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Allianz zur Nahrungsmittelkrise

Die Allianz hat im Juli die Einrichtung eines ESG Boards (Environmental, Social, Governance) angekündigt. War das eine Reaktion auf die Kritik von Nichtregierungsorganisationen gegen die Investitionen der Allianz in Kohleunternehmen in China und die Investitionen von Asset Management Kunden in Agrarrohstoff-Indexfonds?

Jay Ralph: Die Vorwürfe auf unserer Hauptversammlung im Mai waren nicht der Auslöser, aber sie haben die Einrichtung des ESG Boards auf Vorstandsebene der Allianz SE und des ESG Offices beschleunigt. Wir haben als Versicherer und Vermögensmanager Einfluss auf wichtige Themen. Diesen Einfluss wollen wir bewusst und verantwortungsvoll nutzen und durch das ESG Board steuern.

 

Wird die Allianz nun aus diesen Investitionen aussteigen?

Als sozusagen erste "Amtshandlung" des ESG Boards haben wir mit den beteiligten NGOs den Dialog aufgenommen. Mit Greenpeace haben wir uns im Juli in Hong Kong getroffen und mit Oxfam in Berlin.

Die Investments in China sind eine relativ kleine Position. Gemeinsam mit Greenpeace wägen wir nun ab, ob wir diese Anteile verkaufen oder wie wir als Aktionär auf besseres Umweltmanagement drängen könnten.

Im Dialog mit Oxfam haben wir uns die Bedenken erklären lassen, danach zusammen mit unseren Experten von PIMCO unsere Anlagestrategie transparent gemacht und detailliert zu allen Aussagen der NGO Stellung genommen. Außer der pauschalen Wiederholung der Vorwürfe haben wir keine Antwort auf unsere Erklärungen erhalten.

 

Was sagt die Allianz denn im Detail zu den Vorwürfen von Oxfam?

Die Vorwürfe sind unberechtigt. Manche lassen sich sehr einfach widerlegen, für andere muss man sich etwas mehr auf die Materie einlassen. Bereits auf unserer Hauptversammlung im Mai haben wir klarstellen können, dass die Gelder unserer Versicherungskunden nicht in Rohstoffe oder in Rohstoff-Indexfonds investiert sind.

Hier geht es ausschließlich um Investitionen von Kunden unserer Vermögensverwalter PIMCO und AGI, von denen derzeit etwa zwei Prozent in Rohstoff-Indexfonds investiert sind. Knapp ein Drittel davon lassen sich Agrarrohstoffen zuordnen. Diese Investments erzielen Erträge, weil sie Farmern auf den Warenterminmärkten bei der Absicherung gegen schwankende Preise dienen: Der Farmer möchte sicher gehen, dass er einen bestimmten Preis für seine Ernte erzielt. Dafür sucht er einen Risikopartner, davon profitieren der Farmer und der Anleger.

Sprechen können wir für die Investments unserer Kunden - und für die gilt: Sie sind langfristiger Natur. Sie kaufen oder entziehen dem Markt keine realen Rohstoffe. Sie können bei steigenden und bei fallenden Preisen Erträge erwirtschaften. Sie nehmen am Handel im Liefermonat der Rohstoffe nicht teil - dann sind am ehesten Preisschwankungen zu beobachten. Hinzu kommt, dass unsere Kunden bisher eher anti-zyklisch investierten, also mit ihren Investitionen dem Markt Liquidität in Phasen boten, wenn Preise fielen. Dieses Investitionsverhalten hilft, den Markt zu stabilisieren. Ein Rückzug dieser Investoren hätte daher negative Folgen für die Farmer und für die Preise.

Hauptursachen für die steigenden Nahrungsmittelpreise sind laut UN, FAO und OECD vor allem das Bevölkerungswachstum, der steigende Konsum in Schwellenländern, Handelsbarrieren, Klimaeinflüsse und die zunehmende Verwendung landwirtschaftlicher Flächen für die Produktion von Biosprit. Das lässt sich auch an den aktuellen Preissteigerungen bei Weizen, Mais und Soja aufgrund der Dürre in den USA verfolgen. Wir sind daher gemeinsam mit vielen Experten überzeugt, dass die Preise an den Warenterminmärkten den realen Rohstoffpreisen folgen, nicht umgekehrt. Das ist die Aufgabe und die Logik dieses Marktes. Aber selbst derjenige, der diese Logik bezweifelt, müsste die negativen Folgen eines Ausstiegs von Investoren erkennen, die wie unsere Kunden handeln.

