Erprobungen und Ernüchterungen

Wir schreiben das Jahr 1796. Ein Mann kratzte Eiter von den Kuhpockenblasen an den Händen einer Milchmagd ab und injizierte ihn einem achtjährigen Jungen. Es war nur ein Nadelstich. 

Oder war es mehr? 

Mit der Zeit würde sich dies als der Beginn eines der größten medizinischen Experimente aller Zeiten herausstellen. 

Bei dem Mann handelte es sich um den britischen Arzt Edward Jenner, der eine Methode zur Immunisierung des Jungen gegen Pocken testete. Jenner hatte Erfolg und ging als einer der wichtigsten Forscher für die Entwicklung der Impfung in die Geschichte ein. 

In den mehr als zwei Jahrhunderten, die folgten, haben Impfstoffe die Pocken ausgerottet, rund 30 Krankheiten behandelt und sind auf dem besten Weg, etwa 10 weitere Krankheiten auszumerzen. 

Inmitten einer grassierenden Coronavirus-Pandemie gibt es nichts, wonach sich die Menschen im Moment mehr sehnen als nach einem Impfstoff gegen den Erreger. Das ist eine in der heutigen Zeit beispiellose Situation. Das Virus scheint unaufhaltsam und schnell zu sein. Bis Mitte Mai hat es mehr als eine Viertelmillion Menschen getötet und über 4,2 Millionen infiziert

Im gemeinschaftlichen Verständnis der Dringlichkeit haben sich Länder und globale Gesellschaften zusammengeschlossen, um die Forschung und Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten gegen Covid-19 zu unterstützen. 

Die Herausforderungen sind jedoch vielfältig, die Risiken nicht zu unterschätzen und die Chancen eines Scheiterns hoch. Wird die Krise zum Beschreiten neuer Wege für die Entwicklung von Impfstoffen führen? Was sind die Risiken und die Chancen? Und schließlich, welche Rolle spielen Versicherungen dabei? 

Der wissenschaftliche Berater Johannes Klose und Senior Underwriter Mark Piazzi von Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS), dem Unternehmensversicherer der Allianz Gruppe, bewerten in diesen Tagen viele Anträge auf eine Versicherung für klinische Studien und geben einige Einblicke in die Impfstoffentwicklung... 

Alt vs Neu 

Ein kleines Fläschchen mit Impfstoff hat eine mächtige  Schlagkraft. Seine Winzigkeit verbirgt die umfangreiche Arbeit, die dahinter steckt. "Im Durchschnitt dauert die Entwicklung eines Impfstoffs 10 lange Jahre", sagt Johannes, der einen Abschluss in Pharmazie und einen Doktortitel in Neuro-Biochemie besitzt. "Wenn es sehr schnell geht, dauert es etwa vier bis fünf Jahre. ” 

Im Falle des Coronavirus ist es keine Option, so lange zu warten. Experten sind der Meinung, dass ein Impfstoff in 12-18 Monaten zur Verfügung stehen könnte, aber das ist eine eher optimistische Schätzung. Können moderne Technologien den Prozess beschleunigen? "Möglicherweise, je nachdem, welches Konzept als erstes eine wirksame Lösung findet", sagt Johannes. 

Der traditionelle Weg, einen Impfstoff zu entwickeln, besteht darin, das Virus zu isolieren, es zu inaktivieren und in den menschlichen Körper zu injizieren, um eine Immunantwort auszulösen. Wenn ein solcher Impfstoff für Milliarden von Menschen hergestellt werden soll, muss das Virus in großen Mengen unter kontrollierten Bedingungen gezüchtet werden. "Man kann sich kaum vorstellen, welche Laboreinrichtungen, Zeit und Ressourcen dies erfordern würde", betont er. 

Neuere Methoden arbeiten mit der genetischen Information des Virus. Bevor wir in die Konzepte eintauchen, müssen wir zunächst die Grundstruktur eines Virus verstehen - jedes Viruspartikel hat genetisches Material (DNA oder RNA), eine schützende Proteinhülle (Kapsid) und in Fällen wie dem Grippevirus oder dem Coronavirus eine zusätzliche Hülle mit Oberflächenproteinen. 

Die Oberflächenproteine schützen umhüllte Viren vor dem Immunsystem. Wenn das Oberflächenprotein die richtige Art von Wirtszelle erkennt, heftet es sich an sie und setzt das genetische Material des Virus in der Zelle frei. Da sich ein Virus nicht selbst vermehren kann und für sein Wachstum die Maschinerie einer Wirtszelle benötigt, spielt das Oberflächenprotein die wichtigste Rolle für das Überleben und die Vermehrung umhüllter Viren wie des Coronavirus. 

Drei wesentliche genombasierte Impfstoffkonzepte machen sich die genetische Information des Erregers zunutze, zum Beispiel die Gensequenzen, die die Produktion dieser Oberflächenproteine steuern, erläutert Johannes. 

