Die Preisnorm der EZB in Zeiten sinkender Rohstoffpreise

Die Finanzmärkte reagieren derzeit äußerst sensibel auf Veränderungen der Preissteigerungsrate im Euroraum, denn dort überwiegt das Urteil, dass jeder weitere Rückgang der Teuerungsrate Ausdruck steigender Deflationsrisiken ist. Dass rückläufige Rohstoffpreise wesentliche Konjunkturimpulse geben, ist wenig im Blick. So steigen mit jeder niedrigen Inflationsrate die Erwartungen der Märkte hinsichtlich weiterer Lockerungsschritte der EZB. Dabei sind unkonventionelle Maßnahmen wie der umfangreiche Ankauf von Unternehmensanleihen oder gar Staatsanleihen in den Fokus der Markterwartungen gerückt.

Die EZB trägt derzeit allerdings mit dazu bei, dass derartige Erwartungen sich bilden. In der Pressekonferenz vom 6. November etwa äußerte EZB-Präsident Draghi, dass die Maßnahmen, die die EZB zuletzt ergriffen hat, u.a. eine Antwort auf den Ausblick einer niedrigen Inflation sind. Wenn als Folge weiter rückläufiger Rohstoffpreise die Inflationsprognosen nun erneut zurückgenommen werden und die Abweichungen von der 2%-Marke damit noch größer werden, ist es nur logisch zu erwarten, dass die EZB weitere expansive Maßnahmen ergreifen wird. Angesichts der ausgereizten Zinspolitik können dies nur Maßnahmen der quantitativen Lockerung sein. Unserer Meinung nach kann sich die EZB mittel- bis langfristig von diesem Erwartungsdruck lösen, indem sie ihr Preisnorm korrigiert oder zumindest flexibilisiert. Sie hat nicht die Instrumente an der Hand, die Preissteigerungsrate rasch in die Nähe von 2% zu bewegen. Kurzfristig gilt es nicht die Erwartungen der Märkte zu schüren, sondern stattdessen eine  Geldpolitik der ruhigen Hand zu betreiben.

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