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Unnötige Zinssenkung

Eine weitere Zinssenkung der Europäischen Zentralbank wäre angesichts der anhaltenden Konjunkturerholung und recht positiver Wirtschaftsumfragen im Euroraum nicht erforderlich gewesen. Weder gehen von einer Zinssenkung um 10 Basispunkte nennenswerte Wirkungen auf die Konjunktur aus, noch beeinflusst sie die aktuelle Preisentwicklung, die auch für die Inflationserwartungen eine wichtige Rolle spielt. Der Außenwert des Euro dürfte allenfalls durch psychologische Effekte kurzfristig gedämpft werden, denn substantielle Veränderungen ergeben sich durch die zinspolitischen Entscheidungen nicht. Während die Zinsentscheidung nur wenig Nutzen bringt, trägt sie mittelfristig zur Entstehung weiterer Finanzmarktrisiken bei. Die Investoren werden diese Zinssenkung als weiteres Signal werten, nur bei risikoreichen Anlagen befriedigende Erträge erwirtschaften zu können. Übertriebene Risikobereitschaft ist aber der Nährboden für Ungleichgewichte an den Märkten.


Das Experiment eines negativen Einlagenzinses zu wagen, birgt mehr Risiken als Chancen. Damit der Geldmarkt wieder richtig funktioniert, ist Vertrauen nötig, nicht Zwang. Die erhoffte Schwächung des Euro zu erreichen, mag via Signalwirkung gelingen. Aber ist es wirklich der richtige Weg, ausländische Investoren abzuschrecken und Banken Anreiz zu geben, Mittel außerhalb der EWU anzulegen?


Die Verlängerung der unbegrenzten Liquiditätszuteilung bis Ende 2016 und die Ausschreibung zweier neuer sehr langfristiger Refinanzierungsgeschäfte stellen eine sehr weitgehende Selbstverpflichtung der Notenbank dar, sie sind aber im Unterschied zur Zinssenkung im Grundsatz als positiv anzusehen. Die Maßnahmen stellen eine sinnvolle und noch benötigte Liquiditätshilfe dar, da das Vertrauen der Geschäftsbanken untereinander nach wie vor nicht vollständig hergestellt ist, Banken aus Krisenländern von der Inanspruchnahme von Notenbankkrediten noch immer in beträchtlichem Maße abhängig sind und die Restlaufzeit der Dreijahrestender inzwischen unterjährig ist. Die Bindung an Kreditvergabe trifft zum einen den wunden Punkt im Transmissionsmechanismus und verhindert zugleich, dass die Mittel wieder unmittelbar zum Kauf von Staatsanleihen verwendet werden. Dass die Verzinsung über rund vier Jahre auf dem Leitzins (plus 10 Basispunkte) festgeschrieben wird, der zum Startzeitpunkt der Refinanzierungsgeschäfte im September bzw. Dezember 2014 gilt, ist allerdings kritisch zu sehen. Den Banken wird damit Liquidität über einen langen Zeitraum zu voraussichtlich sehr niedrigen Zinsen zur Verfügung gestellt. Dies mindert den Anreiz für die Banken, ihre Bilanzen auf eine solide Basis zu stellen.


Insgesamt entspringt das Maßnahmenpaket der EZB der Logik, dass deflationäre Tendenzen derzeit eine erhebliche Gefahr darstellen. Diese Sichtweise teilen wir nach wie vor nicht und sehen in den niedrigen Inflationsraten vornehmlich die Effekte notwendiger interner Anpassungsprozesse und einer günstigen Entwicklung einer Reihe von Weltmarktpreisen. Die neuen Inflations-Projektionen der EZB enthalten weiterhin die Erwartung, dass sich die Teuerungsraten mittelfristig wieder deutlich nach oben bewegen. Schon von daher sollte nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen werden. Wenn die Risikobereitschaft der Investoren und die Jagd nach Rendite infolge der Nullzinspolitik weiter steigt, mehren sich die Gefahren für Rückschläge an den Finanzmärkten. Dies verstärkt in Betracht zu ziehen, hieße auch „leaning against the wind“ zu betreiben. Neben der Wahrung von Preisstabilität muss auch der Entstehung von Finanzmarktblasen entgegengewirkt werden. Dies sollte die Lehre aus den beiden vorangegangene Jahrzehnten sein. Denn einer erneuten Krise an den Finanzmärkten, die aus überzogener Risikobereitschaft resultiert, hätten weder die EZB noch die Finanzpolitiker etwas entgegenzusetzen.

Michael Heise

Allianz SE
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