Alt ohne Gold

„Man kann ohne Geld jung sein, aber man kann ohne Geld nicht alt sein“. Wenn wir es nicht besser wüssten, könnten wir uns gut vorstellen, dass der amerikanische Dramatiker Tennessee Williams beim Verfassen dieser Zeilen an die Rentensysteme des 21. Jahrhunderts dachte, anstatt an die Katze auf dem heißen Blechdach

Wenn Sie das Kristallglas halb voll sehen, gibt es viel, worauf man sich in Zukunft freuen kann - ein flexibles Arbeitsleben; effiziente und innovative technologiegestützte Dienstleistungen; KI-betriebene Wohnungen und Arbeitsplätze; eine nachhaltige Gesellschaft mit gerechtem Wachstum und umweltfreundlicher Politik... die Liste geht weiter. 

In dem halb leeren Teil liegt die Rente. 

Die Altersvorsorge ist nicht gerade ein spannendes Thema. Und doch ist es eines der wichtigsten Themen dieses Jahrhunderts, mit dem Potenzial, unser Sozialgefüge zu ruinieren, wenn es nicht richtig behandelt wird. 

Nicht jeder hat den Luxus eines dicken Finanzpolsters, um durch die Jahre des Sonnenuntergangs zu segeln. Viele von uns arbeiten ihr ganzes Leben lang und vertrauen auf die staatlichen Rentensysteme, die sich im Alter um uns kümmern. Das wirft die Frage auf: Sind alle Länder bereit, die Verantwortung für ihre älteren Bürger zu übernehmen? 

In ihrem jüngsten Global Pension Report messen die Allianz Ökonomen den Rentenpuls von 70 Ländern und stellen fest, dass die Schweden, Belgier und Dänen am besten in der Lage sind, einen finanziell komfortablen Ruhestand zu genießen. Auf der anderen Seite sind Sri Lanka, die VAE und der Libanon keine Länder für alte Männer, Frauen und Nicht-Binäre, die für ihren Lebensunterhalt auf die Rente angewiesen sind. 

Eine fehlende Diskussion

In den frühen 1900er Jahren hätten Sie Glück gehabt, im Alter von 50 Jahren noch am Leben zu sein. Im Gegensatz zu heute, wo die durchschnittliche Lebenserwartung in einigen Ländern auf 83 Jahre steigt. Wenn Altersoptimisten Recht haben, könnten wir bis 2050 im Durchschnitt vier weitere Jahre leben. 

Obwohl es schön ist, mehr Zeit mit unseren Kindern und Enkelkindern (oder sogar Urenkelkindern) zu verbringen, sind die zusätzlichen Jahre nicht umsonst. Die finanziellen Belastungen ist für die Älteren größer, die nicht genügend persönliche Ressourcen haben, um die Rechnungen zu bezahlen. Die Kosten im Gesundheitswesen steigen tendenziell mit zunehmendem Alter, und einige von uns könnten sogar auf Pflege angewiesen sein. 

Dennoch haben Rentenreformen in der Diskussion über die Sicherung unserer gemeinsamen Zukunft weitgehend gefehlt. „Rentenreformen sind in den letzten Jahren in den Hintergrund gedrängt worden, erst von der Klimafrage, heute durch die Corona-Pandemie“, sagt der Chefvolkswirt der Allianz, Ludovic Subran

Fairerweise muss man sagen, dass eine demografische Verschiebung nicht ein so unmittelbares Problem ist wie die Umweltzerstörung, eine Pandemie oder ein sozioökonomischer Konflikt. „Aber wird die Demographie ignoriert, droht eine Rentenkrise. Ohne Gerechtigkeit und Ausgleich zwischen den Generationen fehlen essentielle Grundbedingungen für eine stabile Gesellschaft, die allen eine faire Chance gibt“, warnt Ludovic Subran.