Bei der ersten Art von genombasiertem Impfstoff wird ein Teil des genetischen Materials des Virus in einen Vektor eingefügt, der auf Bakterien oder Zellen übertragen wird. Diese produzieren das virale Oberflächenprotein, das als Impfstoff verwendet wird. 

Bei der zweiten Art wird ein Teil des genetischen Materials des Virus in harmlose Trägerviren eingebracht, die dann Menschen injiziert werden, um den Körper zu "lehren", angemessen auf die reale Bedrohung zu reagieren. 

Beim dritten Typ wird die virale RNA selbst als Impfstoff in den Körper eingebracht. Die RNA steuert die Produktion von Teilen der viralen Oberflächenproteine. Die Zellen der geimpften Person produzieren aus dieser RNA das Virusprotein, das dann eine Immunantwort auslöst. 

"Solche genombasierten Impfstoffe können viel schneller entwickelt und hergestellt werden als herkömmliche Impfstoffe", sagt Johannes. Sie müssen jedoch gründlich getestet werden, bevor sie der Öffentlichkeit vorgestellt werden. "Ein Impfstoff ist keine 100-prozentige tödliche Kugel gegen ein Virus. Zudem darf der Sicherheitsaspekt nicht unterschätzt werden. Nur weil sich ein Impfstoff während der Versuche bei 100-200 Menschen als sicher erwiesen hat, bedeutet das noch lange nicht, dass er für mehr als 5 Milliarden Menschen sicher ist", warnt er. 

Ein mysteriöser Virus

Das Coronavirus trat erstmals im November 2019 auf. Obwohl wir wissen, dass es die Welt in vielerlei Hinsicht verändert hat, ist über den Erreger selbst nicht viel bekannt. 

Es wird vermutet, dass das Coronavirus vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist, aber auch das ist nicht schlüssig bewiesen. Neue Berichte enthüllen täglich neue Facetten des Virus, und die Virologen konzentrieren ihre ganze Energie darauf, sein Verhalten, seine Wirkung auf den menschlichen Körper und seine Übertragungsweise zu verstehen. 

"Der erste Test für einen Virusnachweis wurde bereits im Januar dieses Jahres entwickelt. Das ist an sich schon eine beachtliche Leistung, was die Geschwindigkeit betrifft", sagt Johannes. 

Um einen Impfstoff zu entwickeln, besteht der wichtigste Schritt darin, den schwächsten Teil des Virus zu identifizieren, damit der Virus, wenn er mit einem Antikörper angegriffen wird, dann auch effektiv inaktiviert wird. "Das Coronavirus ist clever. Sein Schlüsselprotein ändert seine Form, kurz bevor das Virus in die Zellen eindringt. Das ist der Zeitpunkt, an dem die verletzlichste Oberfläche freigelegt wird. Wir brauchen Antikörper, die diese Oberfläche erfolgreich angreifen können."

Es ist ein gutes Verständnis erforderlich, wie die Oberflächenproteine aussehen, wie sie ihre Form verändern und welche Oberflächen am vielversprechendsten für die Impfstoffentwicklung sind. 

Diese Recherche ist zeitaufwendig. Aber bei so vielen laufenden Projekten könnte sie schneller als gewöhnlich ablaufen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden derzeit mehr als 100 Impfstoffkandidaten geprüft, von denen 8 für klinische Studien zugelassen wurden. Vier davon werden in China, zwei in den Vereinigten Staaten und je einer in Großbritannien und Deutschland entwickelt, so ein Bericht des British Medical Journal. 

Die Rolle der Versicherungen

Bevor ein Impfstoff in Massen produziert und erfolgreich auf den Markt gebracht wird, muss er angemessene Tests durchlaufen, um sicherzustellen, dass er dem Menschen nicht schadet. Darüber hinaus müssen verschiedene Fragen wie geistiges Eigentum, Patente, behördliche Genehmigungen und Versicherungen für Versuche geklärt werden.

"Bevor ein pharmazeutisches Produkt die Marktzulassung erhält und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann, muss es klinische Studien durchlaufen", sagt Mark Piazzi, der sich auf das Underwriting von Pharma- und klinischen Studien spezialisiert hat. "Klinische Studien selbst müssen auch von Aufsichtsbehörden und Ethikkommissionen genehmigt werden und als Teil des Genehmigungsprozesses muss eine Versicherung organisiert werden. In vielen Ländern ist die Versicherung von Studien obligatorisch. ”

Diese Studien umfassen im Allgemeinen drei Phasen vor der Marktzulassung. In der ersten Phase wird die Verträglichkeit und Sicherheit des Medikaments oder Impfstoffs an einer kleinen Gruppe von Menschen getestet. In der zweiten Phase wird die richtige Dosierung an einer größeren Gruppe von Teilnehmern, in der Regel Patienten, bestimmt. In der dritten Phase wird an einer großen Gruppe von Patienten über einen längeren Zeitraum getestet, um die Wirksamkeit und mittelfristige Sicherheit nachzuweisen. Es gibt eine vierte Phase, nämlich die Phase nach der Marktzulassung. In dieser Phase wird die Sicherheit und Überlegenheit des Produkts gegenüber ähnlichen Medikamenten langfristig untersucht. Diese Phase ist nicht immer obligatorisch. 

