Griechenlandfest?

Über mehrere Wochen hinweg sah es so aus, als wären die Finanzmärkte in der Lage, die Bedrohung durch einen griechischen Bankrott und eine unmittelbar bevorstehende globale Staatschuldenkrise einfach abzuschütteln. Die Spreads für Staatsanleihen hochverschuldeter EWU-Länder waren zwar außergewöhnlich hoch, doch dies hatte keine Auswirkungen auf Spreads von Emerging Markets - selbst in Ländern mit erhöhten Risiken. Die Spreads von Unternehmensanleihen waren in der Tendenz ebenfalls rückläufig. Ein Ansteckungseffekt an den Märkten - die Erfahrung der Finanzmarktkrise 2008/2009 - war auch nicht festzustellen. Im Gegenteil: In den letzen Wochen verzeichneten die Aktienmärkte einen Jahreshöchststand nach dem anderen. Die Niveaus aus den Zeiten vor der Finanzkrise schienen wieder in Reichweite. Anlagefreudige Investoren trieben die Preise an den Rohstoffmärkten nach oben, und Kupferpreise schienen sogar eine Rekordhöhe zu erklimmen.  Dies sah so gar nicht nach der viel beschworen "Neuen Normalität" aus. Ebenso war es frappierend, dass an vielen Märkten die Volatilität stark gesunken war. Die Volatilitätsindizes für den amerikanischen und deutschen Aktienmarkt zeigten Werte unter ihren historischen Durchschnitt.

Verlassen sich die Märkte zu sehr auf niedrige Zinssätze und reichlich vorhandene Liquidität? Wird die reale Problematik der staatlichen und öffentlichen Verschuldung unterschätzt? Wird der griechische Schock zu einem anhaltenden Abwärtstrend an den Märkten führen? Unserer Meinung nach liegen die Märkte trotz allem nicht ganz falsch, denn die Aufschwünge an den Märkten waren die Folge von einigen grundlegenden Verbesserungen. Die Märkte und die realen Wirtschaftssysteme klaffen nicht vollständig auseinander. Stattdessen war man einfach zu pessimistisch gewesen. Als sich die Erwartungen wieder nach oben korrigierten, stiegen auch die Preise. So hatte man unter anderem erwartet, dass die USA und andere Industrieländer Jahre brauchen würden, um wieder auf das Niveau zu kommen, das sie vor der Krise innehatten. Aber Ende 2010 werden die Vereinigten Staaten genau dies erreicht haben; in diesem Jahr dürfte das Wachstum rund 3% betragen. Und trotz Griechenland sind die Emerging Markets im Aufschwung begriffen. In Europa mag die Phase der wirtschaftlichen Erholung noch länger andauern, aber Aktivitätsindizes zeigen, dass sich auch hier eine positive Dynamik entwickelt. Vor diesem Hintergrund waren die Gewinne schneller gewachsen als erwartet. Tatsache ist, dass die im zweiten Quartal 2010 ausgewiesenen Gewinne für einige der führenden Aktienindexe bereits Niveaus erreicht haben, die denen vor der Krise entsprechen.

Dr. Michael Heise

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