenberg 
Allianz SE
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