Europa: Post-Corona-Pulskontrolle

Wir nähern uns dem Ende eines ziemlich schwierigen Jahres. Liegt das Schlimmste hinter uns? 

Das abschließende Urteil ist noch nicht gefällt. Aber ein Teil der Europäer scheint davon überzeugt zu sein, dass die Zukunftsaussichten alles andere als rosig sind.  Als die Allianz Ökonomen den Puls in Deutschland, Italien und Frankreich prüften, stellten sie fest, dass der Pessimismus auf dem Kontinent in Bezug auf Politik, Reformen und die eignen Zukunftsaussichten tiefer sitzt als gedacht. 

Nicht nur diejenigen, die direkt von der Covid-19-Krise betroffen sind, blicken pessimistisch in die Zukunft.  Und dies obwohl eine deutliche Mehrheit der rund 3.000 befragten Personen angab, von der Pandemie zumindest wirtschaftlich nicht betroffen zu sein. Und viele waren auch damit zufrieden, wie ihre Regierungen mit dem Ausbruch umgegangen ist. Es gibt Anzeichen dafür, dass sich die politische Apathie und die Europaskepsis in der Krise noch verstärken haben. Schlechte Nachrichten auch für die Digitalisierung. Obwohl die Krise gezeigt hat, wie wichtig es ist, dieses von der Europäischen Kommission gesetzte Ziel zu erreichen, ist die Digitalisierung auf der Prioritätenliste vieler Befragter nach unten gerutscht. Glücklicherweise bleibt Nachhaltigkeit weiterhin hoch auf der Agenda.

Ein genauerer Blick auf die Ergebnisse von 'Allianz Pulse 2020: The political attitudes of the French, Germans and Italians – Grim Expectations'...

Pessimismus bleibt bestehen 

Der Covid19-Ausbruch begann fast zeitgleich mit der Jahreswende und breitete sich blitzschnell über die ganze Welt aus. Anfang März wurde Land für Land abgeriegelt, um die Ansteckung zu stoppen. Die plötzliche Unterbrechung war für viele Volkswirtschaften verheerend, und die Nachbeben sind immer noch spürbar. Die Arbeitslosigkeit steigt, viele Unternehmen haben Mühe, sich über Wasser zu halten, und alle Augen sind auf die gefürchtete "zweite Welle" gerichtet. 

Dass die Menschen sich elend fühlen, ist kaum eine Überraschung. Das Ausmaß des Pessimismus, das in der repräsentativen Umfrage, die bei jeweils 1.000 Befragten in Deutschland, Frankreich und Italien durchgeführt wurde, festgestellt wurde, hat jedoch überrascht. Immerhin 81 Prozent der Franzosen, 80 Prozent der Italiener und 59 Prozent der Deutschen empfanden die aktuelle Situation als "schlecht" oder "sehr schlecht". 

Auch sehen die Zukunftsaussichten nicht rosiger aus - 81 Prozent der Befragten in Frankreich und 77 Prozent in Italien äußerten sich pessimistisch. Auch 49 Prozent der Deutschen blicken pessimistisch in die Zukunft. 

Dieser Pessimismus ist umso bemerkenswerter da die meisten der Befragten angaben, dass sie von der Krise wirtschaftlich nicht betroffen waren - 62 Prozent in Frankreich, 65 Prozent in Deutschland und 57 Prozent in Italien.

Das Alter spielte jedoch eine Rolle für die allgemeine Stimmung in Frankreich und Deutschland, wobei die jungen Leute etwas zuversichtlicher in die Zukunft blicken. Jüngere Italiener hingegen teilten die Ängste der Älteren.

Wenig Zustimmung für die EU

Die Krise stellte die Solidarität zwischen den Mitgliedern der Europäischen Union auf eine harte Probe. Nach tage- und nächtelangem Feilschen gelang es den EU-Staats- und Regierungschefs, sich auf den EU-Wiederaufbaufonds zu einigen. Dieser bahnbrechende Schritt konnte jedoch nicht allzu viele Befragte davon überzeugen, dass er ein Zeichen für engere Bindungen zwischen den EU-Nationen ist. 

