“Ein bisschen Ungleichheit ist gut, viel davon ist schlecht”

Die Occupy Wall Street Bewegung, der Aufruhr um Thomas Pikettys Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" und andere Initiativen werfen Fragen auf, die sich alle um ein und dasselbe Thema drehen: Ungleichheit. In einem Exklusivinterview mit Allianz.com versuchen Michael Heise, Chefökonom der Allianz und Mohamed A. El-Erian, Chief Economic Advisor der Allianz, Antworten auf diese Fragen zu finden.

 

Haben wir wirklich ein weltweites Problem mit der Ungleichheit?

 

Michael Heise: Nein, global gesehen nimmt die Ungleichheit glücklicherweise ab. Im Hinblick auf das Vermögen ist die Mittelschicht in den vergangenen 13 Jahren um 500 Millionen Menschen gewachsen, vor allem auf den asiatischen Märkten. Laut den Vereinten Nationen wird die Mittelschicht als Menschen mit Brutto-Geldvermögen zwischen 5.800 und 33.000 US-Dollar bezeichnet. Dass der Wohlstand zugenommen hat, müssen wir bei der Diskussion um das Thema Ungleichheit auch berücksichtigen.

 

Mohamed A. El-Erian: Wir stehen hier vor einem interessanten Gegensatz. In vielen Entwicklungsländern, insbesondere in China, konnten sich Millionen und Abermillionen von Menschen aus der Armut befreien. Global gesehen ist die Ungleichheit zurückgegangen, vor allem weil sich die einzelnen Länder am unteren Ende der Wohlstandsskala einander angenähert haben. Und das ist gut so. Untersucht man jedoch die Ungleichheit in einzelnen Ländern, ergibt sich ein unterschiedliches Bild. Ob in den USA, Brasilien oder China: Überall haben Einkommen und finanzielle Ungleichheit zugenommen und zwar so deutlich, dass sich dieses Phänomen mittlerweile auf die Chancengleichheit auswirkt. Sobald man beginnt, über Chancen zu sprechen, wird das Problem weitaus ernster und schwieriger zu lösen. Global ist die Ungleichheit zurückgegangen, national jedoch auf ein besorgniserregendes Maß angestiegen.

 

Warum muss sich die Gesellschaft mit diesem Problem auseinandersetzen?

 

Heise: Wir müssen uns mit diesem Problem auseinandersetzen, denn es geht hier um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sowohl für Industriestaaten als auch für Entwicklungsländer besteht hier eine Gefahr. In jüngster Zeit haben wir soziale Unruhen und Konflikte erlebt, in denen Armut eine wichtige Rolle spielte.

 

El-Erian: Das Thema hat sich von einem moralisch-ethischen hin zu einem politischen entwickelt und bedroht das wirtschaftliche Wohl. In der Zwischenzeit haben sich die Treiber von Ungleichheit erweitert und umfassen jetzt zyklische sowie strukturelle und säkulare Faktoren. Und das Ergebnis weckt Aufmerksamkeit. Laut den jüngsten Daten der US-Notenbank haben von allen schrittweisen Einkommenserhöhungen der letzten Jahre in den USA lediglich die obersten drei Prozent der Bevölkerung profitiert.

„"rg". Das ist aber kein Naturgesetz und deshalb widerspreche ich Pikettys Theorie“. Michael Heise, Chefökonom der Allianz.
„"r>g". Das ist aber kein Naturgesetz und deshalb widerspreche ich Pikettys Theorie“. Michael Heise, Chefökonom der Allianz.

Wie wirkt sich das Thema Ungleichheit auf Unternehmen wie die Allianz aus?

 

El-Erian: Das Thema betrifft uns aufgrund der Art und Weise, in der wir als Konzern unsere Kunden bedienen. Wir helfen den Menschen bei ihren Versicherungen, wir helfen dabei, das Ersparte zu vermehren und die Altersvorsorge zu sichern. Wir bieten ihnen auch Informationen über die Welt, in der sie leben, und wie sich aktuelle Trends auf ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Familien auswirken. Beispielsweise führt der Allianz Global Wealth Report zu einem besseren Verständnis dessen, wie sich dieser Aspekt der Ungleichheit entwickelt. Im Endeffekt ist es ganz einfach: Um unsere Kunden gut betreuen zu können, müssen wir verstehen, wie sich deren Umstände entwickeln, und wie wir dynamisch reagieren können. Wir müssen ihnen relevante Informationen liefern und als Vordenker agieren. Das ist besonders wichtig, weil die Weltwirtschaft nach wie vor sehr labil erscheint. 

