USA

Ein nicht stimmiger Jahresausklang 2015

Ende dieser Woche wird das Bureau of Economic Analysis die erste Schätzung für das BIP im Schlussquartal 2015 veröffentlichen. Die allgemeinen Erwartungen sind dabei auf ein enttäuschendes Wachstum gerichtet. Ein schwaches Ergebnis ist nicht zwangsläufig Vorbote einer anhaltend abgeschwächten Wirtschaftsaktivität. Im laufenden Zyklus waren bereits eine Reihe von Quartalen zu beobachten, in denen die Expansionsrate des BIP vorübergehend nahe an der Nulllinie oder sogar knapp darunter lag. Auch kontrastiert die tendenzielle Schwäche der Indikatoren des güterwirtschaftlichen Bereichs stark mit der sehr dynamischen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Möglicherweise wird sich erst im Zuge von Datenrevisionen ein stimmigeres Bild über die Verfassung der US-Wirtschaft zum Jahresende ergeben.

Die US-Wirtschaft ist nach einer sehr soliden Entwicklung in den mittleren Quartalen des Jahres im Schlussquartal 2015 vermutlich nur mit einer Jahresrate um etwa 1% gegenüber dem Vorquartal gewachsen. Deutliche Belastungen sind voraussichtlich von der fortgesetzten Drosselung der Lagerinvestitionen ausgegangen. Zwar hat dies auch zu einer mäßigeren Expansion der Einfuhren geführt, die weiterhin schwachen Exporte sprechen jedoch für einen erneut negativen Wachstumsbeitrag des Außenhandels. Und anhaltend rückläufige Investitionen des Energiesektors haben die Expansion der Anlageinvestitionen gedämpft. Zudem deutet die Entwicklung der öffentlichen Bauausgaben auf einen mäßigeren Anstieg der Staatsausgaben hin. Auch hat der Private Verbrauch an Schwung verloren. Letzteres ist zum Teil temporären Faktoren geschuldet, da angesichts der vergleichsweise milden Temperaturen der Energiebedarf gering war. Der deutliche Rückgang der Industrieproduktion im vierten Quartal war maßgeblich bedingt durch die Einschränkung des Outputs der Energieversorger.


Die Belege für ein klar gedämpftes Wirtschaftswachstum sind kaum in Einklang zu bringen mit dem stark beschleunigten Beschäftigtenaufbau im vierten Quartal. Mit Aufwärtsrevisionen für Oktober und November und einem Plus von 292 000 Beschäftigten im Dezember wurden im Mittel des vierten Quartals 284 000 Stellen pro Monat in den Sektoren außerhalb der Landwirtschaft geschaffen – gut 100 000 mehr als im vorausgegangen Dreimonatszeitraum. Überdies stand der Beschäftigtenzuwachs im Dezember auf einer breiten Basis. In den privaten Sektoren nahm das Arbeitsvolumen im Vorquartalsvergleich um 0,5% zu bzw. – wenn nur Arbeitnehmer ohne Leitungsfunktion berücksichtigt werden – um kräftige 0,7%. Die Beschäftigung reagiert zwar mit zeitlicher Verzögerung auf Veränderungen der Wirtschaftsaktivität. Dennoch besteht nach unseren Rechnungen zwischen der Veränderungsrate des Arbeitsvolumens und der zeitgleichen sowie der um eine Periode verzögerten Veränderungsrate der realen Wertschöpfung des Unternehmenssektors die höchste Korrelation. Entsprechend würde man bei einem unterstellten Wachstum der realen Wertschöpfung von lediglich 1% (Jahresrate) auch nur ein geringfügiges Plus beim Arbeitsvolumen erwarten.


Einbußen bei der Arbeitsproduktivität im Quartalsvergleich sind für den laufenden Zyklus zwar nicht ungewöhnlich. Allerdings sollte auch in Betracht gezogen werden, dass die bislang vorliegenden Daten die Wirtschaftsaktivität möglicherweise unterzeichnen. Deutliche Diskrepanzen zwischen Arbeitsmarktdaten und nachfrageseitigen Indikatoren zeigen sich etwa im Bausektor. Hier stieg das Arbeitsvolumen im vierten Quartal um mehr als 3% (nicht annualisiert) gegenüber dem Vorquartal. Dies war der stärkste Anstieg seit Mitte 2014. Gleichzeitig lagen die (nominalen) Bauausgaben im Oktober und No-vember aber nur um 0,4% über dem Niveau des dritten Vierteljahrs. Vor diesem Hintergrund erscheint eine nachträgliche Aufwärtskorrektur bei dieser Nachfragekomponente durchaus wahrscheinlich.


Für das laufende Quartal liegen noch keine „harten“ Indikatoren vor. Erste Umfrageergebnisse für Januar stützen jedoch unsere Einschätzung, dass die US-Wirtschaft ein Wachstum von 2½% (Jahresrate) erreichen kann. So hat sich der von der University of Michigan erhobene Index der Konsumentenstimmung trotz der starken Ausschläge an den Finanzmärkten weiter verbessert. Dies stützt unsere Erwartung, dass der aus soliden Realeinkommenszuwächsen resultierende Ausgabenspielraum in den kommenden Monaten auch genutzt wird. Gleichzeitig sind die unverändert guten Stimmungswerte bei den Wohnungsbaugesellschaften und die Tatsache, dass die Baugenehmigungen Ende 2015 um reichlich 8% über den Baubeginnen lagen, vereinbar mit einer weiteren Aufwärtsbewegung im Wohnungsbau. Nach wie vor liegen die Wohnungsbaubeginne deutlich unter ihrem längerfristigen Durchschnitt. Schließlich ist zu berücksichtigen, dass die Staatsausgaben in diesem Jahr erstmals seit 2009 voraussichtlich wieder einen sichtbar positiven Wachstumsbeitrag leisten werden, da sich der Kongress Anfang November auf eine Anhebung von Ausgabenobergrenzen im Bundeshaushalt verständigt hat.


Positiv zu sehen ist vor diesem Hintergrund die Wiederbefestigung des Einkaufsmanagerindex (Markit) für die Verarbeitende Industrie. Nach den vorläufigen Angaben trugen eine verbesserte Einschätzung der Neuaufträge und der Produktion zu der Erholung bei. Offensichtlich gibt die binnenwirtschaftliche Nachfrage trotz der fortgesetzten Anpassung im Energiesektor und dem schwierigen außenwirtschaftlichen Umfeld mit einem kräftig gestiegenen Außenwert des US-Dollar dem Sektor ausreichend Halt. Eine weitere Aufwertung wäre gleichwohl nur sehr schwer zu verkraften.

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Thomas Hofmann

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