Wir denken in einem zu engen Lösungsraum

Das folgende Interview wurde am 10. August 2026 in Die Zeit veröffentlicht. Es wurde hier mit freundlicher Genehmigung von „Die Zeit“ erneut veröffentlicht.
Günther Thallinger, member of the Board of Management of Allianz SE
Günther Thallinger, 54, ist Mitglied des Vorstands der Allianz SE. Noch bis Ende des Jahres ist er dort zuständig für Kapitalanlagen, Nachhaltigkeit und Krankenversicherung. Zugleich leitet er das Sustainability Board des Versicherungskonzerns.
DIE ZEIT: Günther Thallinger, worüber denken Sie gerade nach?

Günther Thallinger: Mich treibt die Frage um: Können wir ohne Nachhaltigkeit wirtschaftlich wettbewerbsfähig bleiben? Oder allgemeiner: Können wir ohne Nachhaltigkeit weiterhin Wohlstand gewährleisten? Vor allem global gesehen muss ein Minimum an Wohlstand und damit Wirtschaftserfolg das Ziel sein.

Und ökologische Grenzen dürfen dabei nicht überschritten werden. Aktuell erreichen wir das Minimum aber für viele nicht, und wir überschreiten sechs von neun ökologischen Grenzen.

ZEIT: Letzteres zeigt sich in diesem Hitzesommer beängstigend klar: In vielen Regionen Europas gibt es Starkregen, Hagelschläge, besonders in Spanien, Frankreich und Griechenland wüten Waldbrände teils über Wochen. Ernten schrumpfen, sinkende Flusspegel behindern auch die Wirtschaft. Was geht einem Versicherungsvorstand da durch den Kopf?
Thallinger: Zuallererst frage ich mich natürlich, wie man den betroffenen Menschen helfen kann. Aus einer fachlichen Perspektive interessiert mich dann, wie sich solche Risiken künftig entwickeln und welche Faktoren sie antreiben.
ZEIT: Was heißt das konkret?

Thallinger: Als Versicherer müssen wir transparent machen, wo Risiken infolge der Erderwärmung besonders hoch sind. Dann können sich die Menschen gezielter davor schützen. Dank besserer Prävention und Brandbekämpfung lassen sich heute viele Feuer schneller eindämmen. Aktuelle Daten zeigen, dass Schäden durch Waldbrände in den letzten zehn Jahren deutlich höher waren als während der zehn Jahre davor.

Weite Teile der Welt, auch Europa, werden weiterhin stark durch Waldbrände gefährdet sein. Deshalb müssen wir neben dem Fokus auf Prävention auch neue Versicherungsprodukte und Dienstleistungen für das Risikomanagement anbieten.

ZEIT: Sind Äcker, Häuser, Straßen, Firmen, Häfen und andere Werte künftig überhaupt noch versicherbar?

Thallinger: Wenn wir uns den Risiken besser anpassen, dann werden wir mit entsprechenden Preisen eine Versicherbarkeit aufrechterhalten können. Steigt aber das Volumen an Risiken insgesamt an, dann stoßen wir an Grenzen.

Versicherbarkeit setzt die Möglichkeit voraus, Risiken über Schutzaspekte und Regionen hinweg zu diversifizieren und untereinander auszugleichen. Wenn aber die Folgen des Klimawandels zunehmend mehr Lebensbereiche, Landstriche und Branchen betreffen, dann schwindet diese Möglichkeit. Dann haben wir ein systemisches Risiko in der Gesellschaft, und Versicherbarkeit wird schwierig.

ZEIT: Sie haben schon früher gewarnt: Wenn Versicherungen in immer mehr Regionen unbezahlbar werden, könne dies den Finanzsektor und letztlich das ganze Wirtschaftssystem ins Wanken bringen. Versicherungen erhöhen bereits ihre Preise für Kunden, die von Dürren oder Hochwasser besonders bedroht sind, in Spanien ziehen Banken etwa bei den Kreditzinsen nach. Zeigt dieser Sommer, dass der menschengemachte Klimawandel unser Wirtschaftssystem längst untergräbt?

