Die Folgen des Brexit

Als die britischen Bürger für das Verlassen der EU stimmten, brachen weltweit die Märkte ein, da Volkswirte eine britische Rezession und das Zerbrechen der EU vorhersagten. Und auch wenn keines von beiden bis jetzt eingetreten ist zeichnet sich doch kein rosiges Bild ab. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, erläutert die Situation.

 

Allianz.com: Am 23. Juni haben sich die Briten für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden. Ist schon etwas über die genaue Brexit-Strategie von Großbritannien bekannt?

 

Michael Heise.: Über drei Monate lang war ziemlich unklar, was der Brexit wirklich bedeutet. Seit der Rede von Premierministerin Theresa May auf dem Parteitag der Konservativen wissen wir nun etwas mehr über ihre Brexit-Strategie. So besteht ein zentraler Punkt in der Aktivierung von Artikel 50 im März nächsten Jahres, was bedeuten würde, dass die Briten wahrscheinlich Anfang 2019 aus der EU austreten werden. Zudem sind strengere Migrationskontrollen unausweichlich und das Vereinigte Königreich wird nicht länger der Rechtssprechung des Europäischen Gerichtshofs unterliegen, sobald es die EU verlassen hat. Es ist noch zu früh, um genaue Aussagen zu treffen. Aber wenn die britische Regierung nicht von diesen Plänen abweicht, steuert das Land auf einen „harten“ Brexit zu. Das würde eine klare Trennung von der EU zur Folge haben und somit einen Ausstieg aus dem Binnenmarkt und der Europäischen Zollunion bedeuten. Dies würde erheblichen wirtschaftlichen Schaden mit sich bringen. Paradoxerweise sind die Wirtschaftszahlen seit dem Referendum bisher besser als erwartet ausgefallen, was die Befürworter des Brexit dazu veranlasst hat, die Warnungen vor den wirtschaftlichen Risiken eines „harten“ Ausstiegs zu ignorieren, was ihn nur umso wahrscheinlicher macht.

 

Im Vorfeld des Referendums hatten viele Analysten massive negative Auswirkungen vorausgesagt, wenn sich die Mehrheit für einen Austritt aus der EU ausspricht. Waren die Prognosen vor dem Referendum zu pessimistisch?

 

Ein wesentlicher Grund für die stabile Wirtschaftsleistung nach dem Brexit-Votum ist die starke Reaktion der britischen Zentralbank und die Abwertung des Pfund Sterling. Das hat zwar die Exportaussichten erhöht, steht aber im Grunde für eine Verringerung des Realeinkommens in der Wirtschaft. Die rosigen Zeiten nach dem Referendum werden demnach bald vorbei sein. Es gibt Hinweise darauf, dass britische Firmen bereits auf ihren Investitionsplänen sitzen bleiben. Angesichts der unsicheren Geschäftsaussichten ist dies nicht überraschend. Darüber hinaus hat der starke Abfall des Pfund Sterling gegenüber dem Euro bereits zu einem Anstieg der Importpreise geführt. Das wird sich in einer höheren Inflation in Großbritannien niederschlagen, was wiederum die Kaufkraft der Haushalte beeinträchtigen wird. Aus diesen Gründen gehen wir davon aus, dass sich das Wachstum des britischen Bruttoinlandsproduktes im kommenden Jahr auf weniger als ein Prozent verlangsamen wird. Auch langfristig wird es im Falle eines „harten“ Brexit zu einer Abschwächung kommen.

 

Kann die britische Wirtschaft außerhalb der EU überhaupt weiter wachsen?

 

Ich kann im Brexit nach wie vor keine Vorteile für Großbritannien erkennen. Der Brexit ist ein überaus komplexer Prozess, der sich über Jahre hinziehen wird, um die Briten ganz aus der EU zu lösen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die Verhandlungen zu einem umfassenden Freihandelsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU führen, das signifikante Zusätze für bestimmte Bereiche der Wirtschaft, insbesondere für die Dienstleistungsbranche, haben wird. Ein solches Abkommen wird allerdings nicht dem Maß an Integration gerecht werden können, das innerhalb des europäischen Binnenmarktes erreicht wurde, vor allem nicht bei einem „harten“ Ausstieg. Die wichtigsten Säulen des wirtschaftlichen Erfolgs der Briten, wie der Finanzdienstleistungssektor, könnten zukünftig an Bedeutung verlieren. Das könnte allgemein auch auf andere Branchen zutreffen, die auf einen großen Markt für mehr Wachstum angewiesen sind. Auch der kontinuierliche Zugang zu internationalen Fachkräften könnte in Mitleidenschaft gezogen werden. Wenn Großbritannien nach dem Brexit wirtschaftlich wachsen möchte, muss es sich wohl neu erfinden. Mit der richtigen Mischung aus Vision und Politik muss der Brexit langfristig nicht zwangsweise in einer wirtschaftlichen Katastrophe enden. Mir ist jedoch nicht klar, wie sich die Situation verbessern soll, wenn der Zugang zum europäischen Binnenmarkt mit über 500 Millionen Verbrauchern – zumindest teilweise – beschränkt ist.

 

Wird die EU den Brexit überleben?

 

Auf jeden Fall. Der Prozess des Brexit ist sehr komplex und das Ergebnis der Verhandlungen noch nicht klar. Zudem wird Großbritannien den Preis dafür zahlen müssen. Dies wird mögliche Nachahmer abschrecken, sodass es zu keiner Aufspaltung der EU kommen wird. Ich bin davon überzeugt, dass die EU überleben wird. Das Brexit-Votum ist allerdings ein Weckruf dafür, dass sich die Union reformieren muss. Die Europäer nehmen die EU mehr und mehr als Problem und nicht als Lösung war.  Ein bürokratischer Koloss, der den Druck der Globalisierung erhöht und es nicht schafft, eigene Krisen zu bewältigen. Um der steigenden Unzufriedenheit entgegenzuwirken, muss die EU mehr dafür tun, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, beispielsweise durch höhere Investitionen, Projekte für Forschung und Bildung oder andere Maßnahmen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern. Die EU muss ihre Anstrengungen zudem auf Bereiche konzentrieren, in denen auch wirklich ein Mehrwert erreicht werden kann. Daher sollte die Zusammenarbeit bei europäischen Themen wie der internen und externen Sicherheit, der Terrorismusbekämpfung und dem Schutz der EU-Außengrenzen verstärkt werden.

 

Die zukünftigen Errungenschaften der EU werden zwar sehr wahrscheinlich fragmentarischer und unspektakulärer ausfallen als die großen Integrationsbündnisse und neuen Institutionen, die in den letzten 60 Jahren ins Leben gerufen wurden. Aber Zeit für eine Konsolidierung ist vielleicht genau das, was sie gerade braucht. Wichtigste Grundlage für eine weitere politische und finanztechnische Integration ist die Akzeptanz durch die Bevölkerung in den Mitgliedsstaaten. Der erste Schritt ist also, diese wiederzuerlangen.

Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz: „Ich kann im Brexit nach wie vor keine Vorteile für Großbritannien erkennen.“
Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz: „Ich kann im Brexit nach wie vor keine Vorteile für Großbritannien erkennen.“

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