Klimarisiken und Versicherbarkeit:

„Wir brauchen einen Dreiklang aus Prävention, risikoadäquaten Prämien und staatlichem Rückhalt“

Klaus-Peter Röhler, Mitglied des Vorstands der Allianz SE
Deutlich und nachhaltig: Europa ist der Hotspot der Klimaerwärmung und erwärmt sich seit den 1980er Jahren doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Damit nehmen Häufigkeit und Intensität von Extremwetter stark zu – und die wirtschaftlichen Schäden steigen spürbar. Wetterbedingte Verluste kletterten in Europa von rund 8,5 Milliarden Euro pro Jahr in den 1980er Jahren auf etwa 45 Milliarden Euro in den Jahren 2020 bis 2023 (inflationsbereinigt), ein Anstieg auf das Fünffache. Das erhöht die gesamtwirtschaftliche Verwundbarkeit und stellt Versicherer vor wachsende Herausforderungen: Risikoakkumulationen nehmen zu, die Schadenschwankungen werden größer, die Kalkulierbarkeit schwieriger. Das ist keine kurzfristige Schwankung, sondern ein struktureller Trend, der nicht nur die Versicherungslandschaft, sondern die gesamte Gesellschaft herausfordert.

Eine isolierte Pflichtversicherung ist keine Lösung. Sie adressiert nicht die Ursache der steigenden Belastungen, sondern verteilt sie lediglich um. Prämien würden mit den wachsenden Schäden Schritt halten, statt sie zu senken. Zudem schwächt ein Pflichtsystem ohne risikoorientierte Bepreisung die Anreize für Prävention. So werden die Grenzen der Versicherbarkeit eher schneller erreicht als hinausgeschoben.

Stattdessen braucht es ein Gesamtkonzept, das auf drei ineinandergreifenden Säulen beruht. Erstens müssen Risikovorsorge, effektive Prävention und Schutzmaßnahmen zur Klimafolgenanpassung auf allen Ebenen – beim Staat und bei den Versicherten – in den Mittelpunkt rücken, um das Ausmaß der Schäden durch Wetterextreme zu verringern. Das bedeutet klimaresilientes Bauen und zielgerichtete Investitionen in Schutzinfrastruktur – und zwar dort, wo sie den größten Effekt haben.

Zweitens muss die privatwirtschaftliche Versicherung risikobasiert bleiben. Prämien, die das individuelle Risiko widerspiegeln, belohnen wirksame Prävention und vermeiden Fehlanreize, die entstehen, wenn hohe Risiken systematisch quersubventioniert werden. Drittens braucht es für sehr seltene, extreme Ereignisse einen klar definierten staatlichen Stop Loss als Rückversicherungsschutz. Bei außergewöhnlich hohen Kumulschäden – etwa ab der Größenordnung eines 200 Jahres Ereignisses – kann ein staatlicher Rückhalt die Volatilität abfedern, ohne den Markt zu verdrängen. Wichtig ist ein Design, das private Kapazitäten ergänzt statt ersetzt. So wird das System in Extremjahren stabilisiert, während im Normalbetrieb marktwirtschaftliche Signale weiterwirken.

Investitionen und die Umsetzungsgeschwindigkeit von Schutzmaßnahmen, insbesondere beim Hochwasserschutz, müssen drastisch steigen. Viele Maßnahmen sind bekannt, doch der Fortschritt ist schleppend: Trotz des seit 2024 geltenden Klimafolgenanpassungsgesetzes und des bereits 2013 verabschiedeten Hochwasserschutzplans wurden in Deutschland erst etwa 5 Prozent der Projekte abgeschlossen, rund 80 Prozent sind noch nicht einmal gestartet. Hält das aktuelle Tempo an, wäre der Plan selbst in 100 Jahren noch nicht vollständig umgesetzt. An fehlenden Mitteln darf und sollte es auch nicht scheitern. In Deutschland hat der Bund ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro aufgelegt, mit dem unter anderem die Infrastruktur gestärkt werden soll. Prävention – insbesondere Hochwasserschutz – ist zudem eine der wirtschaftlich sinnvollsten öffentlichen Investitionen: Jeder investierte Euro erspart vier bis zehn Euro an Wiederaufbaukosten.

