E-Autos: Freie Fahrt mit Bremsspuren

Das Coronavirus traf uns wie ein Keulenschlag. Unnötig zu sagen, dass die menschlichen Kosten des Covid-19-Ausbruchs enorm sind. Aber als die Pandemie die Menschen über einen längeren Zeitraum von den Straßen fern hielt, legte sie die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf die Umwelt offen. 

Der Himmel klärte sich, die Luft wurde frischer, das Wasser klarer.

Über die sozialen Medien wurden Bilder davon verbreitet, mit Kommentaren, die laut nach Umweltschutz riefen. Dennoch erwartet wohl kaum jemand, dass die Menschen alle Aktivitäten ruhen lassen, nur um die Lungen des Planeten wieder zu beleben. 

Was jedoch eine der Auswirkungen der Pandemie sein könnte, ist eine schnellere Umstellung auf umweltfreundliche Alternativen - nicht zuletzt auf Elektrofahrzeuge (electrical vehilcles/EVs) als Ersatz für Benzinfresser. Bis 2030 werden weltweit über 100 Millionen Elektroautos auf den Straßen erwartet, verglichen mit etwa 7 Millionen heute. Vor dem Hintergrund des Klimawandels wollen die Regierungen sie ebenso sehr wie die Verbraucher. 

Eine Errungenschaft kommt selten ohne Schmerzen.

Elektrische Mobilität wird uns neue Risiken und Chancen bescheren. In einem Bericht wirft der Unternehmensversicherer Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS), zu dessen Portfolio die Produkthaftpflichtversicherung für die Automobilbranche gehört, einen ganzheitlichen Blick darauf...

Anatomie eines Elektroautos 

Was ist also ein Elektrofahrzeug? - Ein modisches Konzept? Der Geburtstagswunsch eines Umweltschützers? Die Zukunft der Mobilität? Je nach Interpretation ist es ein bisschen etwas von allem und noch mehr. Per Definition ist es einfach ein Fahrzeug, das mit Strom betrieben wird. 

In ihrer einfachsten Form gibt es Elektroautos seit fast zwei Jahrhunderten. Die ersten Elektroautos wurden in den späten 1800er Jahren entwickelt. Bis zur Jahrhundertwende war fast ein Drittel der Autos in den USA elektrisch angetrieben und verkaufte sich damit besser als Verbrennungsfahrzeuge. Allerdings traten Elektroautos im 20. Jahrhundert gegenüber Benzinfahrzeugen in den Hintergrund, da Öl billiger und leicht zugänglich wurde. 

Es gibt drei Arten von modernen Elektrofahrzeugen: das reine Elektroauto (BEVs), Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge (PHEVs) und Hybridfahrzeuge (HEVs). BEVs werden auch als vollelektrische Fahrzeuge bezeichnet, während PHEVs und HEVs sowohl elektrische Energie als auch konventionelle Verbrennungsmotoren verwenden. BEVs sind die am weitesten verbreiteten Elektrofahrzeuge und machen fast zwei Drittel der 5 Millionen Elektroautos aus, die 2018 auf der Straße unterwegs waren. 

Elektroautos im Aufwind

Nachdem sie eine Weile ein Schattendasein gefristet hatten, haben sich die Elektroautos wieder rasant auf den Weg gemacht. Ende 2019 werden weltweit schätzungsweise 7,5 Millionen Elektroautos in Betrieb sein, gegenüber 5,1 Millionen im Jahr 2018. 

2020 sollte ein entscheidendes Jahr für den Elektroauto-Verkauf werden. Allein in Europa wurde ein Verkaufspotenzial von 1 Million gesehen... bis Covid-19 eine Geschwindigkeitsbegrenzung setzte. 

Manchmal langsamer, manchmal schneller - die Einführung von Elektrofahrzeugen ist ein globales Phänomen. China dominiert derzeit den Markt und besitzt bis zu 45 Prozent der weltweiten Elektroautoflotte. Europa liegt mit 24 Prozent an zweiter und die Vereinigten Staaten mit 22 Prozent an dritter Stelle. Norwegen verdient hier eine besondere Erwähnung - im Jahr 2019 machten Elektroautos bis zu 56 Prozent aller Neuwagenverkäufe in dem skandinavischen Land aus, angetrieben durch großzügige staatliche Anreize!

In der jüngsten Vergangenheit haben sinkende Kosten und neue Modelle Elektrofahrzeuge für die Verbraucher attraktiv gemacht. Aber der USP von Elektroautos liegt hauptsächlich in ihrem Kohlendioxid-Fußabdruck. Die Emissionen eines Elektroautos sind schätzungsweise 17-30 Prozent niedriger als die von Benzin- und Dieselfahrzeugen. Wenn der Anteil an erneuerbaren Energien weiter steigt, könnten die Emissionen bis 2050 um fast 73 Prozent sinken.

Deshalb teilen Regierungen gerne ihren Enthusiasmus mit den E-Mobilitätsexperten, wenn es darum geht, ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen zum Klimawandel zu erfüllen. Ein Beispiel: Die EU hat im vergangenen Jahr ihre Emissionsziele für neue Autos verschärft - 15 Prozent weniger bis 2025 und 37 Prozent weniger bis 2030. 

