Von der neuen Normalität in die säkulare Stagnation?

Folgen auf sechs Jahre mäßigen Wirtschaftswachstums weitere sechs magere Jahre? Michael Heise und Mohamed A. El-Erian sprechen über ein Ernstfallszenario, was bei dem Versuch, Wirtschaftswachstum zu generieren, schief gelaufen ist, und was stattdessen unternommen werden könnte.

Allianz.com: Japan leidet unter einer Wirtschaftskrise, die bereits in den 1990er ihren Anfang genommen hat und fast bis heute anhält. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Vereinigten Staaten und Europa sich derzeit mit ähnlichen Problemen konfrontiert sehen. Werden wir mit diesen Problemen genauso lange kämpfen wie Japan?

Michael Heise: Nein. Natürlich ist das Szenario in Japan ähnlich gelagert wie die derzeitige Situation in Europa und den Vereinigten Staaten. Es gibt jedoch zwei wichtige Unterschiede. Erstens war die Vermögensblase in Japan Ende der 1980 viel größer als in den Vereinigten Staaten oder Europa vor 2008. Daher hielt die sogenannte Bilanzrezession wesentlich länger an. Zweitens haben wir in den Vereinigten Staaten und in Europa schneller reagiert, indem wir den Bankensektor rekapitalisiert und verschlankt haben. Im Grunde genommen wurde die Bankenreform in Japan erst zehn Jahre, nachdem die Blase geplatzt ist, eingeleitet.
Allianz.com: Viele Ökonomen sehen in der „säkularen Stagnation“ den Grund dafür, dass wir bereits seit einiger Zeit ein niedriges Zinsniveau haben. Laut Lawrence Summer treffen bei der säkularen Stagnation überschüssige Ersparnissen auf schwache Investitionen. Was sind Ihre individuellen Ansichten zur diesem Phänomen?

Mohamed A. El-Erian: Für den Normalbürger wird die säkulare Stagnation auf verschiedene Arten spürbar: durch eine gefühlte nachlassende Produktivität, dauerhafte Arbeitslosigkeit, unterfordernde Tätigkeiten sowie eine gedämpfte Lohnentwicklung. Damit einhergehend verringert sich das Fachwissen und die Gesellschaft sieht sich dem Risiko einer verlorenen Generation gegenüber.

Michael Heise: Dem stimme ich zu. Während die negative Entwicklung ursprünglich durch ein Platzen der Finanzblase und eine Abwärtsbewegung bei der Nachfrage verursacht wurde, kann sich diese im Laufe der Zeit vertiefen und zu einem strukturellen Problem ausweiten. Mit 18 Millionen Arbeitslosen in der EU müssen wir eine solche säkulare Stagnation unbedingt verhindern.


Mohamed A. El-Erian: Es gibt eine aktive ökonomische Debatte zu dem Thema, ob hier ein zyklisches oder ein strukturelles Problem vorliegt. An dieser Debatte haben sich in letzter Zeit auch Ben Bernanke und Lawrence Summers beteiligt. Ganz gleich, wo sie heutzutage das Gleichgewicht ansetzen, die Mehrheit würde folgender These zustimmen: Je länger das Wirtschaftswachstum stagniert, desto größer ist das Risiko, dass sich das Problem in der wirtschaftlichen Struktur verankert und sich somit zunehmend schlechter lösen lässt.

Chancengleichheit ist nach dem Urteil der Top-Ökonomen der Allianz der Schlüssel zur Bekämpfung von Ungleichheit
Von links: Mohamed A. El-Erian, Chief Economic Advisor der Allianz und Michael Heise, Chefökonom der Allianz

Allianz.com: Woher stammt diese Problematik?

Mohamed A. El-Erian: Hierfür gibt es drei verschiedene Treiber: Zuerst eine ganze Reihe an strukturellen Komponenten, einschließlich der Einflussfaktoren von Maschinen, Demographie, Bildung und fehlender Infrastruktur.