Neben der Umsetzung von Infrastrukturmaßnahmen zur Prävention muss der Staat klare Leitplanken für die Haushalte setzen. Der Klimawandel sollte als Schutzziel im Baurecht verankert werden. Dazu gehören Bauverbote in Hochrisikogebieten, die konsequent eingeführt und durchgesetzt werden, sowie obligatorische Klimarisikobewertungen für jede Baugenehmigung. Neben Vorschriften sollten Eigentümer über gezielte Förderprogramme beim präventionsgerechten Bauen und Sanieren unterstützt werden, etwa beim Ersatz besonders schadensanfälliger Systeme wie Ölheizungen in Überschwemmungsgebieten. Zudem brauchen wir ein nationales Präventionsregister, das offenlegt, welche staatliche Schutzmaßnahmen wo geplant sind, in welchem Stadium sie stehen und bis wann die Infrastruktur fertiggestellt wird – so sehen Bürgerinnen und Bürger Lücken und können Umsetzung einfordern. Zugleich hilft das Register Versicherern, aktuelle Risikozonen zu identifizieren und Veränderungen zeitnah in die Risikobewertung zu integrieren.

Wir treiben die Dekarbonisierung der Wirtschaft voran und sichern zugleich verlässlichen, bezahlbaren Versicherungsschutz für Wohngebäude und Sachrisiken – das ist Kern unseres Werteversprechens. Dazu setzen wir auf führende Expertise in Underwriting, Datenanalyse und Modellierung von Naturgefahren, um Risiken präzise zu verstehen, zu steuern und in risikogerechten Prämien abzubilden. Ein robustes Kapital- und Rückversicherungsmanagement hilft uns, die Volatilität von Naturkatastrophen- und Wetterereignissen abzufedern und Leistungsversprechen auch in anspruchsvollen Jahren einzuhalten.

Im Schadenfall sorgen wir für schnelle, praktische Hilfe – von der Handwerkersteuerung über die Bereitstellung von Trocknungsgeräten bis hin zu gezielter regionaler Unterstützung – und verknüpfen die Regulierung mit unserem Build-Back-Better-Ansatz: Wir beraten zu widerstandsfähigen Materialien, fördern in geeigneten Fällen aufwertende Maßnahmen und zielen darauf ab, beschädigte Objekte nicht nur instand zu setzen, sondern im Zuge der Reparatur nachhaltiger und hochwasserresistenter zu machen. Vollständig eliminieren lässt sich Hochwasserrisiko nie, doch solche Upgrades mindern Schäden und beschleunigen ihre Reparatur.

Versicherte können selbst viel bewirken. Ausgangspunkt ist eine realistische Einschätzung des eigenen Risikos. Dabei unterstützt die Allianz Hausbesitzer mit der Wohnort-Risikobewertung, die lokale Naturgefahren sichtbar macht, sowie mit der Allianz Unwetterwarnung, die frühzeitig vor drohenden Ereignissen warnt. Dass in Deutschland derzeit nur etwa 57 Prozent über eine Elementarschadenversicherung verfügen, unterstreicht den weiterhin großen Bedarf an Aufklärung und Absicherung. Für Unternehmen bieten wir darüber hinaus im Rahmen unserer CAReS-Dienstleistungen fortgeschrittenere Tools und Services an, die ihnen dabei helfen, die Auswirkungen von Klimarisiken auf ihr Geschäft zu bewerten und effektiv zu steuern.

Auf dieser Grundlage sind die Versicherten gefordert, konsequent zu handeln und Prävention frühzeitig mitzudenken – besonders bei Neubau und Sanierung. Wer klima- und naturgefahrenfeste Lösungen von Anfang an einplant, senkt damit sein Schadensrisiko spürbar, verkürzt Ausfallzeiten und stabilisiert langfristig die eigenen Versicherungskosten.

Erfolgreich umgesetzt? Nein. Aber wir können aus den USA lernen, was passiert, wenn ein solcher Dreiklang politisch verhindert wird. In Staaten wie Kalifornien oder Florida trifft ein toxischer Mix aus stark steigenden Klimarisiken, untragbaren Schadenlasten und dysfunktionaler Regulierung aufeinander: Prävention und risikoadäquate Preise werden politisch behindert, die Versicherbarkeit von Elementarrisiken erodiert, führende Anbieter zeichnen kaum noch Neugeschäft und staatliche Auffangmodelle geraten massiv unter Druck. Die Lehre für Europa ist eindeutig: Versicherbarkeit ist kein statischer Zustand. Sie bleibt tragfähig, wenn wir den Dreiklang konsequent umsetzen – mit wirksamer Prävention, risikogerechten Prämien und klar definierten staatlichen Rückhalt bei extremen Ereignissen – und rechtzeitig handeln.
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* Die Kundenanzahl spiegelt nur die Allianz Kundinnen und Kunden in konsolidierten Unternehmen wider, die zum Umfang der Kundenberichtserstattung gehören.

** Stand: 31. Dezember 2025.

Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen: