Kein Wachstum in Sicht

Zunächst ein Blick zurück: Seit der Krise im Jahr 1998, die in der Zahlungsunfähigkeit des russischen Staates gipfelte, verzeichnete die russische Wirtschaft eine lang andauernde Phase sehr dynamischen Wachstums. In den vergangenen 15 Jahren wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) um durchschnittlich 5% pro Jahr, dabei ist der massive Einbruch um annähernd 8% im Jahr 2009 bereits berücksichtigt. Dieses kräftige Wachstum spiegelt sich auch in der inzwischen erreichten Größe der russischen Volkswirtschaft wider: 2013 lag das nominale BIP bei annähernd 2.100 Mrd. US-Dollar. Damit hat es sich seit 1999 verzehnfacht. Garanten dieser Entwicklung waren steigende Ölpreise, eine zunehmende Auslastung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital sowie eine erfolgreiche makroökonomische Stabilisierung. So beliefen sich die Devisenreserven Ende 2013 auf knapp 470 Mrd. US-Dollar, was einer komfortablen Importdeckung von mehr als zehn Monaten entspricht. Auch die Staatsverschuldung gibt insgesamt wenig Anlass zur Sorge. In Relation zum BIP liegt die Verschuldung des gesamten öffentlichen Sektors gerade einmal bei 11%.

Wachstumsverlangsamung vor allem strukturell bedingt

In den vergangenen Jahren hat die russische Wirtschaft jedoch sukzessive an Fahrt verloren. 2010 verzeichnete das reale BIP noch einen Anstieg von 4,5%. 2013 belief sich das Plus auf lediglich 1,3% – ein für Schwellenländer niedriger Wert. Diese graduelle Wachstumsabschwächung ist nur zum Teil zyklisch bedingt. Sie hat vor allem damit zu tun, dass das Wachstumsmodell, das Russland über viele Jahre hohes Wirtschaftswachstum bescherte, seine Grenzen erreicht hat: Die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital sind inzwischen gut ausgelastet und der Ölpreis ist, nachdem er sich zwischen Mitte 2012 und Mitte 2014 mehr oder weniger seitwärts bewegt hat, in den vergangenen Monaten kräftig gesunken.


Notwendig wäre jetzt die Umsetzung einer umfangreichen wirtschaftspolitischen Reformagenda, um das mittel- und langfristige Wachstumspotenzial der russischen Wirtschaft wieder spürbar anzuheben. Von zentraler Bedeutung sehen wir hierbei eine nachhaltige Verbesserung des Geschäftsklimas. Dringender Handlungsbedarf  besteht auch bei Investitionen in Humankapital, der Diversifizierung der russischen Wirtschaft weg vom Öl- und Gassektor, der Reform des Rentensystems sowie beim fiskalpolitischen Regelwerk. Die Bereitschaft der russischen Politik zu tiefgreifenden Reformen schätzen wir derzeit als eher begrenzt ein. Ohne ein Ende des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine erscheint insbesondere eine Verbesserung des Geschäftsklimas in der russischen Wirtschaft nicht vorstellbar. Insgesamt gehen wir nicht davon aus, dass in naher Zukunft substanzielle Teile der oben kurz umrissenen Reformagenda umgesetzt werden. Auf mittlere und lange Sicht erscheint damit ein Wirtschaftswachstum von deutlich mehr als 2 bis 2½% pro Jahr kaum realisierbar.

Kurzfristig kein Wachstum in Sicht                                                                             


Die kurzfristigen Konjunkturaussichten Russlands stehen ganz im Zeichen der wirtschaftlichen Folgen des Russland-Ukraine-Konflikts. Diese machen sich insbesondere beim privaten Konsum und bei der Investitionstätigkeit bemerkbar. Seit Jahresbeginn hat der Rubel (trotz erheblicher Interventionen seitens der russischen Zentralbank) deutlich an Wert verloren. Gegenüber dem US-Dollar beläuft sich das Minus bislang auf 30%. Die Abwertung schürt die ohnehin schon chronisch hohe Inflation. Im Oktober lagen die Verbraucherpreise um 8,3% über dem entsprechenden Vorjahreswert (Januar 2014: +6,1%). Steigende Verbraucherpreise belasten die Realeinkommen und damit den realen privaten Konsum. Beide dürften 2014 um nicht mehr als 1,5% zulegen. Auch für 2015 ist keine Besserung in Sicht, wir rechnen mit einem Plus von jeweils nur 1%. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr verzeichneten sowohl die Reallöhne als auch der reale private Verbrauch Zuwächse von etwa 5%.


Besonders deutlich schlägt die Unsicherheit über die weitere politische und wirtschaftliche Entwicklung auf die Investitionstätigkeit der russischen Unternehmen durch. Für dieses Jahr zeichnet sich ein Rückgang bei den realen Bruttoanlageinvestitionen in einer Größenordnung von 5% ab. Auch die im Sommer dieses Jahres gegen Russland verhängten Wirtschaftssanktionen im Bereich des Finanzsektors dürften bei der gegenwärtigen Investitonsschwäche eine gewisse Rolle spielen, erschweren sie doch vielen russischen Banken und Unternehmen den Zugang zum europäischen Kapitalmarkt. Im dritten Quartal 2014 ging die gesamte Auslandsverschuldung Russlands um knapp 53 Mrd. US-Dollar gegenüber dem vorangegangenen Quartal zurück. Besonders deutlich fiel das Minus bei russischen Banken aus, deren Fremdwährungsverbindlichkeiten um fast 17 Mrd. US-Dollar auf nunmehr 192 Mrd. US-Dollar abnahmen. Selbst wenn es im Laufe des kommenden Jahres zu einer politischen Lösung des Konfliktes mit der Ukraine kommen sollte, ist im Gesamtjahr 2015 ein erneuter Rückgang der Investitionstätigkeit wahrscheinlich. Es dürfte sicherlich zunächst einige Zeit vergehen, bevor sich die Zuversicht im Unternehmenssektor wieder so weit gefestigt hat, dass die Unternehmen auch bereit sind zu investieren.


Insgesamt dürfte die russische Wirtschaft in diesem Jahr geringfügig um 0,2% wachsen. Für das kommende Jahr erwarten wir einen Rückgang der realen Wirtschaftsleistung um 0,5%. Bei dieser Prognose ist unterstellt, dass es zu keiner weiteren Eskalation im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine und damit auch nicht zu einer weiteren Verschärfung der Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland kommt.

Gregor Eder

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