Hagel: Die unterschätzte Gefahr
Hagelstürme mögen wie eine kleine Unannehmlichkeit erscheinen, doch sie stellen eines der bedeutendsten und wachsenden Naturkatastrophenrisiken für die Versicherungsbranche dar. In den letzten Jahren haben schwere Sommergewitter mit Hagel als Hauptgefahr weltweit mehr versicherte Schäden verursacht als alle anderen Naturgefahren zusammen.
"Dieser Trend gilt auch für die Allianz", sagt Dr. Matthias Hackl, Head of Cat R&D bei Allianz Re. "Wir haben in den vergangenen Jahren mehr für Hagelschäden ausgeben müssen als für alle anderen Naturgefahren."
Rekordereignisse in ganz Europa
Während der Mittlere Westen Nordamerikas das globale Epizentrum des Hagelrisikos bleibt, hat Europa zunehmend schwere Ereignisse erlebt. Sturm Volker in Österreich im Juni 2021, verheerende Hagelstürme in Frankreich im Juni 2022 und besonders dramatische Ereignisse in Norditalien im Juli 2023 und Süddeutschland im August 2023 haben Milliardenschäden verursacht.
Allein das Ereignis in Norditalien führte zu mehr als 6 Milliarden Euro versicherten Schäden. "In einer Woche wurde der europäische Rekord für Hagelkorngrößen zweimal gebrochen", sagt Hackl. "Am 24. Juli 2023 wurde ein Hagelkorn mit einem Durchmesser von etwa 19 Zentimetern gemessen." Hagelkörner dieser Größenordnung verursachen katastrophale Schäden nicht nur an Fahrzeugen, sondern auch an Gebäuden und können für Leib und Leben gefährlich sein.
Klimawandel – ein komplexer Faktor
Das Verständnis der Beziehung zwischen Hagel und Klimawandel ist überraschend komplex. "Es ist erstaunlich schwer zu beantworten, ob Hagel aufgrund des Klimawandels zunimmt", sagt Hackl. Die Herausforderung liegt in massiven Beobachtungslücken - Hagel wird typischerweise indirekt über Radar gemessen, aber der tatsächliche Aufprall am Boden kann nur durch spezialisierte Hail Pads verifiziert werden, die an begrenzten Standorten ausgelegt sind.
Die Allianz besitzt jedoch einen entscheidenden Vorteil: Schadendaten der Kunden. "Wir haben ungefähr zehnmal so viele Beobachtungspunkte, als öffentlich verfügbar sind", sagt Hackl. "Für jeden öffentlichen Datenpunkt haben wir zehn Allianz-Schadenmeldungen, die wir nutzen können, um das Risiko genauer zu beurteilen."
Diese proprietären Daten haben bahnbrechende Forschung ermöglicht. Die Allianz finanziert eine Doktorarbeit am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die sich mit Hagelrisiko und Klimawandelauswirkungen beschäftigt. Vorläufige Ergebnisse aus der Analyse der letzten 20 Jahre in Deutschland zeigen ein komplexes Bild mit konkurrierenden Mechanismen.
"Wir sehen, dass sich die Hagelsaison verlängert hat - sie beginnt früher und dauert länger, besonders in Süddeutschland, wo das Hagelrisiko bereits überdurchschnittlich hoch ist", sagt Hackl. Interessanterweise gibt es auch einen Gegentrend: Reduzierte Schwefel- und Aerosolkonzentrationen in der Luft aufgrund internationaler Luftreinhaltevorschriften könnten die Hagelbildung teilweise unterdrücken, da diese Partikel als Kondensationskeime für die Eiskristallbildung dienen.
Industrierisiken: Mehr als Dellen und Kratzer
Für die Industrieversicherung hat sich Hagel von einem Nebenrisiko zu einem bedeutenden Schadentreiber entwickelt. Christine Hoefflin, Senior Risk Consultant bei Allianz Commercial, hat einen besorgniserregenden Trend beobachtet: "In den letzten Jahren haben wir zunehmend größere Einzelschäden mit erheblichen Betriebsunterbrechungsanteilen gesehen, die die Größenordnung von schweren Feuerschäden erreichen. Es geht nicht mehr nur um Dellen oder Kratzer, sondern um großflächige Zerstörungen."
