Offener Brief an Oxfam

Jay Ralph, Mitglied des Vorstands der Allianz SE und Vorsitzender des Environmental, Social and Governance Boards der Allianz SE, hat einen offenen Brief an die Organisation Oxfam geschickt.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
 

die Allianz ist seit dem Frühjahr 2012 Ziel Ihrer Kampagne gegen „Spekulation mit Nahrungsmitteln“. Sie werfen uns als Investor an Warenterminbörsen in dieser Kampagne vor, wir würden Preisschwankungen bei Nahrungsmitteln und damit Hunger fördern.
 

Wir sehen in der Unterversorgung und dem Hunger von fast einer Milliarde Menschen und der weiter zunehmenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln eine der größten Herausforderungen. Daher handeln wir. Mit über 24 Millionen Kunden in elf Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerika ist die Allianz führender Mikroversicherer. Wir sind Rückversicherer für über 100 Millionen Landwirte in Indien und China, und wir versichern Millionen weitere Landwirte in Europa, Nord- und Südamerika.
 

Ihren Vorwurf der Nahrungsmittelspekulation gegen die Allianz halten wir für falsch. Wir haben Sie daher mehrfach aufgefordert, Ihre Kritik nachvollziehbar zu belegen, oder die Allianz nicht weiter für Ihre Kampagne zu missbrauchen.
 

Sie rechtfertigen Ihre Kritik damit, dass a) die Allianz als Investor an Rohstoff-Warenterminbörsen aktiv ist, und b) ein bekanntes Unternehmen in Deutschland ist.
 

Einen konkreten Verdacht oder Beleg, ob und wie wir tatsächlich für Preisschwankungen sorgen könnten, haben Sie nicht vorgelegt – und konnten Sie möglicherweise auch nicht vorgelegen, weil der Einblick in die Geschäftspraxis fehlte.
 

Wir haben daher in Gesprächen mit Ihnen unsere Rolle als Investor in diesem Markt transparent gemacht und alle Fragen umfassend beantwortet und belegt, die Sie uns nach mehrfacher Nachfrage und über ein Jahr nach Start der Kampagne gestellt haben.
 

Damit ein Investor an Warenterminbörsen (wo nicht die Rohstoffe selbst, sondern ausschließlich ihre Preisrisiken gehandelt werden) Einfluss auf Nahrungsmittelpreise in Entwicklungsländern nehmen kann, müssen drei Voraussetzungen erfüllt werden:
 

1.) Der Investor muss zunächst die Preise an Warenterminbörsen beeinflussen.
 

2.) Die Preise an den Warenterminbörsen müssen dann die Preise für Agrarrohstoffe am Spotmarkt beeinflussen.
 

3.) Und schließlich müssen die Preise für Agrarrohstoffe am Spotmarkt Einfluss auf Nahrungsmittelpreise in den Entwicklungsländern nehmen.
 

Uns überzeugen die Untersuchungen und Argumente der Wissenschaftler, die für die Preisbildung von Nahrungsmitteln in Entwicklungsländern Faktoren wie Angebot und Nachfrage, Produktionskosten, Transportkosten, Zölle und Margen Vorrang geben. 
 

Wir halten auch die Analysen der Wissenschaftler für nachvollziehbar, dass die erwartete Preisentwicklung an den Spotmärkten (wo die Rohstoffe gehandelt werden) die Preisentwicklung an den Warenterminmärkten lenkt und nicht umgekehrt.
 

Wir respektieren aber den wissenschaftlichen Diskurs unterschiedlicher Meinungen und vertrauen auf einen verantwortungsvollen Umgang der Regulatoren mit diesen Fragen, die gleichzeitig eine Funktionsfähigkeit dieser Märkte erhalten und negative Folgen oder Manipulationen verhindern müssen.
 

Wir haben uns im Dialog mit Ihnen daher auf die Frage konzentriert, die wir konkret beantworten können: Haben wir als größerer Investor an den Warenterminmärkten Einfluss auf die Preise dort?
 

Wir haben dargelegt, dass weder die Anlagestrategie, noch das Anlageverhalten oder das Anlagevolumen dazu intendiert oder geeignet sind, Einfluss auf die Preisentwicklung an den Warenterminbörsen zu nehmen.
 

Wir haben deutlich gemacht, dass unsere Kunden ein dauerhaftes und stabiles Investment an diesem Markt wünschen und ebenso wie unsere Fondsmanager auf die Analyse von Fundamentaldaten setzen statt auf kurzfristige Preissignale.
 

Wir haben aufgezeigt, dass unsere Kunden eher antizyklisch investieren, also investieren, wenn Rohstoffpreise fallen und Investments entziehen, wenn diese Preise steigen. Hätten sie Einfluss auf eine Preisentwicklung, würden sie damit eher zu einer Preisglättung beitragen.
 

Wir haben darauf hingewiesen, dass wir keine Rohstoffe kaufen, lagern oder dem Markt entziehen und Terminkontrakte spätestens 30 Tage vor der Zuteilung der Rohstoffe verkaufen und gegen länger laufende Terminkontrakte austauschen, da die im letzten Monat eher auftretenden Preisvolatilitäten nicht Teil unserer Anlagestrategie sind.
 

Und wir haben die Handelstage geprüft, an denen wir die größten Einzahlungen unserer Kunden im Markt zu investieren hatten. Selbst an diesen Tagen lag der Anteil unserer Neuinvestments weit unter 0,1 % des Handelsvolumens („open interest“) der jeweiligen Rohstoff-Terminkontrakte.
 

Wir respektieren die Sorge um kritische Aus- oder Nebenwirkungen von Märkten, insbesondere wenn es um so dramatische Probleme wie die Nahrungsmittelversorgung und Hunger geht. Wir schätzen die Rolle von Nichtregierungsorganisationen, wenn sie  als kompetente und unabhängige Beobachter und öffentliche Warner agieren. Und wir sehen es als unsere Verantwortung, Fragen zu unserem Geschäft und Verhalten zu beantworten. Wir halten es jedoch nicht für richtig, wenn Unternehmen ohne konkreten Anlass und Beleg als Zielscheibe für Kampagnen diskreditiert werden.
 

Unsere Rolle als verantwortungsbewusster Investor an den Warenterminbörsen empfinden wir als sinnvoll und wichtig für die anderen Marktteilnehmer und haben uns daher dieser schwierigen Debatte gestellt.
 

Wir fordern Sie als unseren Dialogpartner nach den vielen gemeinsamen Gesprächen auf, ebenso verantwortungsbewusst mit den eigenen Erkenntnissen umzugehen und die Öffentlichkeit bei diesem wichtigen Thema nicht fehlzuleiten.
 

Mit freundlichen Grüßen
 

Jay Ralph

Jay Ralph, Mitglied des Vorstands der Allianz SE und Vorsitzender des ESG Boards der Allianz SE.
Jay Ralph, Mitglied des Vorstands der Allianz SE und Vorsitzender des ESG Boards der Allianz SE.

Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen:

 

Disclaimer

Nicolai Tewes
Allianz SE
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