Großbritannien

Die Flitterwochen für die britische Wirtschaft nach dem Referendum sind bald vorbei

Die britische Konjunktur hat sich im dritten Quartal etwas abgekühlt, aber die BIP-Schnellschätzung –  der erste offizielle Indikator für die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen des Brexit-Votums – belegt die Stärke der britischen Wirtschaft in den Monaten unmittelbar nach dem Referendum. Doch am Konjunkturhorizont ziehen bereits dicke Wolken auf: Für 2017 erwarten wir eine Halbierung des BIP-Wachstums. Langfristig muss Brexit kein wirtschaftliches Desaster werden, aber ein EU-Austritt Großbritanniens dürfte zumindest in der Übergangsphase mit hohen Kosten für die britische Wirtschaft verbunden sein.

Die heute veröffentlichte BIP-Schnellschätzung für Großbritannien bestätigt, dass die negativen Auswirkungen des Brexit-Referendums auf die britische Konjunktur bisher begrenzt sind. Zwar verlangsamte sich das Wirtschaftswachstum in den drei Monaten bis September auf 0,5% Q/Q nach 0,7% Q/Q im Vorquartal, doch gibt es keine Spur des zunächst gefürchteten Wachstumseinbruchs. Der einzige positive Wachstumsbeitrag kam vom Dienstleistungssektor (+0,6 Prozentpunkte).

Detaillierte Ergebnisse zu den Komponenten liegen zwar noch nicht vor, aber aus Monatsdaten und Stimmungsumfragen lässt sich schließen, dass der private Konsum im dritten Quartal die wichtigste Stütze der britischen Wirtschaft war. Das Brexit-Votum hat sich bisher noch nicht negativ auf die Konsumneigung ausgewirkt. Im Gegenteil, die erwarteten Preissteigerungen als Folge der starken Pfundabwertung dürften die privaten Haushalte sogar dazu ermutigt haben, Kaufpläne vorzuziehen. Die Investitionen hingegen stagnierten wahrscheinlich im dritten Quartal. Laut aktuellen Umfragen haben britische Firmen ihre Investitionspläne angesichts der erhöhten Unsicherheit über die zukünftigen Geschäftsbedingungen teilweise bereits auf Eis gelegt. Ein starker Einbruch der Investitionen ist hingegen unwahrscheinlich, denn die britische Binnennachfrage läuft nach wie vor rund: Die Zuversicht britischer Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe wie auch im Dienstleistungssektor ist zuletzt wieder auf ein Niveau angestiegen wie vor dem Brexit-Referendum und die Kapazitätsauslastung der Industrie hat wieder zugenommen. Die Exporte dürften im dritten Quartal von der Pfundabwertung profitiert haben, so dass mit einem kleinen positiven Außenbeitrag zu rechnen ist.

Trotz des relativ guten Ergebnisses im dritten Quartal, gehen wir davon aus, dass die Flitterwochen für die britische Wirtschaft nach dem Referendum schon bald vorbei sind. Die starke Pfundabwertung gegenüber dem Euro hat bereits für höhere Importpreise gesorgt. Dies dürfte wiederum zu einem Anstieg der Inflationsraten führen von 0,8% in 2016 auf 2,5% in 2017 mit negativen Auswirkungen auf die Kaufkraft der privaten Haushalte. Darüber hinaus dürften vermehrte Einblicke in Premierminister Mays Ansichten dazu, was Brexit wirklich bedeutet –  nämlich den Austritt aus dem EU-Binnenmarkt, wenn man ihre Aussagen für bare Münze nimmt – dafür sorgen, dass britische Unternehmen ihre Investitions- und Einstellungspläne 2017 deutlich zurückschrauben werden. Der Exportsektor sollte zwar von der schwachen Währung profitieren, allerdings ist angesichts des hohen Importgehalts nur mit einem temporären Anstoß zu rechnen. Wir erwarten, dass sich das britische Wirtschaftswachstum in 2017 mehr als halbiert auf 0,7% (den schwächsten Wert seit 2009) nach 1,9% in diesem Jahr.

Die längerfristigen Wachstumsperspektiven der britischen Wirtschaft hängen stark vom Ergebnis der komplexen Verhandlungen mit der EU ab, die Jahre in Anspruch nehmen dürften. Ein umfangreiches Freihandelsabkommen zwischen EU und UK mit  bedeutenden Sektorabkommen, insbesondere für Dienstleistungen, ist unserer Ansicht nach immer noch das wahrscheinlichste Szenario. Allerdings dürften die Wirtschaftsbeziehungen zur EU nach dem Brexit deutlich weniger eng und vorteilhaft sein, als es zurzeit noch der Fall ist. Wichtige Säulen der britischen Wirtschaft – wie etwa die Finanzindustrie – könnten zukünftig an Bedeutung verlieren. Mit der richtigen Vision muss Brexit zwar kein wirtschaftliches Desaster werden, aber Großbritanniens Wirtschaftsmodell wird sich an neue Rahmenbedingungen anpassen müssen, was zumindest in der Übergangsphase mit wirtschaftlichen Kosten verbunden sein dürfte.

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