Wenn die Einführung von Elektrofahrzeugen wie erwartet weitergeht, könnte die Ölnachfrage bis 2030 um 127 Millionen Tonnen sinken. Das sind etwa 2,5 Millionen Barrel pro Tag! 

Sollten die ehrgeizigeren Ziele erreicht werden - wie z.B. die EV30@30-Kampagne, wonach im Jahr 2030 30 Prozent der jährlich verkauften Fahrzeuge Elektroautos sein sollen - könnten bis dahin sogar 200 Millionen Elektroautos auf den Straßen unterwegs sein, angetrieben durch das Wachstum in China, Europa, Japan, Kanada, den USA und Indien.

Keine Belohnungen ohne Risiken

Wie alles Neue bringt auch ein Elektroauto eigene Herausforderungen mit sich. Eines der größten Risiken kann im Herzen des Elektroautos liegen - die Batterie. 

Batterielebensdauer und -leistung sind kritische Themen für Elektroautos. Es ist eine teure Komponente, die zu reparieren oder zu ersetzen ist, was die Produkthaftpflichtversicherung zu einem wichtigen Thema für Hersteller und Zulieferer macht. 

Obwohl es kaum Belege dafür gibt, dass Elektroautos bei einem Unfall anfälliger für Schäden sind als herkömmliche Autos, könnten Schäden an der Batterie eine viel höhere Rechnung verursachen. "Wenn die Batterie in einem Elektroauto ersetzt werden muss, kann dies in vielen Fällen in einem Totalschaden resultieren", sagt Carsten Reinkemeyer, Leiter der Fahrzeugtechnik und Sicherheitsforschung am Allianz Zentrum für Technik (AZT) Automotive. "Außerdem können die Fahrzeuge meist nur in spezialisierten Werkstätten repariert werden. Das kann zu höheren Kosten führen.

Eine weitere Gefahr stellt ein Brand dar - wenn die elektrischen Komponenten und Kurzschlüsse defekt sind oder wenn Lithium-Ionen-Batterien bei Beschädigung, Überladung oder übermäßiger Hitzeeinwirkung verbrennen. Abgesehen davon, dass sie schwer einzudämmen sind, können Brände von Hochspannungsbatterien große Mengen toxischer Gase freisetzen. 

"Unsere Analyse der gemeldeten Schäden von Elektrofahrzeugen bestätigt nicht, dass die Technologie unsicher ist. Ein unfallbedingter Brand wird jedoch viel häufiger für Elektroautos veröffentlicht als für konventionelle Autos – aber das liegt daran, dass dies aus Sicht der Medien berichtenswerter ist", sagt Reinkemeyer.

Obwohl Elektrofahrzeuge umweltfreundlicher sind, stellen sie auch ein potenzielles Haftungs- und Reputationsrisiko für Unternehmen in Bezug auf die Umwelt dar. Die nachhaltige Beschaffung von kritischen Komponenten und Rohstoffen sowie das Recycling und die Wiederverwendung von Rohstoffen sind wichtige Themen für Autohersteller, wenn die Produktion weiter ausgebaut wird. Zudem müssen alte und defekte Batterien ordnungsgemäß entsorgt werden, um eine Verschmutzungsgefahr und Umweltschäden zu vermeiden. 

Geschwindigkeit mag eine attraktive Eigenschaft für ein Auto sein, aber wenn es um den Prozess der Herstellung von Autos geht, kann sie zu Fehlentscheidungen führen. Unter dem Druck, den Übergang zur E-Mobilität zu beschleunigen, sehen sich die Hersteller potenziellen Produktrückrufen gegenüber, wenn die Kombination aus neuer Technologie, kurzen Entwicklungszyklen und 3D/4D-Druck in der Produktion Qualitätslücken verursacht.

Dann ist da noch die universelle Bedrohung - das Cyberrisiko. Elektroautos werden wahrscheinlich auf Daten, Sensoren und Software einschließlich künstlicher Intelligenz angewiesen sein, genau wie ihre konventionellen Pendants. Dadurch sind sie anfällig für Cyber-Probleme, die von böswilligen Angriffen und Systemausfällen bis hin zu Bugs und Störungen reichen. 

"Darüber hinaus werden Elektrofahrzeuge aus weniger, aber stärker integrierten Teilen und Komponenten bestehen. Was früher vielleicht drei Teile in einem konventionellen Auto waren, kann heute ein Teil in einem Elektroauto sein. Die geringere Anzahl von Teilen wird jedoch zunehmend durch Sensoren und Software verbunden, was eine neue Ebene der Komplexität hinzufügt und Fragen darüber aufwirft, wie diese Teile zusammenwirken und welcher Hersteller oder Lieferant für einen potenziellen Defekt oder eine fehlerhafte Steuerung haftet", sagt Daphne Ricken, Senior Underwriter Liability bei AGCS. "Die zunehmende Komplexität der Automobil-Lieferkette und die Abhängigkeit von Software- und Technologieherstellern wird zu neuen Risiken und geteilten Haftungen in der Wertschöpfungskette führen.