 

Heise: Natürlich betrifft uns dieses Problem. Ungleichheit ist einer der Gründe für das Phänomen der "Ersparnisschwemme", die das Wirtschaftswachstum hemmt. Abgesehen vom Wachstum wirkt sich Ungleichheit auch unmittelbar auf unser Geschäft aus. Wir wollen nicht nur für die wenigen Glücklichen mit hohen Einkommen da sein. Wir haben Produkte für die breite Masse. Deshalb schlagen wir beispielsweise vor, für die unteren Einkommensschichten in Ländern wie Deutschland Steuern zu senken oder Ersparnisse zu fördern. Menschen mit geringem Einkommen sollten in die Lage versetzt werden, einen Teil ihres Einkommens zu sparen und für später aufheben zu können. Das ist ihnen heutzutage oft nicht möglich.

 

Occupy Wall Street, Thomas Pikettys “Kapital im 21. Jahrhundert” – es gibt viele Versuche, die aktuelle Situation zu beschreiben. Welches Modell sollten wir Ihrer Ansicht nach berücksichtigen?

 

Heise: Ich glaube nicht, dass es eine einzige weltweite Formel gibt, die zu einer Umverteilung der Einkommen vom Arbeiter hin zum Kapitalbesitzer führt. In unterschiedlichen Ländern stellt sich die Situation sehr unterschiedlich dar. Piketty propagiert die Formel r>g, die besagt, dass die Verzinsung (r) größer als das Wirtschaftswachstum (g) ist. Das ist aber kein Naturgesetz und deshalb widerspreche ich Pikettys Theorie. Gegenwärtig ist die Lage auch ganz anders. Die Verzinsung ist sehr niedrig, viel niedriger als das Wirtschaftswachstum. Dennoch stellt Piketty eine Reihe guter Fragen.

 

El-Erian: Hätten wir je vorhergesagt, dass ein so dicker Wälzer, der von einem zum damaligen Zeitpunkt relativ wenig bekannten französischen Wirtschaftswissenschaftler verfasst wurde, in den USA ein enormer Bestseller werden würde? Darin liegt eine äußerst wichtige Botschaft: Ungleichheit hat sich zu einem Thema entwickelt, das in der Gesellschaft auf breites Interesse stößt. Gestatten Sie mir noch ein Beispiel. Im Oktober nahm ich an der jährlichen Sitzung des IWF (Internationaler Währungsfonds) und der Weltbank in Washington teil. Einige der Seminare werden vom offiziellen Sektor und einige von privaten Institutionen wie dem Institute of International Finance (IIF) organisiert, das Bankiers zusammenbringt. Bei vielen dieser Seminare stand das Thema Ungleichheit auf der Agenda, ob formell oder informell. Die Teilnehmer wollten dieses wichtige Thema diskutieren und verstehen. Ein bisschen Ungleichheit ist gut, weil sie  Anreize schafft für harte Arbeit und Unternehmertum belohnt. Viel Ungleichheit ist schlecht, benachteiligt bestimmte Bevölkerungsschichten und schwächt das soziale Gefüge. Und was Lösungen angeht, da gibt es eine breite Reihe von Ansätzen aber kein Patentrezept. An bestimmten Punkten fängt die Gesellschaft möglicherweise an, sich selbst zu korrigieren, aber wir brauchen auch angemessene Umverteilungsmaßnahmen. Bei einem so komplizierten und kritischen Thema wie diesem steht die Erkenntnis an erster Stelle, dann kommt das Verstehen, gefolgt von der Gestaltung und Umsetzung von Lösungen. Was Ungleichheit angeht, so liegen die meisten Länder irgendwo zwischen Erkenntnis und Verstehen.

 

Text/Interview: Andreas Klein

 

Teil zwei des Interviews folgt am 20. Januar um 10 Uhr.

„Ein bisschen Ungleichheit ist gut, weil sie Anreize schafft für harte Arbeit und Unternehmertum belohnt. Viel Ungleichheit ist schlecht, benachteiligt bestimmte Bevölkerungsschichten und schwächt das soziale Gefüge“. Mohamed A. El-Erian, Chief Economic Advisor der Allianz.
„Ein bisschen Ungleichheit ist gut, weil sie Anreize schafft für harte Arbeit und Unternehmertum belohnt. Viel Ungleichheit ist schlecht, benachteiligt bestimmte Bevölkerungsschichten und schwächt das soziale Gefüge“. Mohamed A. El-Erian, Chief Economic Advisor der Allianz.
  • Die Vermögenskonzentration und damit verbundene Ungleichheit habe im 20. Jahrhundert deutlich zugenommen

  • Seine Schlussfolgerung: Die Rendite für angelegtes Kapital wachse schneller als die Wirtschaftsleistung insgesamt (Formel „R>G“). Stark konzentriertes Vermögen bremse damit die Wirtschaft insgesamt und gefährde die demokratische Grundordnung

  • Piketty fordert daher die Erhöhung von Steuern auf Vermögen und hohe Einkommen und somit eine weltweite Umverteilungspolitik 

Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen:

 

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