Große Hagelschäden treten typischerweise auf, wenn Hochrisikogebiete mit anfälligen Bauweisen zusammentreffen. "Hagel kommt meist nicht allein - er wird typischerweise von Sturm oder Starkregen begleitet", sagt Hoefflin. "Wasserschäden an Gebäuden und Inhalten können zum Problem werden, besonders bei feuchtigkeitsempfindlichen Waren oder Betriebsarten."
Solarparks sind besonders gefährdet, wobei Hagel die Naturgefahr Nummer eins für diese Anlagen darstellt. Bei Dachanlagen auf Industriegebäuden erscheint das Risiko handhabbarer, die Beobachtung wird jedoch fortgesetzt.
Was können Unternehmen tun?
Hoefflin empfiehlt einen systematischen Ansatz, beginnend mit der Risikobewertung: Evaluierung des lokalen Hagelrisikos, der Gebäudeanfälligkeit und der Auswirkungen auf die Geschäftskontinuität. "Bei Hagel sollte man immer den gesamten Standort betrachten und nicht nur die Hauptgebäude, weil Hagel großflächig auftritt", sagt sie.
Technische Schutzmaßnahmen umfassen hagelresistente Dachkonstruktionen (Betondächer, Kiesdächer oder Gründächer), geprüfte hagelresistente Oberlichter und Rauchabzüge sowie regelmäßige Wartung mit rechtzeitigem Austausch alternder Materialien. "Wir wissen sehr genau, dass alte Materialien viel anfälliger für Hagelschäden sind", sagt Hoefflin.
Entscheidend sind Notfallplanung und Business-Continuity-Planning. Rückmeldungen von Schadenregulierern zeigen, dass die meisten Unternehmen ein solches Großereignis gar nicht auf dem Schirm hatten und auch nicht darauf vorbereitet waren, Vorkehrungen zu treffen.
Kfz-Schäden: KI transformiert das Kundenerlebnis
Für Fahrzeughalter waren Hagelschäden frührer immer frustrierend: überlastete Callcenter, wochenlange Wartezeiten auf Gutachter und monatelange Verzögerungen bis zur Reparatur. Allein 2023 wurden über 450.000 Fahrzeuge in Deutschland durch Hagel beschädigt, was zu 1,9 Milliarden Euro Schadenkosten führte (17 Milliarden Euro europaweit).
"Bei solchen Großschadenereignissen bricht das traditionelle System vollständig zusammen", sagt Andreas Decker von Control Expert, dem Technologiepartner für Kfz-Schadenmanagement von Allianz Partners. "Die Telefone klingeln, aber niemand nimmt mehr ab, und Kunden warten Monate."
Der heutige Ansatz nutzt künstliche Intelligenz, um dieses Erlebnis zu transformieren. Schäden werden digital rund um die Uhr gemeldet, oder Kunden sprechen mit Voice-Agenten in ihrer bevorzugten Sprache. Hochgeladene Fotos werden von KI innerhalb von Minuten analysiert, wobei Dellenanzahl, betroffene Bauteile, Positionen und Schweregrad identifiziert werden.
"In einfachen Fällen läuft das vollautomatisiert; in komplexen Fällen prüft ein Experte, aber die KI hat bereits die wesentliche Arbeit übernommen", sagt Decker. "Das Ergebnis: Statt wochenlanger Unsicherheit haben Kunden innerhalb von Minuten einen Werkstatttermin vereinbart."
Die Technologie nutzt spezialisierte Hagelscanner bei Partnerwerkstätten - große Bögen mit Präzisionsbeleuchtung und Kameras, die standardisierte Fotos erstellen. KI-gestützte Bilderkennung identifiziert dann präzise Position, Größe und Schweregrad jeder Delle und bestimmt, ob Reparaturen oder Bauteilaustausch erforderlich sind.