Etwas mehr als die Hälfte der Befragten in Frankreich und Deutschland und 61 Prozent der Befragten in Italien waren der Meinung, dass die Pandemie einen Keil zwischen die EU-Länder getrieben hat. Auch die EU-Skepsis hat sich verstärkt. EU-Skeptiker sind jetzt nicht nur in Frankreich und Italien, sondern auch in Deutschland in der Mehrheit. Vielleicht wird sich die Sichtweise ändern, nachdem die Vorteile des EU-Konjunkturprogramms deutlich geworden sind.

Digitalisierung wird vielfach kritisch gesehen

Entgegen der landläufigen Meinung hat die Krise das Bild der Digitalisierung in den Augen der befragten Europäer nicht verbessert. 

Auf dem Höhepunkt des Coronavirus-Ausbruchs hielten digitale Dienste wie Online-Shopping, Videokonferenzen, Streaming und Home office Menschen und Unternehmen am Leben. Man sollte meinen, dass diese Vorteile der Digitalisierung die Pessimisten bekehren würde. Danach sieht es aber nicht aus. 

Die befragten Franzosen und Italiener sehen die Digitalisierung auf Platz 14 und 15 ihrer Prioritätenliste. Nur die Deutschen setzten sie auf ihre Liste der zehn wichtigsten Themen. 

Die Einstellung zur Digitalisierung in den drei Nationen blieb gegenüber dem letzten Jahr unverändert. Nur ein Fünftel der französischen Befragten sahen mehr Vorteile als Nachteile in der Digitalisierung, verglichen mit 42 Prozent in Deutschland und 45 Prozent in Italien. 

Verständlicherweise war der Datenschutz ein zentrales Anliegen. Trotz Datenschutzgesetzen machten sich 42 Prozent der Deutschen, 37 Prozent der Franzosen und 28 Prozent der Italiener Sorgen über den Umgang mit ihren Daten im Internet. 

Im unmittelbaren Zusammenhang mit der Pandemie hinderte diese Sorge 38 Prozent der französischen, 34 Prozent der deutschen und 27 Prozent der italienischen Befragten daran, ihre persönlichen Daten über eine Corona-Track-App weiterzugeben. 

Die Zeichen stehen auf Grün

Wegen der dramatischen Auswirkungen von Corona auf Wirtschaft und Gesellschaft, befürchteten Klimaschützer, dass die Nachhaltigkeit in den Hintergrund treten würde, wenn Länder und Unternehmen die Scherben aufkehren.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, ist gering. Denn Klimaschutz bleibt eine Forderung, zumindest in Europa. Durchschnittlich 60 Prozent der Befragten in allen drei Ländern stuften den Klimaschutz als eines der drei wichtigsten gesellschaftlichen Ziele für den Kontinent ein. Allerdings waren 46 Prozent der französischen und 44 Prozent der deutschen Befragten nicht bereit, für umweltfreundliche Produkte mehr zu bezahlen. Die Italiener waren eher bereit, ihren individuellen Beitrag zu leisten, wobei "nur" 36 Prozent sagten, dass sie für solche Produkte nicht bereit sind, mehr zu zahlen. 

Während 43 Prozent der französischen, 44 Prozent der deutschen und 48 Prozent der italienischen Befragten eine Erhöhung der Benzinpreise um bis zu 10 Prozent befürworteten, lehnte rund ein Drittel der Befragten in allen Ländern Preiserhöhungen und damit die Idee einer CO2 Steuer rundweg ab.

Bei anderen vorrangigen Themen waren die Arbeitsplätze für die Franzosen und die Italiener ein großes Anliegen, während die Deutschen eher über die Wohnsituation besorgt waren. 

Die Umfrage wurde bei jeweils 1.000 Personen in Italien, Frankreich und Deutschland zu Ansichten über politische Prioritäten, Reformbedarf und -wünschen durchgeführt. Insgesamt wurden 30 Fragen gestellt, die von der aktuellen wirtschaftlichen und politischen Situation auf nationaler und EU-Ebene bis hin zur Globalisierung, Digitalisierung und Klimapolitik reichten. 

Den vollständigen Bericht finden Sie hier.

Allianz Pulse 2020 (video auf Englisch)

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Dr. Lorenz Weimann
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