Wenn man sich in die Details vertieft, ergibt sich ein ernüchterndes Bild. Bis 2050 werden mehr als 1,5 Milliarden Menschen im Rentenalter sein, doppelt so viele wie heute. Die erste Bewährungsprobe wird in den nächsten Jahren beginnen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Scharen in den Ruhestand gehen und die Rentensysteme stark belastet werden. 

Da wir länger leben und weniger Kinder bekommen, wird der Anteil der Menschen ab 65 Jahren an der Weltbevölkerung von heute 9 Prozent auf 16 Prozent im Jahr 2050 steigen. Fast alle Regionen werden den demografischen Wandel erleben. Europa, der heute älteste Kontinent in Bezug auf das Alter seiner Einwohner, wird dies auch nach drei Jahrzehnten noch sein. Tatsächlich werden 28 Prozent der europäischen Bevölkerung bis dahin 65 Jahre oder älter sein. 

Stark und nachhaltig

Was macht also ein robustes Rentensystem aus? Laut den Ökonomen der Allianz ist Angemessenheit nicht genug. Ein gutes Rentensystem muss auch nachhaltig sein. 

Die Ökonomen, geführt von Michaela Grimm testeten die Länder anhand von 30 Parametern in drei Feldern: finanzielle und demographische Ausgangssituation, Nachhaltigkeit und Angemessenheit. Bei jedem Parameter bewerteten sie die Länder auf einer Skala von 1 bis 7, wobei 1 der beste Wert war. Addiert man die Punkte, erhält jedes Land eine Gesamtwertung im Allianz Pension Index (API). 

Im Index der finanziellen Situation und der demografischen Ausgangslage rangierten viele Schwellenländer Afrikas und Asiens aufgrund ihrer jungen Bevölkerung und der niedrigen öffentlichen Defizite und Schulden auf den vorderen Plätzen, während europäische Länder wie Italien und Portugal schlecht abschnitten. „Und das beschreibt noch die Situation vor der Corona-Pandemie und dem dadurch ausgelösten Tsunami neuer Schulden", sagt die Allianz Ökonomin Michaela Grimm. „Eine Folge der gegenwärtigen Krise wird es ohne Frage sein, dass wir unsere Anstrengungen zur Reform der Rentensysteme verdoppeln müssen. Was es eventuell noch an finanziellen Spielräumen gab, ist unwiderruflich fortgespült worden“.

Mit dem Teilindex für Nachhaltigkeit wurde gemessen, wie die Systeme auf die demografischen Veränderungen reagierten. Länder, die ihr gesetzliches Rentenalter an die höhere Lebenserwartung anpassten (wie die Niederlande), schnitten besser ab. 

Der Unterindex zur Angemessenheit beurteilte die Länder danach, wie großzügig sie mit ihren Rentenauszahlungen waren. 

Länder-Vergleich

An der Spitze der API standen Schweden, Belgien und Dänemark, gefolgt von Neuseeland und den USA. Kein asiatisches Land war in der Top-10-Liste vertreten, China kam auf Platz 11. 

Die USA verfügen über eine beneidenswerte Ausgangsposition, profitieren von einem großen finanziellen Spielraum und ihre Demographie ist im Vergleich zu anderen Industrienationen relativ günstig. Obwohl sie auch in Bezug auf Nachhaltigkeit und Angemessenheit überdurchschnittlich gut abschneiden, bleibt die Inklusivität eine Herausforderung. 

Auf Platz 16 wurde das britische Rentensystem als angemessen und tragfähig befunden, da das Land sein Rentenalter erhöht und genügend Kapital zur Verfügung stellt. Was Großbritannien besser machen könnte, ist die Einführung von Vorruhestandsabzügen, das Hinzufügen eines demographischen Faktors zu seiner Rentenformel und die Anpassung des Arbeitsmarktes an die Bedürfnisse einer alternden Erwerbsbevölkerung. 