Die Versicherung für klinische Studien schützt die Teilnehmer an den Studien, falls sie dabei verletzt werden. In der Regel ist die zweite Phase die heikelste, in der sich Unverträglichkeiten und schwere Nebenwirkungen zeigen können. Die erste Phase kann jedoch auch zu einigen schwerwiegenden Verletzungen führen, insbesondere bei Studien mit neuen Wirkstoffen, die bisher noch nicht am Menschen getestet wurden.

Im Fall von Covid-19 besteht ein zusätzliches Infektionsrisiko, wenn Menschen in Krankenhäuser gehen, um an diesen Studien teilzunehmen. "Im Falle einer Pandemie ist ihre Exposition gegenüber dem Virus größer, weil sich dort eine große Anzahl infizierter Menschen – oft auch Mitarbeiter des Gesundheitswesens - aufhalten", sagt Mark. 

Wenn ein Impfstoff endlich auf den Markt kommt, verlagert sich der Versicherungsschutz auf die Produkthaftpflichtversicherung des Herstellers. "Das ist die übliche Vorgehensweise, aber in diesem Fall ist es möglich, dass einige Regierungen bestimmte Verzichtserklärungen abgeben, um die Hersteller zu schützen, wenn jemand durch den Impfstoff verletzt wird. Da der Impfstoff relativ schnell auf die Märkte kommen muss, wird er nicht so gründlich getestet werden wie ein normaler Impfstoff. Die Risiken sind also höher", fügt Mark hinzu. 

Angesichts der weitreichenden Auswirkungen des Coronavirus befinden wir uns in einem Wettlauf mit der Zeit. Hin und wieder gibt es ermutigende Anzeichen für vielversprechende Behandlungen und Impfstoffe. 

Es ist offensichtlich, dass die Pandemie das Gesicht des Gesundheitswesens für immer verändert hat. Und möglicherweise auch ihr Gehirn. 

Die Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) ist ein weltweit führender Anbieter von Industrieversicherungen und eine wichtige Geschäftseinheit der Allianz Gruppe. Wir bieten – über zwölf speziellen Versicherungssparten – Risikoberatung, Schaden- und Unfallversicherung und alternativen Risikotransfer für ein breites Spektrum von Firmen-, Industrie und Spezialrisiken.

Unsere Kunden sind so vielfältig wie die Wirtschaft. Sie reichen von den 500 umsatzstärksten Unternehmen der Welt über kleine Firmen bis hin zu Privatpersonen. Darunter sind führende Konsumgütermarken, Technologieunternehmen und die globale Luft- und Schifffahrtsindustrie ebenso wie Weinkellereien, Satellitenbetreiber oder Hollywood-Filmproduktionen. In einem dynamischen, multinationalen Geschäftsumfeld suchen sie bei der AGCS nach intelligenten Antworten für ihre größten und komplexesten Risiken und vertrauen auf unsere hervorragende Leistung im Schadenfall.

Weltweit beschäftigt die AGCS 4.400 Mitarbeiter an eigenen Standorten in 34 Ländern und ist über das Netzwerk der Allianz Gruppe oder von Partnern in über 200 Ländern und Gebieten vor Ort. Als eine der größten Schaden- und Unfallversicherungseinheiten der Allianz Gruppe verfügen wir über starke und stabile Finanzratings. Im Jahr 2018 erwirtschaftete die AGCS weltweit Bruttoprämien in Höhe von insgesamt 8,2 Milliarden Euro.

Die Allianz Gruppe zählt zu den weltweit führenden Versicherern und Asset Managern und betreut mehr als 100 Millionen Privat- und Unternehmenskunden in mehr als 70 Ländern. Versicherungskunden der Allianz nutzen ein breites Angebot von der Sach-, Lebens- und Krankenversicherung über Assistance-Dienstleistungen und Kreditversicherung bis hin zur Industrieversicherung. Die Allianz ist einer der weltweit größten Investoren und betreut im Auftrag ihrer Versicherungskunden ein Investmentportfolio von über 740 Milliarden Euro. Zudem verwalten unsere Asset Manager PIMCO und Allianz Global Investors fast 1,6 Billionen Euro für Dritte. Mit unserer systematischen Integration von ökologischen und sozialen Kriterien in unsere Geschäftsprozesse und Investitionsentscheidungen sind wir der führende Versicherer im Dow Jones Sustainability Index. 2019 erwirtschafteten über 147.000 Mitarbeiter für die Gruppe einen Umsatz von 142 Milliarden Euro und erzielten ein operatives Ergebnis von 11,9 Milliarden Euro.

 

Die Einschätzungen stehen wie immer unter den nachfolgend angegebenen Vorbehalten.

Pressekontakte

 

Heidi Polke
Allianz Global Corporate & Specialty

Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen:
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