Die zweite Kategorie hat mit einer unangemessenen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu tun. Nicht nur die gewöhnliche Nachfrage, sondern auch das Missverhältnis zwischen der Bereitschaft, Geld auszugeben, und der Fähigkeit dies auch zu tun. Ein Beispiel: Reichere Bevölkerungsschichten, die größtenteils vom kürzlich gestiegenen Einkommen profitiert haben, verfügen über die finanziellen Mittel, um Geld auszugeben, sind aber meist zurückhaltend. Ärmere Bevölkerungsschichten möchten gerne Geld ausgeben, haben aber nicht das nötige Kleingeld.

Der dritte Treiber bezieht sich auf die Bilanzen. Wenn ein Übermaß an exzessiver Verschuldung vorhanden ist, können neue Kapitalinvestitionen nur schlecht generiert werden, da potenzielle Investoren nicht die Fehler der Vergangenheit ausbaden möchten.

Allianz.com: Beschreibt der Begriff säkulare Stagnation nur das Konzept der neuen Normalität (New Normal), die das Jahr 2009 einläutete?

Mohamed A. El-Erian: Die säkulare Stagnation ist ein neuer Begriff, der dem Konzept der neuen Normalität sehr ähnlich ist und eng damit in Verbindung steht. Wenn Sie sich erinnern, das New Normal war ein Anzeichen dafür, dass mit dem Ende der weltweiten Finanzkrise keine zyklische Erholung in Sicht war. Und das war in den vergangenen sechs Jahren der Status Quo, daher stellt sich die Frage: Können offene Volkswirtschaften auch längere Zeit in dieser neuen Normalität verharren?

Allianz.com: Was können wir also in den kommenden sechs Jahren erwarten?

Michael Heise: Beide Konzepte (neue Normalität und säkulare Stagnation) beschreiben Entwicklungen mit ziemlich niedrigen Wachstumsraten und Vermögensrenditen. Wir müssen jedoch zwischen den beiden Konzepten unterscheiden. Meiner Ansicht nach ist die säkulare Stagnation ein rein nachfragegetriebenes Problem, wohingegen die neue Normalität auch über eine Angebotsseite oder Trendkomponente verfügt. Ich glaube nicht, dass die säkulare Stagnation die aktuelle Situation in den Verdingten Staaten oder der EU adäquat beschreibt.

Allianz.com: Welche Lösungsansätze bieten sich aus heutiger Sicht?

Michael Heise: Ich denke, wir müssen uns darauf konzentrieren, die Bedingungen für Investitionen und Innovationen zu verbessern. Dies ist mittels Steuern und Regulierung möglich. Ebenso müssen wir die Arbeitsproduktivität optimieren, das heißt, dass die Menschen eine bessere Ausbildung, bessere Fachkenntnisse und Qualifikationen benötigen. Auf der Angebotsseite würden diese Maßnahmen ein höheres Potenzialwachstum für die Wirtschaft generieren. Auf dieser Seite wurde bisher nicht genügend getan. Andererseits reicht eine weitere wesentliche Senkung des Zinssatzes durch unkonventionelle Instrumente der Geldpolitik einfach nicht aus. Ein extrem niedriges Zinsniveau konnte bislang weder die Investitionstätigkeit noch die Konsumnachfrage sonderlich ankurbeln. Das ist nicht wirklich verwunderlich. Statt zu einer Lösung zu führen, entwickeln sich Niedrigzinsen zum Teil des Problems, da sie große Löcher in das gesamte Rentensystem reißen und die Menschen sich Sorgen um ihre Rentenfonds machen. Bei der betrieblichen Altersversorgung muss ein größerer Teil der Gewinne aufgewendet werden, um diese große Versorgungslücke zu schließen, und einige Unternehmen haben zu diesem Zweck bereits Vermögenswerte verkauft. Dies ist nicht gerade förderlich für Unternehmensinvestitionen.

Allianz.com: Investitionen in Infrastruktur und Bildung werden in dieser Hinsicht oft als Lösungsansatz vorgeschlagen. Würden Sie dieser Empfehlung in Anbetracht der Schulden, die auf den einzelnen Ländern lasten, nachgehen?

