Schwellenländer: Nachhaltige Kehrtwende der Kapitalzuflüsse?

Seit einigen Monaten erfreuen sich die Schwellenländer wieder großer Beliebtheit unter Portfolioinvestoren. Ist diese Entwicklung durch grundlegende Verbesserungen in den Schwellenländern selbst getrieben oder ist sie eher Ausdruck einer zumindest vorübergehend wieder erhöhten Risikobereitschaft an den internationalen Finanzmärkten?

Betrachtet man aktuelle Konjunkturindikatoren in Asien, Lateinamerika und Osteuropa, so ergibt sich in der Breite aller Länder das Bild einer konjunkturellen Seitwärtsbewegung – also weder eine signifikante Wachstumsbeschleunigung noch eine signifikante Wachstumsverlangsamung. Eine der wenigen Ausnahmen hierzu bildet Russland, wo sich nach dem scharfen Konjunktureinbruch im vergangenen Jahr derzeit zumindest eine konjunkturelle Stabilisierung abzeichnet.

Die verstärkten Kapitalzuflüsse in die Schwellenländer können also nicht allein auf ihre konjunkturelle Entwicklung zurückzuführen sein. Die Hauptgründe hierfür müssen im Umfeld der Schwellenländer zu finden sein. Tatsächlich haben in den vergangenen Monaten insbesondere zwei exogene Parameter eine Entwicklung genommen, die aus der Sicht von Emerging Market-Investoren für Engagements in dieser Ländergruppe durchaus günstig ist. Zum einen hat sich der zum Teil seit Jahren andauernde Preisverfall bei Rohstoffen nicht weiter fortgesetzt. Zum anderen zeichnet sich angesichts des geldpolitischen Kurses der großen Notenbanken ab, dass uns das Niedrigzinsumfeld voraussichtlich noch für lange Zeit erhalten bleiben und damit auch die globale Jagd nach Rendite erst einmal weitergehen wird. Von dieser Jagd nach Rendite profitieren die Schwellenländer, ohne dass sich die konjunkturelle Lage dort selbst substanziell verbessert hat. Daher muss man davon ausgehen, dass die Volatilität in den Kapitalströmen zwischen Industrie- und Schwellenländern in den kommenden Monaten erhöht bleiben wird. Sollte beispielsweise die amerikanische Notenbank Fed die Zinsen stärker und/oder zügiger anheben, als dies bislang von den Märkten eingepreist wird, könnten die Investoren rasch wieder von einem „risk-on“-Modus in einen „risk-off“- Modus umschalten und Kapital aus den Schwellenländern abziehen.

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