Was bedeutet die Populismus-Welle für Unternehmen?

Die Populismus-Welle verunsichert die Wirtschaft. Unternehmen müssen sich deshalb für politische und regulatorische Schocks wappnen, schreibt Katinka Barysch im Vorfeld der Veröffentlichung des Allianz Risk Barometer 2018.

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Populismus

Das Brexit-Votum und die Präsidentschaftswahlen in den USA haben Ängste geschürt, dass eine Populismus-Welle westliche Demokratien erfassen könnte. Nachdem die populistischen Kandidaten in entscheidenden Wahlen in Europa keine Mehrheiten erzielen konnten, beruhigten sich diese Befürchtungen.

Doch die Gefahr ist nicht gebannt.

Warum ist Populismus eigentlich ein Problem? Historisch gesehen haben populistische Regierungen oft Wirtschaftswachstum und Kapitalmärkte angefeuert, zumindest kurzfristig. Der Preis dafür ist allerdings erhöhte Unsicherheit und Volatilität.

Populisten, die sich ja gerne als die „Stimme des Volkes“ präsentieren, schwächen Gewaltenteilung und Pluralismus. Wenn sie Wahlerfolge erzielen, zersplittert das etablierte Parteiensystem und es wird schwerer, stabile Koalitionen zu bilden, wie wir es zuletzt in Spanien, den Niederlanden und dann auch in Deutschland gesehen haben. Und ihr Faible für einfache Lösungsansätze macht eine tragfähige Wirtschaftspolitik fast unmöglich. Sowohl ihre politischen als auch wirtschaftlichen Ansätze sind riskant für langfristiges Wachstum.

Warum besteht die Gefahr fort? Weil – unabhängig vom Ausgang bestimmter Wahlen - die Trends, die der Populismus-Welle zugrunde liegen, nicht abflauen. Diese sind: die zunehmende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen, eine immer tiefer gehende Spaltung der Gesellschaft in punkto Werte und Ansichten, das schwindende Vertrauen in alle öffentlichen Institutionen und die etablierten Volksparteien, was wir schon seit Jahrzehnten beobachten. Die Schlussfolgerung: Der Umbruch in den westlichen Demokratien ist noch lange nicht abgeschlossen. Wenn man zu den oben genannten Trends noch die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Umwälzungen der digitalen Revolution hinzufügt, dann wird schnell klar, dass die westlichen Demokratien in absehbarer Zeit nicht zur gewohnten Stabilität zurückkehren werden.

Unternehmen müssen sich also auf Risiken vorbereiten, die durch politische Umbrüche entstehen könnten. Traditionelle Risikomanagementmodelle reichen hier unter Umständen nicht aus. Ein neuer Ansatz muss her.

Neue Ansätze

Das ist leichter gesagt als getan. Selbst Großkonzernen fällt es oft nicht leicht, die den Risiken zugrundeliegenden Trends zu erkennen. Warum? Unternehmen verlassen sich in der Regel auf Analysen von Volkswirten und diese sind zumeist auf bestimmte Länder spezialisiert. Doch wenn sich Risikoanalysen auf messbare Konjunkturdaten und länderspezifische Beobachtungen beschränken, werden sich breitere, länderübergreifende oder nicht quantifizierbare Trends nicht offenbaren.
  

Ein Beispiel dafür ist, wie Analysten ursprünglich auf die Erfolge der Populisten reagiert haben: Anfänglich schrieben sie den zunehmenden Populismus in Griechenland der Eurokrise zu; in Deutschland der Flüchtlingskrise; in den USA dem Niedergang der weißen Mittelschicht; in Österreich dem politischen Klüngel und so weiter.
  

Als sich der Populismus allerdings auf fast alle westlichen Demokratien ausbreitete, schwante es den meisten, dass es wohl länderübergreifende Erklärungsansätze geben muss. Solche Denkansätze sind vielleicht noch recht neu. Aber jedes international aufgestellte Unternehmen muss die den Risiken zugrunde liegenden Trends im Auge haben und verstehen. Denn es sind die Trends, nicht nur einzelne politischen Ereignisse, die zur Destabilisierung des internationalen Systems führen und auch die Entwicklung in einzelnen Ländern beeinflussen können.
  

Im heutigen, unsicheren Umfeld können es sich Unternehmen nicht erlauben, sich nur mit Konjunkturzyklen und Marktwachstum zu beschäftigen. Sie müssen auch die Auswirkungen politischer Umwälzungen abschätzen können. Nur so können sie auf Schocks wie Brexit oder die Flüchtlingskrise angemessen reagieren.
  