Thallinger: Nein, nicht das gesamte Wirtschaftssystem, aber Teile davon schon - und irgendwann kann es als Ganzes herausgefordert sein. Genau das meine ich, wenn ich vom Zusammenhang zwischen Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand und Nachhaltigkeit spreche.

Der Weltklimarat kommuniziert unmissverständlich, dass sich die Klimaveränderungen beschleunigen und deshalb extreme Wetterereignisse häufen werden. Wenn es uns nicht gelingt, diese Entwicklung umzukehren, dann wächst die Herausforderung und übersteigt schließlich unsere Möglichkeiten.

Wir müssen umso intensiver an der drastischen Verminderung unseres Treibhausgasausstoßes und der Anpassung an Risiken arbeiten.

„Wir ignorieren Informationen und verengen so unseren Blick."
- Günther Thallinger
ZEIT: In der europäischen, auch der deutschen Politik passiert gerade eher das Gegenteil. Fossile Energiequellen bekommen längere Schonfristen, manche Regierungen sagen ausdrücklich: Erst muss die Wirtschaft neu in Schwung kommen, dann können wir wieder über Nachhaltigkeit reden. Macht Ihnen das Sorgen?
Thallinger: Das Problem ist: Wir denken in einem zu engen Lösungsraum. Das betrifft drei Dimensionen, als erste: die Zeit. Regierungen denken in Wahlzyklen von vier Jahren, viele Unternehmen planen nur für drei Jahre. Solche kurzen Fristen verhindern, dass wir Langzeitwirkungen unseres Wirtschaftens auf die ökologischen und sozialen Systeme bei unseren Entscheidungen einbeziehen.
ZEIT: Welche weiteren Dimensionen meinen Sie?

Thallinger: Zweitens ignorieren wir Informationen und verengen so unseren Blick. In Europa gehören Nachhaltigkeitsaspekte mittlerweile für viele Unternehmen zu den öffentlichen Berichtspflichten, aber nicht für alle.

In anderen Teilen der Welt beschränken sich die Berichtspflichten weiterhin nur auf die Finanzdaten. Durch diese Verzerrung können zum Beispiel Risiken für die Böden oder den Wasserhaushalt unterschätzt werden, also Ressourcen, die auch die Produktionslinien sehr vieler Unternehmen betreffen.

Dadurch können Investitionen unterbleiben. Drittens fehlt Verantwortung: Wir haben es mit Problemen zu tun, die nicht nur regionale, sondern auch internationale oder gar globale Auswirkungen haben. Politische Verantwortung wird aber von Gemeinden, Ländern und Staaten getragen, unternehmerische Verantwortung eben vom Unternehmen. All das zeigt: Wir müssen den Lösungsraum in allen drei Dimensionen - Zeit, Information, Verantwortung - deutlich erweitern.

ZEIT: Wie soll das gehen?

Thallinger: Unternehmen sollten langfristige Transformationspläne aufsetzen, und in der Politik sind Leitbilder wichtig: Wie sieht unser Energiemarkt im Jahr 2035 aus? Wie der Transportsektor? Wie die Wasserversorgung, die Wasserhaushalte? In diesen langfristigen Plänen kann die volle verfügbare Informationsgrundlage genutzt werden.

Erst wenn wir zum Beispiel eine CO₂-Bepreisung in die Kapitalmärkte einführen, können Kredite und Investitionen entsprechend klimaschonend optimiert werden. Deshalb ist es so wichtig, dass der europäische Emissionshandel ambitioniert bleibt.

ZEIT: Versicherungen verkaufen nicht nur Policen, sondern verwalten und investieren mit dem Geld ihrer Kunden auch enorme Vermögen. Wie erweitern Sie bei der Allianz Ihren Lösungsraum?

