Die Geschichte des Underwritings neu schreiben: Wie man die Komplexität moderner Risiken bewältigt

Der Artikel wurde ursprünglich auf der Website World Economic Forum (Weltwirtschaftsforum) am 16. Januar 2024 hier veröffentlicht.

Der Begriff „Unversicherbarkeit“ sorgt für Schlagzeilen und wachsende Besorgnis. Berichte über Versicherer, die sich aus dem kalifornischen Immobilienmarkt zurückziehen, weil es immer schwieriger wird, Naturkatastrophen wie Waldbrände zu bepreisen, oder über die Bewohner Floridas, die den US-Staat wegen der in die Höhe geschnellten Kosten für die Versicherung von Hausbesitzern verlassen, heizen die Debatte über die grundsätzliche Versicherbarkeit von klimabedingten Risiken an. Unterdessen warnt Lloyds of London vor einem hypothetischen Szenario: Die Weltwirtschaft könnte durch einen großen Cyberangriff auf Zahlungssysteme 3,5 Billionen Dollar verlieren – Verluste, die der private Versicherungssektor alleine nicht auffangen würde. 

Die Untersuchung solcher Szenarien ist Routine im Risikomanagement, aber die Schlagzeilen lösen eine ehrliche Diskussion über den Preis der Priorisierung von Sicherheit aus, sei es vor Umweltkatastrophen, die durch menschliche Aktivitäten verursacht werden, oder vor digitalen Piraten. Dies ist zwar an sich eine sinnvolle Debatte, aber sie geht oft mit einer falschen Schlussfolgerung einher. Nämlich jener, dass es den Versicherern zunehmend schwer fällt, die wichtigsten und besorgniserregendsten Risiken von heute – wie den Klimawandel oder die Cybersicherheit – zu bewerten und zu managen, und dass sie sich sogar von ihnen zurückziehen. Der Ruf nach staatlicher Unterstützung kann nur eine Teilantwort auf katastrophale Höchstschadenszenarien sein. Als Branche müssen und wollen wir in der Lage sein, Lösungen für das anzubieten, was unsere Kunden nachts wachhält. 

Heute haben wir das Allianz Risk Barometer 2024 veröffentlicht. Dieser beleuchtet die drängendsten Risiken, mit denen globale Unternehmen konfrontiert sind.

Der Bericht zeigt, dass die Cybersicherheit weltweit das größte Risiko darstellt. Cyberangriffe und IT-Ausfälle erreichten im Jahr 2023 Rekordverluste, die vor allem auf ein Wiederaufleben von Ransomware und Erpressung zurückzuführen sind. Cyberbedrohungen entwickeln sich weiter, wobei Hacker zunehmend IT- und physische Lieferketten ins Visier nehmen, massenhafte Cyberangriffe starten und neue Wege finden, um Geld von großen und kleinen Unternehmen zu erpressen.

Naturkatastrophen und extreme Wetterverhältnisse sind das drittgrößte Risiko, nachdem sie im letzten Jahr noch auf Platz sechs lagen. Der Klimawandel bleibt auf Platz sieben der weltweit größten Geschäftsrisiken. Die Entwicklung der Schäden durch Naturkatastrophen ist stetig gestiegen. Im Jahr 2023 überstiegen die versicherten Schäden aus Naturkatastrophen laut Swiss Re das vierte Jahr in Folge die Marke von 100 Milliarden US-Dollar – eine Summe, die auf die Klimaerwärmung zurückzuführen ist. An zweiter Stelle des diesjährigen Risikobarometers stehen Betriebsunterbrechungen, die häufig durch Cyber- oder Naturkatastrophen verursacht werden.

Klar ist, dass Cyber- und Klimarisiken beispielhaft für das Wesen moderner Risiken sind: Sie verändern sich ständig und entwickeln sich weiter, sind auf der Grundlage früherer Erfahrungen schwer vorhersehbar, hochkomplex, miteinander verbunden und auf globaler Ebene voneinander abhängig – und nicht zuletzt können sie katastrophale Schadensszenarien verursachen, die diese Risiken zu potenziell systemischen Risiken machen könnten.

Diese Risiken sind in der Tat beängstigend und dennoch nicht unkontrollierbar. Wir in der Versicherungs- und Rückversicherungsbranche verfügen über die Fähigkeiten, das Talent und das Fachwissen, um diese Herausforderungen zu meistern, aber wir müssen die Geschichte des Underwritings neu schreiben und dabei fortschrittliche Instrumente, erweiterte Rollen und innovative Ansätze nutzen. Insbesondere müssen die Versicherer in den folgenden drei Bereichen vorankommen: 

