Europäische Kapitalmarktunion: Auf dem Weg zu einem ausgewogeneren Finanzsystem

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat globale Anstrengungen ausgelöst, um die Stabilität am Finanzmarkt – insbesondere im Bankensektor – wiederherzustellen. Aufgrund dessen stehen die meisten Banken wieder wesentlich besser da. Und während der Fokus bisher vorrangig auf der Mikroebene – d.h. auf der Stabilität einzelner Finanzinstitute – lag, gibt es auch Versuche, das Finanzsystem insgesamt widerstandsfähiger zu machen, z.B. durch Überwachung der Vernetzung verschiedener Akteure und des weiteren Umfelds, in dem sie operieren.

Die erhöhte Widerstandskraft einer einzelnen Gruppe von Akteuren bedeutet jedoch nicht notwendigerweise, dass die Finanzmärkte insgesamt besser funktionieren. Einige regulatorische Maßnahmen haben zu unbeabsichtigten Nebenwirkungen geführt, wie z.B. einer Reduzierung der Handelsliquidität in bestimmten Märkten und einer erhöhten Volatilität. Die Aufsichtsbehörden haben zeitweise auch neue Regelungen für Banken auf andere Finanzmarktakteure ausgeweitet – ohne den Unterschieden zwischen den verschiedenen Geschäftsmodellen immer voll Rechnung zu tragen. Ein Beispiel hierfür ist die Klassifizierung von Versicherungsgesellschaften als “systemisch wichtigen Finanzinstituten”, die aus Stabilitätsgründen zusätzliches Kapital vorhalten müssen – obwohl das Kapital in der Assekuranz im Vergleich zum Bankwesen eine grundlegend andere Rolle spielt.


Das Rätsel im Kern dieser sich wandelnden regulatorischen Agenda ist die unklare Auswirkung globaler Finanzintegration. Einerseits haben die Kapitalflüsse eine stabilisierende Funktion: Sie dienen dazu, Risiko zu streuen und zu diversifizieren. Andererseits kann ihre starke Vernetzung im Falle großer Erschütterungen des Finanzsystems deren Auswirkungen noch verstärken, da sich das Risiko durch Ansteckung in alle Richtungen verbreitet. Die Folge ist ein Finanzsystem, das “robust und gleichzeitig anfällig” ist Mit kürzlichen Reformmaßnahmen wurde wiederholt versucht, diese Fragilität durch eine gewisse Entflechtung zu beheben. Viele nationale Aufsichtsbehörden haben Regeln implementiert, um nationale Vermögenswerte abzuschotten. Und trotz erheblicher Anstrengungen, die Regeln international zu harmonisieren – z.B. seitens des Financial Stability Board – fügen nationale Aufsichtsbehörden zunehmend eigene Regeln hinzu, was grenzüberschreitende Kapitalströme weiter behindert.


So wurde die größere Stabilität nach der Krise mit einer stärkeren Fragmentierung und Komplexität des – in gewisser Weise weniger effizienten – Finanzsystems erkauft. Es ist keine Überraschung, dass viele Marktteilnehmer die Regulierung als große Gefahr für ihr Geschäft sehen und gleichzeitig mehrere Wirtschaftswissenschaftler prognostizieren, dass höhere Stabilität und Sicherheit im Finanzsektor zu Lasten von Investitionen und Produktionswachstum gingen.


Vor diesem Hintergrund kam die Initiative der EU Kommission für eine Europäische Kapitalmarktunion (CMU) etwas überraschend. Sie könnte den Wendepunkt Europas in diesem Regulierungszyklus bedeuten.

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