Thallinger: Wir arbeiten auf vielen Plattformen sehr konkret an der wirtschaftlichen Transformation. Ein Beispiel ist die Net Zero Asset Owner Alliance, die 2019 von den Vereinten Nationen einberufen wurde. Mittlerweile haben sich rund 85 institutionelle Anleger dieser Initiative angeschlossen.

Sie haben sich klare Klimaziele gesetzt und wirken auf die Unternehmen, in die sie investieren, unterstützend ein, damit sie gemäß dem Pariser Klimaschutzabkommen bei ihren Emissionen bis 2050 auf netto Null kommen.

Das müssen diese Unternehmen mit Transformationsplänen und Umsetzungsmaßnahmen nachweisen. Auch wir haben einen Transformationsplan mit Zwischenzielen bis 2030 und berichten jedes Jahr darüber. Außerdem werden unsere Nachhaltigkeitsangaben im Geschäftsbericht extern mit der höchsten Prüfsicherheit testiert. Mit einer solchen Erweiterung des Lösungsraums generiert man nicht zuletzt neues Vertrauen.

Jeder kann von außen nachvollziehen: Machen die das wirklich?

ZEIT: Da erscheint es umso problematischer, dass in der EU und auch in Berlin im Namen der Entbürokratisierung gerade bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung Lockerungen durchgesetzt oder ökologische Anforderungen an die Landwirtschaft zurückgeschraubt werden. Noch einmal: Macht Ihnen die klimapolitische Rolle rückwärts Sorgen?

Thallinger: Es gibt sie ja nicht überall, die politische Landschaft ist sehr vielfältig. Großbritannien und Spanien haben gerade gemeinsam mitgeteilt, dass der Klimanotfall auch ein Sicherheitsnotfall sei. China, Texas und Kalifornien machen Solar- und Windenergie, Batteriespeicher und intelligentes Energiemanagement zum Kernbestandteil der wirtschaftlichen Entwicklung.

Indien springt in die erneuerbare Infrastruktur regelrecht hinein und wird eine fossile Infrastruktur, wie sie andernorts als Altlast üblich ist, gar nicht erst aufbauen - eine spezielle Form von Wettbewerbsvorteil. Alle Wirtschaftsräume versuchen, die Infrastruktur des 21. Jahrhunderts zu schaffen, weil das die Wettbewerbsfähigkeit definiert. Klimaschutz ergibt sich aus der Wettbewerbsfähigkeit.

Diese Entwicklung müssen wir in Europa und besonders in Deutschland endlich viel stärker aufnehmen. Aber ja: Manche politische Akteure denken noch im kleinen Lösungsraum.

ZEIT: Trifft das auch auf den Finanzsektor zu? Eine Zeit lang galten Banken als Treiber der ökologischen Transformation, indem sie zum Beispiel ankündigten, Investitionen aus der fossilen Wirtschaft abzuziehen. Davon hört man nicht mehr viel.
Thallinger: Auch da ist die Landschaft heterogen. Die erwähnte Net-Zero Asset Owner Alliance etwa engagiert sich unvermindert. Sie nimmt schon auf Vermögen im Wert von mehr als neun Billionen Dollar Einfluss, und insgesamt sanken die von den Unterzeichnern finanzierten Emissionen im Jahr 2024 im Durchschnitt um sechs Prozent. Aber es stimmt: Einige Unternehmen haben bei ihren Zielen und ihrem Ehrgeiz nachgelassen.
ZEIT: Wie viel Prozent der Investitionen sind denn bei der Allianz klimaschonend, und wie viele fließen doch noch in erdölbasierte Branchen?

Thallinger: Das sehen wir nicht als Entweder-oder. Während wir zunehmend in Klimaschutz- und Transformationslösungen investieren, begleiten wir als langfristiger Investor zugleich Unternehmen auf ihrem Weg zur Dekarbonisierung.

Man sollte allerdings nicht darauf setzen, dass die Kapitalmärkte große Probleme lösen, die es für sie eigentlich nicht gibt. Regierungen müssen wie beim CO₂-Preis auch andere Risiken zum Marktfaktor machen, damit sie adressiert werden können.

