Der lange Weg des Wiederaufbaus

Wenn die Wassermassen endlich zurückweichen und die Brände gelöscht, die Straßen vom Schutt befreit sind und das letzte verwaiste Kind getröstet ist, ziehen die Fernsehteams weiter auf der Suche nach der nächsten spannenden Story.

Jedes Jahr verursachen verheerende Naturkatastrophen wie Erdbeben, Brände, Überschwemmungen und heftige Stürme weltweit Verwüstungen. In diesem Jahr folgte eine Katastrophe auf die andere.

Hurrikan Michael, der schlimmste, den der US-Staat Florida innerhalb eines Jahrhunderts erlebt hat, ließ eine „unvorstellbare Spur der Verwüstung“ in Mexico Beach zurück. Zuvor hatte Hurrikan Florence bereits North Carolina heimgesucht und Schäden in Höhe von bis zu 22 Mrd. USD verursacht.

Auch Asien hatte sein Bündel hinsichtlich Katastrophen zu tragen. In Indonesien wurde die Insel Sulawesi Ende September Opfer eines Tsunamis, der über 2000 Menschenleben in der Stadt Palu kostete, während der Taifun Manghut, der stärkste Sturm des Jahres, großes Unheil in Südostasien anrichtete. 

Die durch diese Katastrophen ausgelöste Nachrichtenflut ebbt normalerweise ziemlich schnell wieder ab. Die betroffenen Gemeinschaften benötigen jedoch Tage, Wochen und Monate, ja bisweilen Jahre, um zur Normalität zurückzukehren. 

„Nur weil das Rote Kreuz die Gegend verlässt, bedeutet das nicht, dass alles wieder beim Alten ist“, erklärt Athanasia Scheuermann-Christodoulou, erfahrene Schadenexpertin im Bereich Global P&C bei der Allianz und Fachfrau für die Elementarschadenversicherung (NatCat). „Was im Fernsehen gezeigt wird sind nur kurzfristige Sanierungsmaßnahmen, wie die Beseitigung von Schutt und die Wiederherstellung der Stromversorgung. Der Wiederaufbau der verwüsteten Gemeinden kann unter Umständen Jahre in Anspruch nehmen.“

Lamek Nahayo, Spezialist für Erdrutsche und Anwärter auf den Klimarisiko-Forschungspreis der Allianz für 2018, kann dem nur zustimmen. Seine Heimat Ruanda, auch als „Land der tausend Hügel“ bekannt, weist ein hohes Erdrutschrisiko durch Landverödung und Starkregen auf.

Nach Angaben des Ministry of Disaster Management and Refugees (Ministerium für Katastrophenmanagement und Flüchtlinge) des Landes waren bereits Ende August 2018 Katastrophen, die auf schwere Regenfälle zurückgingen, Ursache von 222 Todesfällen sowie der Zerstörung von 14.491 Unterkünften und 8.978 Hektar Ernte. 

„Diese Hügel können sich bei Regen als Verhängnis erweisen“, erklärt er weiter. „Und die Wiederaufbaumaßnahmen, die Sie in den Nachrichten sehen, sind nur kurzfristige Aktionen, wie die Bereitstellung von Behelfsunterkünften, Kleidung und Lebensmitteln. Diese Phase dauert für gewöhnlich zwei Wochen. Bis zur vollständigen Wiedererlangung des ursprünglichen Zustands können Monate, wenn nicht Jahre verstreichen.“

Diejenigen, deren Leben aus den Fugen geraten ist, sehen sich einem langen Kampf ausgesetzt, bis sie wieder zur Normalität zurückkehren können. Die Federal Emergency Management Agency (FEMA, deutsch „Bundesagentur für Katastrophenschutz“) in den Vereinigten Staaten bezeichnet dieses Phänomen in ihrem langfristig angelegten Prozess zur Wiederaufbauplanung in Zusammenhang mit dem „Supersturm“ Sandy im Jahre 2012 sowie den Hurrikans Maria und Harvey 2017 als die „Notwendigkeit, eine gesunde, funktionierende Gemeinschaft wiederherzustellen, die auf Dauer allein überlebensfähig ist.“

In Ruanda jedoch ist die private Elementarschadenversicherung weitgehend unbekannt, was die Möglichkeiten der Sanierung einschränkt. 

