Konjunkturprognose 2015

Nach einem guten konjunkturellen Start ins Jahr ist der Aufschwung vorübergehend ins Stocken geraten. Die deutsche Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal 2014 leicht und die wirtschaftlichen Erwartungen der Unternehmen waren zuletzt deutlich schlechter als zu Jah­resbeginn. Ein wesentlicher Grund ist die unsichere weltpolitische Lage und insbesondere der Russland/Ukraine-Konflikt. Hinzu kommt, dass die wirtschaftliche Erholung im Euroraum nicht störungsfrei verläuft – Italien und Frankreich bereiten nach wie vor Sorgen. Da zudem in einer Reihe von Emerging Markets wie beispielsweise in Brasilien und der Türkei der Konjunkturmotor nicht rund läuft, stellt sich das weltwirtschaftliche Umfeld derzeit als recht schwierig dar.

„Diesen Belastungsfaktoren für die deutsche Konjunktur steht jedoch eine ganze Reihe posi­tiver Faktoren gegenüber. Der Beschäftigungsaufschwung hält weiter an. Die wachsende Beschäftigung schafft Einkommen. In Verbindung mit dem sehr geringen Preisauftrieb und rascher steigenden Effektivlöhnen nimmt die Kaufkraft der Einkommen beschleunigt zu“, sagte Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. Von der Konsumnachfrage dürften vermehrt Impulse ausgehen. Weiterhin im Aufschwung befindet sich der Bau, auch wenn die Produk­tion im zweiten Quartal vorübergehend zurückgegangen ist. Die hohe Zuwanderung aus dem Ausland und die extrem günstigen Finanzierungsbedingungen führen zu anhaltenden positi­ven Perspektiven im Wohnungsbau. Die Abwertung des Euro, die sich noch etwas weiter fortsetzen dürfte, verbessert die Exportchancen, auch wenn das Wachstum des Welthandels moderat bleibt. Alles in allem rechnet die Allianz damit, dass das deutsche Bruttoinlandspro­dukt im zweiten Halbjahr nur schwach wächst. Im Jahresdurchschnitt 2014 beträgt das Wirt­schaftswachstum voraussichtlich 1,5 Prozent.

 

„Auch 2015 sind die Perspektiven der deutschen Wirtschaft mit erheblichen Unsicherheiten belastet. Wir gehen aber davon aus, dass die Auftriebskräfte die Oberhand behalten“, so Heise. Der Export dürfte wieder stärkere Impulse als 2014 geben. Kräftig steigende Lohnein­kommen und Transfereinkommen regen die Verbrauchsnachfrage an, allerdings verlangsamt sich das Beschäftigungswachstum auch infolge der Einführung des Mindestlohns. Die ver­stärkten Kostensteigerungen und anziehende Importpreise führen wieder zu höheren Ver­braucherpreissteigerungen. Die Investitionstätigkeit dürfte angesichts einer etwas höheren Kapazitätsauslastung und einer guten Ertragslage trotz weiterhin bestehender Unsicherhei­ten moderat anziehen. Alles in allem erwartet die Allianz 2015 ein Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent.

 

Trotz der Handelssanktionen gegenüber Russland ist in den letzten Monaten des Jahres 2014 eine leichte und im Verlauf von 2015 eine deutliche Belebung des deutschen Exports wahrscheinlich. Die Weltwirtschaft ist robuster, als dies angesichts der politischen und militä­rischen Krisen erscheinen mag. Die Konjunktur in einigen der schwächelnden Emerging Markets dürfte allmählich wieder Tritt fassen. Die Nachfrage aus dem Euroraum wird sich voraussichtlich allmählich beleben, nachdem frühere „Krisenländer“ die Talsohle überwun­den haben. Die verbesserte preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft wird auch 2015 erhalten bleiben, auch wenn sich der heimische Kostenauftrieb etwas ver­stärkt. Die deutsche Ausfuhr wird nach den Berechnungen der Allianz in realer Rechnung 2015 um 4,1 Prozent wachsen, nach 3,3 Prozent 2014 und 1,6 Prozent 2013.