„Biodiversität ist eine große Herausforderung, denn leider können wir sie nicht so leicht messen und quantitativ darstellen wie Treibhausgasemissionen."
- Günther Thallinger
ZEIT: Viele sehen genau dieses Defizit beim Schwund der Biodiversität, der für den Planeten genauso brisant ist wie der Klimawandel. Wie wird Biodiversität zu einem Marktfaktor und damit einem Kriterium für Investitionsentscheidungen?

Thallinger: Biodiversität ist eine große Herausforderung, denn leider können wir sie nicht so leicht messen und quantitativ darstellen wie Treibhausgasemissionen.

Das ist aber nun mal notwendig, damit sich andere Unternehmensentscheidungen rechnen. Ich weiß, dass ich mit dieser Aussage niemanden besonders begeistern kann, aber deshalb haben wir dafür noch keine konkreten Programme, die mit jenen beim Klimaschutz vergleichbar wären.

ZEIT: Wird die schwierige Messbarkeit der Biodiversität auch als Ausrede und Verzögerungstaktik genutzt? Man weiß doch, welche Bewirtschaftungsformen gut sind für Artenschutz, Landschaften und Gewässer.

Thallinger: Es stimmt, dass man vieles sofort umsetzen kann, und wir sind hier auch aktiv. Ein Wald brennt nicht so leicht, wenn die Vielfalt seiner Vegetation für ausreichend Feuchtigkeit und Kühlung sorgt.

Ähnliches gilt für Böden und mit ihnen die Erneuerung des Grundwassers. Teilweise werden diese Probleme durch die Klimapolitik adressiert. In weniger heißen Sommern trocknen Wälder und Böden nicht so schnell aus. Das stärkt ihre Funktion als natürliche CO₂-Speicher.

Wenn wir zudem den Lösungsraum vergrößern, indem wir zum Beispiel Daten zu Ökosystemleistungen in einer Art Naturkataster erfassen, dann erkennen wir den Systemzusammenhang, können darüber diskutieren und beginnen, passend zu steuern.

ZEIT: Die meisten Institutionen, auch Ministerien, arbeiten eher in den Grenzen ihrer Themen als im großen Zusammenhang. Wie kann sich ein Systemdenken entwickeln?
Thallinger: Das müssen wir als Bevölkerung einfordern. Verantwortliche müssen sich in größeren Initiativen verbinden, um gemeinsam mehr Verantwortung übernehmen zu können.
ZEIT: Nach zehn Jahren endet Ihre Zeit als Vorstand der Allianz. Blicken Sie angesichts vieler politischer Rückschläge eher frustriert zurück? Oder macht Ihnen auch etwas Hoffnung?

Thallinger: In großen Veränderungsprozessen bewegen sich nicht alle Akteure gleich schnell. Aber vieles geht in die richtige Richtung: Finanzdienstleister tragen heute zur wirtschaftlichen Transformation bei. Nachhaltigkeit ist inzwischen bei vielen Unternehmen in die Entscheidungsprozesse integriert.

Ziele bis 2030 sind kommuniziert. Technische Möglichkeiten, unser Wissen über die Herausforderungen und die Bereitschaft zu handeln haben sich sehr vergrößert. Das alles gibt mir Hoffnung.

ZEIT: Hoffnung trotz Trump und neuer Geopolitik?
Thallinger: Ja. Wirtschaftliche Transformation und Wettbewerbsfähigkeit sind langfristige Themen. Nachhaltigkeit geht damit immer mehr Hand in Hand. Manch andere Entwicklung kann eher kurzfristig sein.
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* Stand: 31. Dezember 2025. Die Kundenanzahl spiegelt nur die Allianz Kundinnen und Kunden in konsolidierten Unternehmen wider, die zum Umfang der Kundenberichtserstattung gehören.

** Stand: 30. Juni 2026.

Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen: