Die Lehren aus der Fußballweltmeisterschaft

Jeder Fußballfan, den ich treffe, ist positiv überrascht über das hohe Maß an Wettbewerb und Leistung bei dieser Weltmeisterschaft. Ein Beispiel war  der bemerkenswerte Start Costa Ricas. Eine ganze Reihe nicht traditioneller Teams, die von den großen Namen im Fußball einst als reine Nieten, ja gar als störend betrachtet wurden, haben sich erstaunlich gut geschlagen.

 

Einige der einst leistungsstarken Teams, wie z.B. England, Italien und Spanien, sind aus dem Rennen und schafften es nicht über die Anfangsphase der Ausscheidung hinaus. Andere, so Argentinien, Deutschland und Portugal, stießen auf kampfbereite Teams, die sie das Fürchten lehrten; sie mussten diese scheinbar schwächeren Konkurrenten durchaus ernst nehmen.

 

Hier hat sich ziemlich viel geändert. Vor nicht allzu langer Zeit fehlte es den ersten Weltmeisterschaftsrunden an Spannung, und zwar so sehr, dass einige Fans sogar die Entscheidung der FIFA bedauerten, die Zahl der teilnehmenden Mannschaften zu erhöhen, um mehr Ländern außerhalb von Europa und Südamerika eine Chance zu bieten. Diese Ausweitung trug dazu bei, dass mehr Fans weltweit zu den Weltmeisterschaften anreisten. Zudem zog sie Spieler an, die ihre Aufgabe in der Nationalmannschaft gegen ein Engagement in vergleichbaren Verbands- und Regionalligen tauschten, und zwar besonders in Europa.

 

Außerdem gibt es auch gute Gründe zu behaupten, dass der überraschende Verlauf der Weltmeisterschaft dieses Jahr zusammenhängt mit früheren Entscheidungen der europäischen Nationalmeisterschaften, es einer größeren Zahl ausländischer Spieler zu gestatten, den einzelnen Teams beizutreten. Das bot talentierten Ballkönigen aus Afrika, Asien, Zentralamerika und dem mittleren Osten die Chance, ihre vorhandenen Fähigkeiten auszubauen und neue in wettbewerbsfähigeren und besser organisierten Ligen zu erwerben. Die Spieler lernen sich jetzt auch vor den wichtigen Ausscheidungen genauer kennen. Das wiederum führt dazu, dass die nicht traditionellen Vereine weniger eingeschüchtert sind, wenn sie sich den einstige Matadoren der Weltmeisterschaft gegenüber sehen.

 

Der Strom von Trainern und älteren Spielern in entgegengesetzter Richtung hat ebenfalls positiv dazu beigetragen. Man führe sich nur einmal vor Augen, wie viele erfahrene Westeuropäer Manager nicht traditioneller Teams sind. Mittlerweile gibt es selbst in der Major League Soccer, Amerikas aufstrebender nationaler Fußball-Klasse, etliche Spieler aus den nationalen Teams, die in Brasilien spielen.

 

Was gut für den Sport insgesamt ist, ist nicht für jedes Team gut. Einige, der traditionelleren nationalen Mannschaften fühlen sich durch diese Entwicklungen geschwächt. In England gab es daher Vorschläge, strengere Grenzen für die Zahl ausländischer Spieler in jeder Nationalmannschaft festzulegen. Einige Teams sind auch der Ansicht, dass die engen Zeitpläne der Clubs eine Vorbereitung auf Länderspiele erschweren.

 

Dennoch gibt es Möglichkeiten für die alteingesessenen Vereine, mit den Herausforderungen, denen sie sich gegenüber sehen, zurecht zu kommen. Dazu bedarf es einer verbesserten Disziplin und Organisation gepaart mit Anstrengungen, Ihre Strategie zu optimieren und zu modernisieren. Deutschland hat z.B. schon etliches in dieser Hinsicht unternommen (obwohl es selbst für diese beständige Fußballnation noch kein sicheres Geleit aus der ersten Runde gibt).

 

Ich bin auch der Ansicht, dass dieser großartige internationale Wettkampf, den wir derzeit erleben, einige Einblicke in die größeren Herausforderungen gewährt, denen sich die Weltwirtschaft jetzt stellen muss: z. B. was die Länder und Unternehmen verbessern sollten, um das Wachstum zu steigern, Stellen zu schaffen, Ungleichheit zu beseitigen und mehr Wohlstand für die Mehrzahl der Menschen zu generieren.

 

Und zwar:

 

  • Verbesserung des Zugangs von Talenten - unabhängig davon, wo sie sich befinden - zum Wettbewerb, der es den Betreffenden gestattet, sich weiter zu entwickeln.

  • Gewährleistung, dass dieses Talent in einem fairen, kompetitiven und regelbasierten Umfeld konkurrieren kann

  • Bereitstellung eines organisierten Rahmens, in dem diejenigen, die derzeit in den Genuss vereinfachten Zugangs kommen, gelegentlich nach Hause zurückkehren können, um so die Situation in ihren lokalen Volkswirtschaften zu verbessern.

  • Anpassung an sich wandelnde Verhältnisse und Verbreitung besserer Führungspraktiken, damit die herkömmlichen Wirtschaftsgiganten nicht durch den Paradigmenwechsel paralysiert werden, auch wenn ihr traditioneller Vorteil ausgehöhlt wird.

Es gab einmal eine Zeit, in der ähnliche Überlegungen die regionalen und globalen Anstrengungen zur Förderung freieren und faireren Handels mit Waren und Dienstleistungen in Kombination mit sicherer Mobilität von Kapital und Arbeitskräften untermauerten. In den letzten Jahren jedoch wurde dieses Szenario unterminiert von wachsendem Nationalismus und wirtschaftlicher Isolation, angeheizt durch lang anhaltende Perioden geringen Wachstums und hoher Arbeitslosigkeit.

 

Vielleicht ist es an der Zeit - und daran erinnert uns diese Weltmeisterschaft - zu einigen naheliegenden und einfachen Grundregeln zurück zu kehren.

 

Von Mohamed A.El-Erian, im Original erschienen auf Bloomberg view am 26.6.2014. Abdruck mit Einverständnis. Die Meinungen im Artikel entsprechen denen des Autors.

Mohamed A. El-Erian, Chief Economic Adviser der Allianz.
Mohamed A. El-Erian, Chief Economic Adviser der Allianz.

Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen:

 

Petra Brandes
Allianz Group
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