Schwellenländer - Schwächephase nicht der Anfang vom Ende des Aufholprozesses

Die Wachstumskräfte in der Weltwirtschaft haben sich in den vergangenen Jahren wieder etwas zugunsten der Industrieländer verschoben. Die Gruppe der Schwellenländer – bislang Triebfeder des globalen Wachstums – verzeichnet dagegen eine deutliche Abschwächung. Die Schwellenländer haben zwar noch einen Wachstumsvorsprung gegenüber den Industrieländern, aber er dürfte sich 2015 auf knapp 2 Prozentpunkte einengen; im Jahr 2013 hatte er noch 3,4 Prozentpunkte betragen. Zahlreiche Analysen hinterlassen den Eindruck, dass die wirtschaftlichen Aussichten der Schwellenländer dauerhaft eingetrübt sein könnten, und dass diese Ländergruppe künftig nicht mehr als globales Zugpferd dient, da sie in eine nachhaltige Schwäche geraten ist. Niedriges Wachstum wäre die neue Normalität, auch in den Schwellenländern. Wir halten diese Sichtweise für überzogen.

Zunächst ist zu berücksichtigen, dass temporäre Faktoren bei der jüngsten Wachstumsabschwächung eine wesentliche Rolle spielen. Neben der in den vergangenen Jahren stockenden Konjunktur in wichtigen Abnehmerländern hat auch eine Korrektur verschiedener Rohstoffpreise, etwas bei Agrarrohstoffen und Industriemetallen, die Exportländer belastet. Die Preise vieler Rohstoffe haben sich in den vergangenen Monaten stabilisiert und tendieren inzwischen zumindest wieder leicht aufwärts. Dies dürfte eine Wachstumsbelebung ebenso unterstützen wie das Ende der Konjunkturflaute in den Industrieländern. Zudem haben zahlreiche Schwellenländer-Währungen in den vergangenen Monaten gegenüber den Währungen großer Industrieländer abgewertet, was sich ebenfalls positiv für sie auswirken dürfte. Eine offene Frage ist allerdings, wie sich die Kapitalzuflüsse in den kommenden Monaten entwickeln werden. