Finanzmarkt- und Konjunkturausblick 2015

2014 war ein bemerkenswertes Jahr, nicht nur für Ökonomen. Allen großen Unsicherheitsfaktoren wie der Ukraine-Krise, der Schwäche der russischen Wirtschaft und der Konjunkturabkühlung in Brasilien sowie den Unwägbarkeiten hinsichtlich des Ausstiegs der Fed aus ihrem Quantitative Easing-Programm und den Deflationsängsten in Europa zum Trotz hat sich die Weltwirtschaft gar nicht schlecht entwickelt. Der Rückgang einiger wichtiger Konjunkturindikatoren im Spätsommer erwies sich – wie von uns nicht anders erwartet – als kurzlebig.

Die Schwächephase war zurückzuführen auf allzu optimistische Erwartungen zu Jahresanfang, die Überproduktion und eine Aufstockung von Lagerbeständen im Unternehmenssektor zur Folge hatten. Nichtsdestotrotz übertrafen die Aktienmärkte unsere Erwartungen. Die Volatilität, mit der wir für den Großteil des Jahres gerechnet hatten, ließ zunächst auf sich warten. In den letzten Monaten schlug sie jedoch mit voller Wucht durch. Unerwartet für uns wie für die meisten Prognostiker kam der anhaltende Rückgang der Zinssätze und Anleiherenditen. Eine wesentliche Rolle spielten die Angst vor einer Deflation und die Hoffnung auf durchgreifende Maßnahmen der Währungshüter.

Mit Blick auf 2015 sind wir bei unserer Annahme eines moderaten weltweiten Wachstums geblieben, das die Eurozone aus der Rezession befreien würde. So haben wir in den letzten Tagen unsere Prognose für das reale BIP-Wachstum der Eurozone für 2015 auf 1,3% und für Deutschland auf 1,6% angehoben. Durch die rückläufigen Ölpreise und die Abwertung des Euro erhält die Währungsunion in zweifacher Hinsicht Auftrieb. Beide Effekte zusammengenommen werden sich mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung in einem BIP-Plus von 0,75% niederschlagen. Hinzu kommt, dass wir bei den ehemals krisengeschüttelten Ländern der Eurozone – die wir inzwischen lieber als „Reformländer“ bezeichnen – einen klaren Aufwärtstrend sehen. Die Ölpreise werden durchschnittlich deutlich unter dem Niveau von 2014 liegen. Diese für die Weltwirtschaft segensreiche Entwicklung kommt im Wesentlichen allen Industriestaaten wie den USA, Japan, Korea und der EU zugute und wirkt sich zudem in hohem Maße positiv auf das Wachstum und die Haushaltskonsolidierung in wichtigen Schwellenländern wie China, Indien und Indonesien aus.

Welche Risiken bestehen für das nächste Jahr? Die rasante Talfahrt der Ölpreise bedeutet ganz klar ein Risiko für die schwächeren ölproduzierenden Länder. Russland befindet sich in einer Rezession, Venezuela steht nahe an einem Staatsbankrott und Libyen, Iran und Irak haben mit Unruhen zu kämpfen. Die Schwäche dieser Volkswirtschaften wird die positiven zyklischen Effekte des Ölpreisrückgangs für die Weltwirtschaft jedoch nicht zunichtemachen. Ein großes Problem für die Finanzmärkte würde es hingegen bedeuten, wenn Russland seinen Schuldendienst nicht mehr leisten würde, was unseres Erachtens jedoch sehr unwahrscheinlich ist. Zudem drohen bei einigen High Yield-Anleihen aus der öl- und gasproduzierenden Industrie in den Vereinigten Staaten Ausfälle, da der Schiefergas-Boom abflaut und dadurch weniger investiert wird. Diese möglichen Negativereignisse dürften jedoch nicht das Ausmaß erreichen, um die Weltwirtschaft aus der Bahn zu werfen.

Ein Faktor, der für das Weltwirtschaftswachstum treibende Kraft und Risiko zugleich ist, ist eine dauerhafte Fortsetzung der extrem lockeren Geldpolitik. Einerseits kurbeln entsprechende Maßnahmen die Nachfrage an und steigern die Gewinne an den Finanzmärkten, doch die Kehrseite der Medaille sind drohende Überhitzungstendenzen und Blasen an den Finanzmärkten. Außerdem wirken sie sich de facto negativ auf die Verteilung von Wohlstand und Einkommen aus, entziehen den Anreiz zum Sparen und bremsen die Altersversorgung. Wir gehen davon aus, dass die geldpolitischen Instanzen bei ihren Entscheidungen die Finanzmarktstabilität im Auge behalten und langsam und mit Bedacht einen Kurswechsel einläuten werden. Dementsprechend halten wir massive Verluste infolge überbewerteter Finanzmärkte für unwahrscheinlich. Gleichzeitig rechnen wir indes mit einer hohen Marktvolatilität.

2015 wird also ein weiteres Jahr voller Herausforderungen für alle Anleger, die sich mit der Aufgabe konfrontiert sehen, in einem von niedrigen Renditen geprägten Umfeld die richtige Balance zwischen den Anlageklassen zu finden. Nach unserer Einschätzung werden die Renditen von Staatsanleihen nur leicht ansteigen, während die volatilen Aktienmärkte ihren Aufwärtstrend fortsetzen. Sachwerte werden sehr gefragt sein, und die angespannte Lage an den Devisenmärkten wird anhalten. Der US-Dollar sollte zumindest zu Beginn des Jahres auf der Gewinnerseite stehen. Machen wir also das Beste aus der Situation und starten gut in das neue Jahr.

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