Mohamed A. El-Erian: Wir müssen auf diese Herausforderung, vor die uns das unzulängliche Wachstum stellt, mit umfassenden politischen Maßnahmen reagieren. Dazu gehören Strukturreformen, notwendige politische Reformen und eine Sanierung der Bilanzen. Wenn wir über diese Probleme, denen sich verschiedenen Länder ausgesetzt sehen, sprechen, können wir uns eine Liste vorstellen, bei der die Gewichtung je nach Land variiert. Einige Probleme, wie eine unzureichende Infrastruktur, finden sich in vielen Ländern. Die Allianz liefert ein gutes Beispiel dafür, dass privates Kapital hier so einiges erreichen kann, insbesondere im Rahmen Öffentlich-Privater-Partnerschaften. Es gibt also eine Möglichkeit, die Infrastruktur zu verbessern, ohne die öffentlichen Finanzen übermäßig zu belasten. Im Hinblick auf die Bildung gibt es viele Probleme, die über eine reine Ausgabetätigkeit hinausgehen. Wir müssen uns bemühen, das Geld sinnvoller zu investieren. Und wir sollten uns auf keinen Fall von Budgetbeschränkungen in unserer Vorstellungskraft einschränken lassen.

Allianz.com: Wird die Entscheidung der Fed (die Zentralbank der Vereinigten Staaten) in diesem Sommer oder Herbst Aufschluss darüber geben, ob die Vereinigten Staaten und Europa gleichermaßen besorgt sind?

Michael Heise: Die Entscheidung im Herbst wird zeigen, dass sich weder die Vereinigten Staaten noch Europa in der Falle der säkularen Stagnation befinden. In der Eurozone werden wir wahrscheinlich zu 1,5 Prozent realem und 3 Prozent nominalem Wachstum zurückkehren. Wir können beobachten, dass die Banken wieder weniger restriktiv bei der Kreditvergabe agieren. Die Beschäftigungszahlen und die Löhne steigen auf beiden Seiten des Atlantiks. Ich wette darauf, dass die Fed im September einen ersten Schritt in Richtung höhere Zinssätze unternehmen wird. Das wird der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten nicht schaden. In Europa werden wir eine Diskussion zum Thema „Tapering“ führen, sobald die Inflationsrate bei 1,5 Prozent liegt, was aller Voraussicht nach Ende des Jahres der Fall sein wird. Daher glaube ich nicht, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihr Programm für Anleihekäufe bis zum bitteren Ende fortführen wird.

Mohamed A. El-Erian: Ende des Jahres werden sich die Vereinigten Staaten wieder auf einem Wachstumspfad von 2,5 bis 3 Prozent befinden. Ich bin auch der Meinung, dass die Fed im September die Zinssätze anheben wird. Im Falle Europas mache ich mir etwas mehr Sorgen. Ich glaube nicht, dass die Erholung, die wir in Europa sehen, ausreichend an Fahrt gewinnt und anhält, bis umfassendere politische Reformen umgesetzt wurden. Es würde mich nicht wundern, wenn die EZB das Gaspedal vollständig durchgedrückt hält. Schließlich leben wir in einer Welt mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, in der die Reaktionen der Zentralbanken stark variieren.
 

Text/Interview: Andreas Klein

Säkulare Stagnation

Der Begriff säkulare Stagnation wurde von dem Harvard Professor Alvin Hansen im Jahr 1938 eingeführt, um zu beschreiben, welche Auswirkung seiner Meinung nach die „Great Depression“ in den 1930ern auf die amerikanischen Wirtschaft haben würde. Er fürchtete, dass die Wirtschaft einem Stillstand erliegen würde, da die Investitionsmöglichkeiten durch die Schließung der Grenzen gehemmt würden. Der Begriff tauchte wieder auf, als Larry Summers ihn im Jahr 2013 in seiner Rede vor dem IWF verwendet hatte.

Neue Normalität

The term was coined by  Mohamed A. El-Erian and PIMCO colleagues to describe a sluggish rebound from the 2008 global financial crisis. According to this theory, the economy would not simply reset in the traditional cyclical fashion but, instead, would experience years of unusually low growth.

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