Interessanterweise belegte Deutschland - das den Ruf eines sparsamen, akkuraten Finanzplaners hat – im API nur Rang 26. Obwohl das Land in Bezug auf Angemessenheit und Nachhaltigkeit recht gut abschnitt, wurde seine Gesamtposition durch eine schwache demografische Ausgangslage aufgrund der rasch alternden Bevölkerung beeinträchtigt. 

Italien, obwohl es nicht für seine Sparsamkeit bekannt ist, rangiert mit Platz 18 höher. Obwohl es in Bezug auf Angemessenheit und Nachhaltigkeit glänzte, kämpft Italien mit den Ausgangspunkten finanzieller Spielraum und einer alternden Bevölkerung.

Spanien hingegen rangierte auf Platz 44. Sein öffentliches Rentensystem ist zwar großzügig, aber auf lange Sicht möglicherweise nicht tragfähig. Madrid könnte gut beraten sein, das Rentenalter in Spanien zu erhöhen, vorzeitige Abzüge einzuführen und den Älteren mehr Arbeitsmöglichkeiten zu bieten. 

Überraschenderweise lag Frankreich mit Platz 51 hinter Spanien. Wie sein Nachbar hat Frankreich ein großzügiges, aber nicht tragfähiges Rentensystem. Paris sollte über ein höheres Rentenalter, vorzeitige Abzüge und einen demografischen Faktor in der Rentenformel nachdenken. 

Allianz Pension Index 2020

Generationsunterschiede

In der jüngsten Vergangenheit verschiedene Generationskonflikte, die vom Klimawandel und Populismus bis zur Zukunft der Arbeit reichen, in die Höhe geschlagen. Die Rente könnte der Konflikt der nächsten Generation sein. 

„Obwohl im Moment alle auf den Kampf gegen Covid-19 fokussiert sind, ist die Rentenpolitik ein Thema, das zu wichtig ist, um im Kampf gegen das Virus verloren zu gehen. Sie sollte ein integraler Bestandteil in dem Weg aus der Krise sein: Sie ist der Schlüssel zur Erschließung Ersparnissen und zur Bekämpfung wachsender Ungleichheiten. Wenn es nicht gelingt, die drohende Rentenkrise zu entschärfen, könnte das soziale Gefüge noch weiter ausfransen und einen weiteren Anstieg des Populismus mit all seinen negativen Folgen für die wirtschaftliche und individuelle Freiheit zur Folge haben“, so Ludovic Subran abschließend. 

Für eine detailliertere Darstellung der Ergebnisse klicken Sie hier für den Allianz Global Pension Report.   

Die Allianz Gruppe zählt zu den weltweit führenden Versicherern und Asset Managern und betreut mehr als 100 Millionen Privat- und Unternehmenskunden in mehr als 70 Ländern. Versicherungskunden der Allianz nutzen ein breites Angebot von der Sach-, Lebens- und Krankenversicherung über Assistance-Dienstleistungen und Kreditversicherung bis hin zur Industrieversicherung. Die Allianz ist einer der weltweit größten Investoren und betreut im Auftrag ihrer Versicherungskunden ein Investmentportfolio von über 740 Milliarden Euro. Zudem verwalten unsere Asset Manager PIMCO und Allianz Global Investors fast 1,6 Billionen Euro für Dritte. Mit unserer systematischen Integration von ökologischen und sozialen Kriterien in unsere Geschäftsprozesse und Investitionsentscheidungen sind wir der führende Versicherer im Dow Jones Sustainability Index. 2019 erwirtschafteten über 147.000 Mitarbeiter für die Gruppe einen Umsatz von 142 Milliarden Euro und erzielten ein operatives Ergebnis von 11,9 Milliarden Euro.

 

Die Einschätzungen stehen wie immer unter den nachfolgend angegebenen Vorbehalten.

Pressekontakte

 

Dr. Lorenz Weimann
Allianz SE

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