  1. Kontinuierliche Verbesserung der technischen Qualität: Technologie und umfangreichere Datensätze werden Modellierung und Risikobewertung kontinuierlich verbessern und es den Versicherern damit ermöglichen, ihre Risiken in ihren Portfolien besser zu verstehen und sie mit größerer Sicherheit zu versichern. Sie werden uns auch dabei helfen, moderne Risiken mit einem zukunftsorientierten Ansatz zu analysieren, anstatt durch den Rückspiegel historischer Schadensanalysen. Maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz können große Datenmengen analysieren, um potenzielle Cyber-Bedrohungen zu erkennen und vorherzusagen. Und technisches Fachwissen, das durch Daten gestützt wird, wird uns in die Lage versetzen, neue und weitgehend unerprobte nachhaltige Materialien oder kohlenstoffarme Technologien – von Massivholz bis zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung – zu bewerten, so dass wir es wagen können, grüne Leuchtturmlösungen zu versichern.
  2. Innovative Produktlösungen: Das traditionelle Underwriting physischer Risiken wird der Realität der sich entwickelnden extremen Klimaauswirkungen oder der immateriellen Cyber-Bedrohungen nicht gerecht. Die Versicherer müssen sich weiterentwickeln, indem sie neue Wege des Risikotransfers gehen und sich über die traditionelle Versicherungsleistung der finanziellen Entschädigung hinaus engagieren. Als Branche müssen wir Produkte entwickeln, die ein starkes Risikominderungselement mit Versicherungsschutz kombinieren, und bestehende alternative Risikotransferlösungen weiterentwickeln, um für die Mehrheit der Versicherten verfügbar zu machen. AM Best geht beispielsweise davon aus, dass parametrische Produkte einen wachsenden Anteil in der Versicherungswelt ausmachen werden. Parametrische Produkte schützen einen Versicherungsnehmer gegen das Eintreten eines bestimmten Ereignisses, indem sie einen bestimmten Betrag auf der Grundlage eines vorher festgelegten Auslösers zahlen – im Gegensatz zum Ersatz des Schadens in einer traditionellen Deckungslösung. 
  3. Erweiterung des Wertversprechens der Versicherung: Bei Versicherungen geht es nicht mehr nur um die Regulierung von Schadensfällen. Als Branche nutzen wir Versicherer unser Risikowissen zu wenig, um Prävention und Vorsorge zu fördern. Wir sind es der Gesellschaft und unseren Stakeholdern schuldig, das Werteversprechen der Versicherer so zu erweitern, dass es die Unterstützung von Anpassungs-, Minderungs- und Resilienzmaßnahmen der Kunden einschließt. Unsere Risikobewertungen könnten auch wichtige Dienstleistungen zur Risikominderung umfassen. Eine derartige Erweiterung des Wertversprechens der Versicherer verbessert die Widerstandsfähigkeit von Kunden, minimiert Verluste und Geschäftsunterbrechungen und verbessert die Versicherbarkeit gerade in Fällen und Regionen mit einem höheren Gefährdungspotenzial. All diese Vorteile stärken die Wirtschaft auch auf lokaler Ebene. Die Versicherungsnehmer müssen ihren Teil zu diesen Risikopartnerschaften beitragen und sich gemeinsam mit ihrem Versicherer aktiv für die Schadensbegrenzung und -vorbereitung einsetzen. Die Versicherer können auch durch Risikoaufklärung einen wichtigen Beitrag leisten, um das Risikobewusstsein in der Gesellschaft und in der Wirtschaft zu erhöhen.

Versicherer sind seit jeher integrale Wirtschafts- und Geschäftspartner, die ihren Kunden Risikofreiheit bieten und es ihnen ermöglichen, sich auf das zu konzentrieren, was sie am besten können – Innovationen zu wagen, zu konkurrieren und zu wachsen. Als Branche verfolgen wir bislang einen transaktionalen Ansatz der Zusammenarbeit: Wir konzentrieren uns auf die Deckung von Risiken und die Zahlung von Schäden und nutzen noch zu wenig unser weitergehendes Partnerschaftspotenzial. Wir können es besser machen.

Um die Vorsorge und Prävention gegen moderne Risiken zu fördern, müssen wir den Wert von Kooperationen und Partnerschaften ausschöpfen. Partnerschaften mit Unternehmen, um ihnen zu helfen, widerstandsfähiger und wettbewerbsfähiger zu werden. Partnerschaften mit Regierungen, um Lösungen für katastrophale Spitzenverlustszenarien zu finden. Partnerschaften mit Einzelpersonen, Institutionen und der Gesellschaft, um ihnen ein Gefühl der Sicherheit und ein besseres Risikobewusstsein zu vermitteln und zugleich Schadensprävention und Widerstandsfähigkeit auf gesellschaftlicher Ebene voranzubringen. 

Autor: Christopher Townsend ist Mitglied des Vorstands der Allianz SE, Global Insurance Lines & Anglo Markets, Reinsurance, Iberia & Latin America, Middle East, Africa
Allianz Risk Barometer 2024
Allianz Board of Management
Die Allianz Gruppe zählt zu den weltweit führenden Versicherern und Asset Managern und betreut rund 125 Millionen* Privat- und Unternehmenskunden in knapp 70 Ländern. Versicherungskunden der Allianz nutzen ein breites Angebot von der Sach-, Lebens- und Krankenversicherung über Assistance-Dienstleistungen und Kreditversicherung bis hin zur Industrieversicherung. Die Allianz ist einer der weltweit größten Investoren und betreut im Auftrag ihrer Versicherungskunden ein Investmentportfolio von etwa 746 Milliarden Euro**. Zudem verwalten unsere Asset Manager PIMCO und Allianz Global Investors etwa 1,8 Billionen Euro** für Dritte. Mit unserer systematischen Integration von ökologischen und sozialen Kriterien in unsere Geschäftsprozesse und Investitionsentscheidungen sind wir unter den führenden Versicherern im Dow Jones Sustainability Index. 2023 erwirtschafteten über 157.000 Mitarbeiter für den Konzern einen Umsatz von 161,7 Milliarden Euro und erzielten ein operatives Ergebnis von 14,7 Milliarden Euro.
* Einschließlich nicht konsolidierter Einheiten mit Allianz Kunden.
** Stand: 31. März 2024
Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen:
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