Erwerbsbiographie- und kohortenspezifische Versorgungsniveaus und Versorgungslücken in Deutschland

Das Versorgungsniveau der deutschen Rentner wird durch das üblicherweise als Kennzahl verwendete Standardrentenniveau nur unzureichend beschrieben. Unsere Berechnungen zeigen, dass das Versorgungsniveau bei unterstellten realistischen Erwerbsbiographien geringer ausfällt als das Standardrentenniveau. Die Wichtigkeit von zusätzlicher kapitalgedeckter Altersvorsorge zeigt sich für Geringverdiener und Teilzeitbeschäftigte genauso wie für Facharbeiter und Akademiker. Für die einen dient die zusätzliche Vorsorge zur Vermeidung von Altersarmut, für die anderen zur Sicherung des Lebensstandards im Alter. Die durch die Rentenreformen seit 2001 verursachten Versorgungslücken, können durch frühzeitiges Riester-Sparen für alle betrachteten typisierten Erwerbsbiographien und für fast alle Geburtsjahrgänge geschlossen werden. Zur Lebensstandardsicherung sind allerdings über die Riester-Rente hinaus noch weitere Altersvorsorgeanstrengungen nötig.

Grundsätzlich gilt, dass das Versorgungsniveau durch die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) nicht hoch ist. Selbst im günstigsten Fall des Standardrentners beträgt die Bruttorente derzeit weniger als 47 % des letzten Bruttoeinkommens. In Folge der Rentenreformen wird dieses Rentenniveau bis 2030 sukzessive auf weniger als 41 % sinken. Z.B ein Akademiker, der ein relativ hohes und im Lebensverlauf steigendes Einkommen aufweist, muss mit einer sehr geringen Ersatzrate (Bruttorente bezogen auf des letzte erzielte Bruttoeinkommen) durch die GRV rechnen. Im Rechenbeispiel ergibt sich selbst bei 35 Jahren Beitragszeit eine Ersatzrate von nicht mehr als 35 %.

Kürzere Beitragszeiten und Rentenabschläge schlagen sich negativ auf die Versorgungsniveaus der GRV nieder. Dabei gilt die Faustformel, dass ein Jahr weniger Beitragszeit die Ersatzrate um rund 1 Prozentpunkt vermindert. Rentenabschläge bei vorzeitigem Renteneintritt reduzieren für sich genommen die Ersatzrate um 1,2 bis 1,6 Prozentpunkte pro Jahr vorzeitigem Renteneintritts. Hinzu kommen die Einbußen aufgrund der geringeren Beitragszeit. Mithin ist mit Blick auf das Versorgungsniveau eine kürzere Beitragszeit „günstiger“ als der mit Abschlägen versehene vorzeitige Renteneintritt. Mit anderen Worten: Ein zusätzliches Ausbildungsjahr oder ein Sabbatical-Jahr in der Erwerbszeit reduzieren die Ersatzrate weniger als der Renteneintritt ein Jahr vor Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters.

Niedrige Versorgungsniveaus im Alter und Gefahr von Altersarmut bestehen besonders bei Personen mit langen Phasen der Arbeitslosigkeit, bei Teilzeitbeschäftigten und bei Geringverdienern, wenn sie sich nur auf die gesetzliche Rente verlassen. Auch der Bezug einer Erwerbsminderungsrente reduziert das Alterseinkommen aufgrund geringerer Beitragszeiten und möglicher Rentenabschläge enorm. Die Kindererziehung mit den damit verbundenen Erwerbspausen sowie möglichen Teilzeittätigkeiten schlägt sich ebenfalls negativ auf das Versorgungsniveau im Alter nieder. Trotz Anrechnung von Kindererziehungszeiten und Höherbewertung der Beitragszahlungen ist die Ersatzrate in den Beispielrechnungen um bis zu 8 Prozentpunkte geringer als im Fall ohne Kind und durchgängiger Erwerbstätigkeit.

Zusätzliche Altersvorsorge wie die Riester-Rente kann die Versorgungsniveaus signifikant erhöhen. Schon 20 Jahre Ansparzeit können die Ersatzrate um rund 10 Prozentpunkte steigern. Das vorrangige Ziel der Riester-Rente, die Versorgungslücke durch die Rentenreformen (Riester-Reform 2001 und Rürup-Reform 2004) zu schließen, kann für die meisten Geburtsjahrgänge erreicht werden, sofern eine Sparquote von 4 % des Bruttoeinkommens verwirklicht und frühzeitig mit dem Sparen begonnen wird. Nur für die älteren rentennahen Jahrgänge bis 1950 bleibt eine kleine Versorgungslücke bestehen, weil sie nicht mehr genügend Zeit zum Riester-Sparen haben.

Die kohortenspezifische Betrachtung der Versorgungsniveaus zeigt, dass durch die Rentenreformen die Ersatzraten durch die GRV-Rente für den Geburtsjahrgang 1985 um rund 5 Prozentpunkte niedriger liegen als für den Jahrgang 1945. Die zusätzliche Altersvorsorge ist also besonders für die jüngeren Jahrgänge sehr wichtig. Geburtsjahrgänge etwa ab 1975 sind in der Lage durch zusätzliches (gefördertes) Altersvorsorgesparen einen kapitalgedeckten Anteil am Gesamtversorgungsniveau (GRV + Riester) in Höhe von über 30 % zu erreichen. Das Rentensystem wird damit zu einem echten Mischsystem mit einer starken kapitalgedeckten und deshalb „demographieresistenteren“ Säule.

Eine zusätzlich kapitalgedeckte Altersvorsorge, z.B. in Form der Riester-Rente ist das wirksamste Mittel zur Vermeidung von Altersarmut. Nur mit einer frühzeitig abgeschlossenen Riester-Rente haben Geringverdiener die Chance, eine Rente über dem Grundsicherungsniveau zu erreichen. Die kürzlich in den Medien verbreitete Aussage, dass sich die Riester-Rente für Geringverdiener nicht lohne, weil mit ihr das ohnehin auch ohne Beiträge vom Staat gewährte Grundsicherungsniveau nicht überschritten würde, kann nicht bestätigt werden. Doch wird die Riester-Rente alleine nicht ausreichen, um eine lebensstandardsichernde Ersatzrate zu generieren. Hierzu sind zusätzliche Sparanstrengungen z.B. in Form der betrieblichen Altersvorsorge nötig, um diese Rentenlücke zu schließen. Dies gilt insbesondere für Bezieher mittlerer bis höherer Einkommen, wie Facharbeiter und Akademiker.

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