Ein weiteres Risiko für Unternehmen besteht in der Verletzungsgefahr für Arbeitnehmer. Giftige Dämpfe und Brandgefahren beim 3D-Druck oder beim Umgang mit Lithiumbatterien können zu Verletzungen führen, wodurch Unternehmen und ihre Versicherer Schadenersatzforderungen ausgesetzt sind.

Unebenheiten vorprogrammiert

Der Weg zur E-Mobilität ist nicht ohne Bremsspuren - vor allem im Zusammenhang mit Energiequellen und Ladeinfrastruktur. 

Mehr Elektroautos auf der Straße bedeuten einen höheren Stromverbrauch. Wenn die Schätzungen für die E-Flotte im Jahr 2030 erfüllt werden, benötigen wir fast 640 Terawattstunden (TWh), um sie mit Strom zu versorgen. Wenn Elektroautos bis dahin 30 Prozent aller Fahrzeuge ausmachen, würde der Bedarf auf 1.110 TWh steigen. Zum Kontext: Man muss 22.000 Gallonen Heizöl oder 150 Tonnen Kohle verbrennen, um 1 Terawatt Strom zu erzeugen. 

Darüber hinaus muss die Strominfrastruktur so angepasst werden, dass Hochspannungs-Ladepunkte für Wohnungen und öffentliche Bereiche zur Verfügung stehen. Die mit Batterien verbundenen Brand- und Explosionsrisiken stellen eine Gefahr für Gewerbeimmobilien dar, insbesondere wenn viele Autos in Tiefgaragen aufgeladen werden. 

Wie schon gesagt, es gibt Risiken und es gibt Chancen. 

Es ist jedoch weder möglich noch ratsam, den Übergang zur E-Mobilität aufzuhalten. Für weitere Einzelheiten darüber, wie sich der Übergang auf die Versicherer auswirken wird, klicken Sie hier, um die R-EV-Lösung für Elektrofahrzeuge zu lesen: Bericht über zukünftige Risiken und Versicherungsauswirkungen. 

Die Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) ist ein weltweit führender Anbieter von Industrieversicherungen und eine wichtige Geschäftseinheit der Allianz Gruppe. Wir bieten – über zwölf speziellen Versicherungssparten – Risikoberatung, Schaden- und Unfallversicherung und alternativen Risikotransfer für ein breites Spektrum von Firmen-, Industrie und Spezialrisiken.

Unsere Kunden sind so vielfältig wie die Wirtschaft. Sie reichen von den 500 umsatzstärksten Unternehmen der Welt über kleine Firmen bis hin zu Privatpersonen. Darunter sind führende Konsumgütermarken, Technologieunternehmen und die globale Luft- und Schifffahrtsindustrie ebenso wie Weinkellereien, Satellitenbetreiber oder Hollywood-Filmproduktionen. In einem dynamischen, multinationalen Geschäftsumfeld suchen sie bei der AGCS nach intelligenten Antworten für ihre größten und komplexesten Risiken und vertrauen auf unsere hervorragende Leistung im Schadensfall.

Weltweit beschäftigt die AGCS 4.450 Mitarbeiter an eigenen Standorten in 32 Ländern und ist über das Netzwerk der Allianz Gruppe oder von Partnern in über 200 Ländern und Gebieten vor Ort. Als eine der größten Schaden- und Unfallversicherungseinheiten der Allianz Gruppe verfügen wir über starke und stabile Finanzratings. Im Jahr 2019 erwirtschaftete die AGCS weltweit Bruttoprämien in Höhe von insgesamt 9,1 Milliarden Euro.

Die Allianz Gruppe zählt zu den weltweit führenden Versicherern und Asset Managern und betreut mehr als 100 Millionen Privat- und Unternehmenskunden in mehr als 70 Ländern. Versicherungskunden der Allianz nutzen ein breites Angebot von der Sach-, Lebens- und Krankenversicherung über Assistance-Dienstleistungen und Kreditversicherung bis hin zur Industrieversicherung. Die Allianz ist einer der weltweit größten Investoren und betreut im Auftrag ihrer Versicherungskunden ein Investmentportfolio von 766 Milliarden Euro. Zudem verwalten unsere Asset Manager PIMCO und Allianz Global Investors 1,7 Billionen Euro für Dritte. Mit unserer systematischen Integration von ökologischen und sozialen Kriterien in unsere Geschäftsprozesse und Investitionsentscheidungen sind wir der führende Versicherer im Dow Jones Sustainability Index. 2019 erwirtschafteten über 147.000 Mitarbeiter für die Gruppe einen Umsatz von 142 Milliarden Euro und erzielten ein operatives Ergebnis von 11,9 Milliarden Euro.

Die Einschätzungen stehen wie immer unter den nachfolgend angegebenen Vorbehalten.

Pressekontakte

 

Heidi Polke
Allianz Global Corporate & Specialty

Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen:
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