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Die Wahrheit über die ungleiche Vermögensverteilung in Zahlen

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Eine ungleiche Vermögensverteilung führt schnell zu Schuldzuweisungen, doch die wahren Gründe dafür sind wesentlich komplexer. Allianz.com sprach mit dem Chefvolkswirt der Allianz Michael Heise, um die Ursachen und Trends einer Problematik zu erörtern, die aus dem internationalen Diskurs nicht mehr wegzudenken ist.

 

Allianz SE
München, 21.09.2016

Allianz-Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz

Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz

Allianz.com: Weltweit lässt sich ein verstärkter Populismus feststellen. Viele sehen den Auslöser dafür in der Globalisierung und einem wachsenden Ungleichgewicht bei den Einkommen. Doch gehört es nicht gerade zu den positiven Auswirkungen der Globalisierung, dass heute weltweit weniger Armut herrscht als noch vor 20 Jahren?

Michael Heise: Im Hinblick auf die globale Vermögensverteilung wurden in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich große Fortschritte gemacht. Die Erfolgsgeschichte der Schwellenländer hat dazu beigetragen, dass mehr und mehr Menschen am allgemeinen Fortschritt und Wohlstand teilhaben konnten. Zudem entstand dadurch eine neue globale Mittelschicht. Gleichzeitig sank die Armut auf der gesamten Welt in den letzten Jahrzehnten deutlich. Zwar gehört die überwiegende Mehrheit der fünf Milliarden Menschen in den von uns untersuchten Ländern immer noch der Vermögensunterklasse an. Ihr Anteil sank jedoch von 80 Prozent im Jahr 2000 auf heutige 69 Prozent. Grund dafür ist, dass in den letzten Jahren immer mehr Menschen, fast 600 Millionen insgesamt, in die Vermögensmittelschicht aufgestiegen sind.
 

Aus nationaler Sicht lässt sich die Frage nach der Vermögensverteilung allerdings nicht so leicht beantworten. In vielen Industrieländern, jedoch nur wenigen Schwellenländern, konnten wir über die vergangenen Jahre eine stärkere Vermögenskonzentration feststellen. Die Wahrnehmung einer breiten Unzufriedenheit rührt daher nicht von zunehmender Verarmung der gesamten Bevölkerung, sondern eher von der Konzentration von stetig steigendem Reichtum bei (sehr) wenigen Ausgewählten. In einigen Fällen scheinen auch widersprüchliche Prozesse gleichzeitig zu wirken. Die Mittelschicht wächst und gleichzeitig öffnet sich die Schere zwischen den sehr Reichen und dem Durchschnitt immer weiter. Die Verteilungsfrage ist tatsächlich komplizierter, als es die eingängigen Schlagzeilen von der stetig wachsenden Ungleichheit suggerieren wollen.
 

 

Das Geldvermögen in Asien wächst zweistellig. Warum ist Asien derzeit die einzige Region, die sich dynamisch entwickelt?

Asien hat die Finanzkrise gut überstanden. Das zeigt sich im globalen Ranking hinsichtlich des Netto-Geldvermögens pro Kopf. Drei asiatische Länder – Japan, Taiwan und Singapur – waren 2015 unter den Top 10. Im Jahr 2000 fand sich dort nur Japan.
 

China hat ebenfalls einen steilen Aufstieg genommen: Zur Jahrtausendwende lag es im Ranking noch auf Platz 40, im Jahr 2015 nahm es dafür bereits Platz 28 ein. Im vergangenen Jahr hat China sogar Griechenland überholt, das immer noch unter den Folgen der Eurokrise leidet. Mit einem Netto-Geldvermögen pro Kopf von 11.500 Euro leben die Chinesen heutzutage in höherem Wohlstand als der Durchschnitt in den östlichen EU-Ländern. Chinas Aufstieg ist eine der bemerkenswertesten Entwicklungen in der Wirtschaftsgeschichte. Und sie ist noch nicht abgeschlossen.
 

Auf der anderen Seite lassen zwei Schwellenmärkte nun deutlich nach, aber aus anderen Gründen. Osteuropa litt unter der Eurokrise und Lateinamerikas wirtschaftlicher Aufschwung wurde mit dem Ende des Rohstoffbooms (der auch Russland schwer zu schaffen machte) jäh gestoppt.
 

 

In vielen Industrieländern schrumpft die Mittelschicht, während sie in anderen wächst. Warum?

Aus globaler Sicht ist die Vermögensmittelklasse in den zurückliegenden Jahren kräftig gewachsen: Die Anzahl der Angehörigen dieser Schicht hat sich auf über eine Milliarde Menschen mehr als verdoppelt und der Anteil an der Gesamtbevölkerung kletterte von 10 Prozent auf rund 20 Prozent. Auch der Anteil am Weltvermögen wurde deutlich größer: Ende 2015 erreichte er gut 18 Prozent, gegenüber dem Beginn des Jahrtausends ist dies beinahe eine Verdreifachung. Die globale Mittelklasse wird also nicht nur zahlenmäßig immer größer, sondern auch immer reicher. Diese Entwicklung wird hauptsächlich von den Schwellenmärkten vorangetrieben, in erster Linie von China.
 

In vielen Industrieländern zeigt sich eine andere Entwicklung: Dort schrumpft die Mittelklasse, d. h. es lässt sich ein Prozess der schleichenden Auszehrung der Mitte beobachten, die immer weniger am Gesamtvermögen partizipiert. Bezeichnenderweise trifft dies vor allem auf Eurokrisenländer (Italien, Irland, Griechenland) und alte Industrieländer (USA, Japan, Großbritannien) zu. Die Gründe dafür sind offensichtlich: die Finanzkrise und die daraus folgenden wirtschaftlichen Spannungen. Was die globale Vermögensverteilung betrifft, hat die Geldpolitik zu einer Verschlechterung einer ohnehin schon schlechten Lage geführt. Warum? Eine Nebenwirkung einer sehr lockeren Geldpolitik besteht in den ständig steigenden Preisen von Vermögenswerten wie Aktien. In Aktien wird aber sowieso hauptsächlich von schon reichen Haushalten investiert. Der durchschnittliche Sparer ist von eher trägen Sparinstrumenten wie Bankeinlagen abhängig, die verzinst werden. Nach der Finanzkrise wurden die Zinsen aber mehr oder weniger abgeschafft. Das Ergebnis ist eine wachsende Ungleichheit bei der Vermögensverteilung.

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Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen:

 

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