"Am wichtigsten ist, dass das System skaliert", sagt Decker. "Ob wir einen einzelnen Schaden oder über 10.000 bei einem Großereignis haben, der Prozess bleibt auf dem gleichen Qualitätsniveau stabil."
Die Effizienzgewinne sind für alle wichtig. Die Reparaturkosten sind seit 2020 um 38 Prozent gestiegen, verglichen mit 23 Prozent allgemeiner Inflation, wobei Ersatzteile um 44 Prozent teurer wurden. "Effizienz in der Schadenbearbeitung wird zum entscheidenden Hebel", sagt Decker. "Niedrige Schadenkosten kommen den Versicherten direkt durch stabile oder niedrigere Prämien zugute. Explodierende Schadenkosten führen zu steigenden Prämien - und das wollen wir alle vermeiden."
Vorbereitung auf das nächste Ereignis
Mit über 20 Jahren Erfahrung in der digitalen Kfz-Schadenbearbeitung und Systemen, die von über 90 Prozent der deutschen Kfz-Versicherer genutzt werden, ist die Technologie bewährt. "Wir reden nicht über eine Zukunftsvision, sondern über Realität, die Kunden heute bereits nutzen", sagt Decker.
Während sich Klimamuster entwickeln und extreme Wetterereignisse potenziell zunehmen, positioniert der vielschichtige Ansatz der Allianz - der proprietäre Datenanalyse, Spitzenforschung, Risk-Engineering-Expertise und KI-gestützte Schadenbearbeitung kombiniert - das Unternehmen, um Kunden gegen eines der herausforderndsten und am meisten unterschätzten Risiken der Versicherungsbranche zu schützen.
"Eines ist klar", sagt Decker. "Das nächste Großschadenereignis wird mit Sicherheit kommen. Die Frage ist nur, wann und wie gut wir darauf vorbereitet sind."
Weiterführende Informationen
Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
Alexandra Rudhart
Group Communications Manager Press and Events, Allianz Partners
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Über die Allianz
Der Allianz Konzern ist einer der weltweit führenden Versicherer und Vermögensverwalter, aktiv in fast 70 Ländern, mit rund 97 Millionen Kundinnen und Kunden*. Unsere Versicherungskunden nutzen ein breites Angebot von der Sach-, Lebens- und Krankenversicherung über Assistance-Dienstleistungen und Kreditversicherung bis hin zur Industrieversicherung. Bereits zum siebten Mal in Folge wurde Allianz im Interbrand Ranking ‚Best Global Brands 2025‘ als weltweit führende Versicherungsmarke ausgezeichnet. Dieser Erfolg basiert auf einer technologiegestützten Kundenfokussierung – mit dem Ziel, unseren Kundinnen und Kunden Sicherheit, Schutz und Prävention zu bieten und die Resilienz von Menschen, Gemeinschaften und Gesellschaften zu stärken. Wir sind einer der weltweit größten Investoren und betreuen im Auftrag unserer Versicherungskunden ein Investmentportfolio von etwa 770 Milliarden Euro**. Zudem verwalten unsere Asset Manager PIMCO und Allianz Global Investors etwa 2,0 Billionen Euro** für Dritte. Dank unserer systematischen Integration von ökologischen und sozialen Kriterien in unseren Geschäftsprozessen und Investitionsentscheidungen haben wir ein ‚AAA‘ ESG Rating von MSCI (Stand: März 2026). 2025 erwirtschafteten unsere 156.000 motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Konzern einen Umsatz von 186,9 Milliarden Euro und erzielten ein operatives Ergebnis von 17,4 Milliarden Euro.
* Stand: 31. Dezember 2025. Die Kundenanzahl spiegelt nur die Allianz Kundinnen und Kunden in konsolidierten Unternehmen wider, die zum Umfang der Kundenberichtserstattung gehören.
** Stand: 31. März 2026.