„Diese Last trifft die Ärmsten am stärksten“, erläutert Nahayo. „Sie verlieren ihre Bleibe, ihren Besitz, ihren Viehbestand und oft auch ihre Existenzgrundlage und sogar ihre Familienangehörigen. Häufig dauert es Jahre bis zur finanziellen Gesundung, aber die Narben des Verlusts geliebter Menschen heilen nie.“

Trotz allen Elends, das die Erdrutsche in Ruanda verursachen, handelt es sich dabei um lokale Ereignisse. Katastrophen zerrütten nicht nur Gemeinschaften, sondern auch ganze Länder, wobei die Zahl der Betroffenen schwindelerregend ausfallen kann.1

2004 mussten ca. 220.000 Menschen beim Tsunami im Indischen Ozean, der Indien, Indonesien, Sri Lanka und Thailand traf, ihr Leben lassen. 160.000 Menschen wurden laut Schätzungen bei dem Erdbeben in Haiti 2010 und 100.000 bei dem Erbeben 2005 in Kaschmir dahingerafft, während der Zyklon Nargis 2008 in Myanmar 138.000 Tote forderte. Das Ausmaß dieser Katastrophen hat zur Folge, dass sich die Staaten einer gewaltigen Aufgabe der Wiederherstellung und der Wiederbeschaffung des vernichteten Wirtschafts- und Sozialkapitals gegenübersehen.

Raphael Atanga, ein weiterer Kandidat für den Klimarisiko-Forschungspreis der Allianz für 2018, weist darauf hin, dass „zwischen der Wiederherstellung von Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt und Psyche zu unterscheiden ist.“ „Die finanziellen Schäden an Unternehmen, Vermögen und geschaffener Infrastruktur, wie Schulen, Fabriken, Maschinen, Straßen, Dämme und Brücken sind kostenaufwendig, können aber behoben werden. Die Verluste gehen jedoch erheblich darüber hinaus.“

Atanga untersuchte die Auswirkungen von Überschwemmungen auf die ghanaische Hauptstadt Accra. Über 150 Menschen wurden dort im Juni 2015 getötet, als sie Schutz vor Überschwemmung suchten und gerade dann eine Tankstelle explodierte. Dieser Fall machte Schlagzeilen, aber häufig erregen Überflutungen, obwohl sie andauern und oft tödliche Folgen haben, kaum Aufmerksamkeit auf internationaler Ebene.

„Wenn man sich Ereignisse wie die in Palu (Sulawesi) ansieht, ist meines Erachtens auf lange Sicht die fatalste Folge der Verlust an Humankapital, an Fachkräften sowie an Bildung“, stellt Atanga fest. „Das kann sich auf mehrere Generationen auswirken.“

Athanasia Scheuermann-Christodoulou ist der Ansicht, es gäbe keine allgemeingültige Antwort auf die Frage, wie viel Zeit der Wiederaufbau in Anspruch nehmen wird. Der Verlauf ist in jedem Land und bei fast jeder Katastrophe ein anderer. „Es gibt keinen universellen Zeitplan und die Erholung hängt von der örtlichen Widerstandskraft, den Finanzmitteln, dem Funktionieren der Regierung sowie dem Tourismus und weiteren Faktoren ab.“

Drei Jahre nach dem Erdbeben im April 2015 in Nepal mit 9.000 Toten und der Zerstörung von 750.000 Unterkünften lebt noch immer fast eine halbe Million Menschen in provisorischen Blechhütten. Während dieser Zustand in Entwicklungsländern nicht unüblich ist, haben auch Industrieländer große Probleme, wieder auf die Füße zu kommen.

Man ging davon aus, dass die neuseeländische Stadt Christchurch sich nach einer Serie von Erdbeben in den Jahren 2010 und 2011 schnell wieder erholen würde. Aber mehr als sechs Jahre später wurde lediglich mit der Restaurierung der ikonischen gotischen Revival Cathedral begonnen. Nur 55 Prozent des physischen Wiederaufbaus der Stadt war bis zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen.

Allerdings florierten auch einige betroffenen Orte schnell wieder. Die Malediven wurden vom großen Tsunami des Jahres 2004 zerstört und damit auch Ressourcen, die mit ca. 60 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen haben. Nach nur zwei Jahren funktionierte die Wirtschaft wieder und auch der Tourismus erreichte sein ursprüngliches Niveau.

„Der persönliche Tribut ist unermesslich und sicherlich lebensverändernd“, urteilt Scheuermann-Christodoulou. Aber es gibt auch positive Beispiele, wo es Gemeinden mit Hilfe der Lokalregierung, internationaler Organisationen, durch die Widerstandskraft vor Ort und einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn gelungen ist, sich innerhalb einiger Jahre von der Katastrophe zu erholen.“

Kurzum, alles was die schwache Menschheit gegen die enormen Kräfte der Natur ausrichten kann, ist, Vorkehrungen zu treffen, die das Leid der Betroffenen lindern und ihnen beim Wiederaufbau helfen.

Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen:

 

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Susanne Seemann
Allianz SE

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