 

Der private Verbrauch nimmt zwar seit Jahren kontinuierlich zu, allerdings in realer Rech­nung meist nur schwach. Nach realen Zuwächsen 2012 von 0,7 Prozent und 2013 von 0,8 Prozent ist 2014 immerhin mit einem Wachstum von 1,1 Prozent zu rechnen. Der Anstieg der Tarifverdienste lag zuletzt bei reichlich drei Prozent. Im kommenden Jahr wird die Einfüh­rung des Mindestlohns die Effektivverdienste je Arbeitnehmer schätzungsweise um ¾ Pro­zentpunkte erhöhen. Es ist nach wie vor davon auszugehen, dass sich der Mindestlohn spürbar dämpfend auf den Beschäftigungszuwachs auswirkt, doch dürften die gesamtwirt­schaftlichen Arbeitseinkommen 2015 insgesamt um 4,0 Prozent zunehmen.

 

Die Einbeziehung der Forschungs- und Entwicklungsausgaben in die Investitionstätigkeit ist die wichtigste der jüngsten konzeptionellen Änderungen in den Volkswirtschaftlichen Ge­samtrechnungen. Damit hat sich der Anteil der Investitionen am BIP 2013 von 17,2 Prozent auf 19,7 Prozent erhöht. Dies ändert allerdings nichts an der schwachen Entwicklung der Anlageinvestitionen, die in den Jahren 2012 und 2013 jeweils um 0,7 Prozent geschrumpft sind. In diesem Jahr zeichnet sich zumindest eine Erholung ab. Die Allianz erwartet bei den Ausrüstungsinvestitionen 2014 einen realen Zuwachs von 4,7 Prozent, bei den Bauinvestiti­onen von 3,8 Prozent und bei sonstigen Anlageinvestitionen von 1,9 Prozent.

 

Trotz der sehr günstigen Finanzierungsbedingungen und der relativ guten Ertragslage der Unternehmen sind die Perspektiven bei den Investitionen mit beträchtlichen Unsicherheiten behaftet. „Unter der Annahme, dass die geopolitischen Konflikte nicht eskalieren und im Verlauf des nächsten Jahres sogar etwas abebben, bestehen aber gute Chancen, dass die Ausrüstungsinvestitionen ihren Erholungskurs gegen Ende 2014 und im Jahr 2015 fort­setzen. Allerdings ändert die aktuelle Erholung noch nichts Grundlegendes an der tenden­ziell rückläufigen Investitionsquote in Deutschland über einen längeren Zeitraum. Der Anteil der Ausrüstungsinvestitionen und sonstigen Anlagen am BIP war zuletzt mit 9,9 Prozent na­hezu so niedrig wie im Tiefpunkt in der Wirtschaftskrise 2009 mit 9,7 Prozent.“, erklärte Heise.

 

Der deutsche Arbeitsmarkt ist trotz der Konjunkturdelle im zweiten Quartal dieses Jahres bis zuletzt in guter Verfassung geblieben. Im bisherigen Jahresverlauf ist die Zahl der Erwerbstätigen saisonbereinigt um rund 280.000 gestiegen und die Zahl der Arbeitslosen um rund 25.000 gesunken. Dass die Erwerbstätigenzahl weitaus stärker zunimmt als dass die Arbeitslosenzahl zurückgeht, hat seine wichtigsten Ursachen in der hohen Zuwanderung von Arbeitskräften nach Deutschland und einer steigenden Erwerbsbeteiligung von Älteren und Frauen. Positiv zu werten ist, dass der Zuwachs der sozialversicherungspflichtigen Beschäf­tigung mit zuletzt 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr weiterhin weitaus höher ist als der Zuwachs der Beschäftigung insgesamt (0,8 Prozent). Im Durchschnitt des Jahres 2014 nimmt die Beschäftigung voraussichtlich um rund 370.000 Personen zu und die Arbeitslosig­keit um rund 40.000 Personen ab.

 

2015 dürfte das Wirtschaftswachstum nicht mehr so beschäftigungsintensiv sein wie in die­sem Jahr. Die Allianz rechnet 2015 bei nahezu gleicher BIP-Zuwachsrate wie 2014 nur noch mit einem Anstieg der Erwerbstätigenzahl im Jahresverlauf um 100.000 und im Jahresdurch­schnitt um reichlich 200.000. Die Einführung des Mindestlohns dürfte den Beschäftigungsan­stieg deutlich dämpfen. Die Zahl der geringfügig Beschäftigten wird spürbar zurückgehen. Insgesamt ist davon auszugehen, dass die Zahl der Beschäftigten Ende 2015 um rund 100.000 niedriger sein wird als ohne Mindestlohn. Die Allianz prognostiziert, dass die Ar­beitslosigkeit im Jahresverlauf 2015 weitgehend stagniert. Im Jahresdurchschnitt 2015 sind dann etwa 2,90 Millionen Personen arbeitslos nach 2,91 Millionen in diesem Jahr.

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