 

Was kann die Allianz tun, um die Folgen steigender Nahrungsmittelpreise zu minimieren?

Ein Rückzug als Investor wäre fatal. Die steigende Preise zeigen, dass die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage weiter wächst. Um dem zu begegnen, brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Investitionen in die Leistungsfähigkeit der Agrarwirtschaft, der Nahrungsmittelproduktion und ihren Vertrieb. Ein Rückzug der langfristigen Investoren in den Rohstoff- und Indexfonds wäre ebenso schädlich.

Die Farmer in den USA sind gegen die Folgen und Risiken einer Dürre durch Ernteversicherungen und die Liquidität an den Warenterminbörsen gut abgesichert. Die meisten Farmer in den Entwicklungs- und Schwellenländern haben diese Möglichkeit bisher nicht. Wir diskutieren, ob Mikro-Versicherungen und ein Mikro-Warenterminmarkt Farmer und Kunden in den Entwicklungsländern helfen könnte. Wenn das der Fall ist, werden wir überlegen, wie wir dazu beitragen können.

Tätig sind wir bereits in diesem Umfeld. Mit vier Millionen Kunden in elf Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas ist die Allianz nicht nur der größte Mikroversicherungsanbieter, sondern vielleicht auch der innovativste. Wir haben mit der giz (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) Programme für verantwortungsbewusste Verkaufspraktiken etabliert, testen Wetterderivate für derzeit 16.000 Bauern in Westafrika und entwickeln eine satellitengestützte Erntebeobachtung und begleitende Versicherungslösungen für asiatische Länder. Zudem sind wir Rückversicherer für 125 Millionen Farmer in China und Indien.

Wir sind führender Investor in erneuerbare Energien und in Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern. Wir beraten beim Schutz vor Naturkatastrophen und helfen bei Schäden. Wir sind einer der größten Agrarversicherer und zählen zu den größten Investoren in Schwellenländern. Wenn wir das daraus resultierende Wissen, unser Netzwerk und unser Kapital richtig einsetzen, können wir gemeinsam mit unseren Kunden, mit Regierungen und Nichtregierungsorganisationen noch mehr bewegen.

 

Ist der Disput damit für die Allianz erledigt?

Dieser Dialog scheint am Ende, das Thema dagegen ist für uns nicht erledigt. Oxfam vertritt als NGO ein wichtiges Anliegen, das wir teilen. Die wachsende Lücke in der Versorgung mit Nahrungsmitteln ist aus unserer Sicht neben dem Klimawandel und der demografischen Entwicklung eine der drei größten Herausforderungen, zu deren Lösungen wir beitragen können.

 

Welche Rolle soll dabei das ESG Board konkret spielen?

Das ESG Board wird sicherstellen, dass wir im Dialog mit internen und externen Fachleuten die wichtigen sozialen und ökologischen Themen rechtzeitig erkennen, richtig einschätzen und pragmatische Umsetzungsmöglichkeiten entwickeln. Wir werden dabei nicht für jedes Thema eine einheitliche Umsetzung finden, weil Gesetze, Kulturen und das Selbstverständnis unserer Stakeholder in unseren über 70 Märkten weltweit unterschiedlich sind.

Aber wir möchten unseren Kunden mit den bestmöglichen nachhaltigen Produkten und Services dienen, die gleichzeitig verantwortungsvoll mit gesellschaftlichen Bedürfnissen umgehen. Das ESG Board wird daher den Allianz Unternehmen vor Ort inhaltliche Orientierung für eine kunden-, markt- und gesellschaftsorientierte Umsetzung geben. Es wird bei einigen Themen allerdings auch allgemein verbindliche Regeln geben, wie dem bereits geltenden Ausschluss von Geschäften mit bestimmten Waffenherstellern oder jeglicher Waffengeschäfte in Krisenregionen.

Das ESG Board wird aber nicht nur Geschäfte verhindern, es wird auch Geschäfte gezielt durch Koordination fördern. Dazu zählen auch Ansätze, die wir im Dialog mit Oxfam entwickelt haben und unabhängig weiter verfolgen werden, wie die Verknüpfung unserer Mikroversicherung mit der satellitengestützten Ernteanalyse und die Idee eines Mikro-Warenterminmarktes für Farmer in Entwicklungsländern.

Jay Ralph, Mitglied des Vorstandes der Allianz SE
Jay Ralph: "Für die Investments unserer Kunden gilt: Sie sind langfristiger Natur. Sie kaufen oder entziehen dem Markt keine realen Rohstoffe."

Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen

Nicolai Tewes
Allianz SE
Tel. +49.89.3800-4511
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