Es geht nicht darum, jedes Ereignis korrekt vorherzusagen. Überhaupt lassen sich politische Entwicklungen nur schwer prognostizieren. Den Arabischen Frühling etwa oder den Konflikt in der Ukraine hatte so gut wie niemand vorausgesagt. Angesichts dieser Schwierigkeit ist es umso wichtiger, dass sich die Unternehmen der Bandbreite an möglichen Szenarien bewusst sind. Dazu müssen sie die treibenden Kräfte und Trends identifizieren, sich verschiedene mögliche Folgen ausmalen und auch Extremrisiken (Tail Risks) in Betracht ziehen. Auf Grundlage solcher Szenarien können Unternehmen dann Strategien des Hedgings und der Diversifizierung verfolgen, Kontingenzpläne entwickeln und Stresstests durchführen, um ihre Vermögenswerte auch in Extremsituationen zu schützen.

Katinka Barysch, Director of Political Relations bei der Allianz SE
Katinka Barysch, deutsche Ökonomin und Publizistin, ist Director of Political Relations in der Forschungsabteilung der Allianz SE. Sie studierte Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften und Recht an der Ludwig-Maximilians-Universität München und erlangte einen Master of Science in International Political Economy an der London School of Economics.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt

Es heißt „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“. Solche Vorbereitungen sind aber weder einfach noch billig. Einige Unternehmen, wie Royal Dutch Shell, haben ganze Abteilungen nur für die Szenario-Entwicklung etabliert. Andere engagieren politische Risikoberatungen. Diese sind aber unter Umständen nicht kosteneffizient, insbesondere da ihre Analysen für die Geschäftsplanung spezifischer Unternehmen und Branchen oft zu allgemein und abstrakt sind.

Dennoch ist es für Firmen wichtig, sich mit den Quellen von politischer Instabilität zu beschäftigen. Warum scheint die Firmenwelt auf die gestiegenen politischen Risiken eher langsam zu reagieren?

Das hat auch damit zu tun, dass wir uns wahrscheinlich am Ende einer Ära befinden. Nach Ende des Kalten Krieges genoss die Welt eine lange Periode außergewöhnlicher politischer Stabilität, sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene. Wenn wir uns jetzt aber die Trends anschauen, sowohl die oben genannten, die die Innenpolitik umwälzen, als auch globale Trends wie die Machtverschiebung von West nach Ost und das Zerbröckeln der internationalen Institutionen, dann wird klar: Diese Periode neigt sich dem Ende zu. Aber es fällt vielen Investoren und Managern wohl noch schwer, hier umzudenken. Das alte Denkmuster – geprägt von der Beständigkeit - erschwert es uns zu erkennen, wie grundlegend sich die Welt gerade verändert. Auf jeden Fall ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich in absehbarer Zeit wieder ein „Normalzustand“ in Form von stabilen Demokratien und einer offenen, globalisierten Wirtschaft einstellen wird.

In einer Welt, die sich in so vielen Facetten wandelt, sind langfristige Investitionsentscheidungen ein echtes Wagnis. Das ist auch ein Grund, weshalb westliche Unternehmen Billionen von Gewinnen lieber horten als zu investieren. Doch das kann auch dazu führen, dass Chancen ungenutzt bleiben. Denn eine Umwälzung kann ja auch positive Folgen haben. Zum Beispiel: Die Veränderungen, die wir derzeit in den westlichen Demokratien beobachten, führen in manchen Fällen zu Populismus und Unsicherheit. Sie können aber auch dynamischen Reformern wie Emmanuel Macron zur plötzlichen Macht verhelfen.

Unternehmen müssen sich an diese neuen Bedingungen politischer Unsicherheit anpassen. Sie müssen wachsam bleiben und kontinuierlich die weltweite Situation im Auge behalten. In dieser Situation etwas mehr in die politische Risikoanalyse und das Risikomanagement zu investieren ist auf jeden Fall eine vernünftige Entscheidung.

Über das Allianz Risk Barometer

Beim Allianz Risk Barometer handelt es sich um eine jährliche Studie, die auf Grundlage einer Befragung von Risikoexperten die wichtigsten Risiken für Unternehmen ermittelt. Die siebte Ausgabe, die Einblicke von mehr als 1900 Experten aus 80 Ländern bietet, wird im Januar 2018 veröffentlicht. 

Hier finden Sie das Allianz Risk Barometer 2017.

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Susanne Seemann
Allianz SE
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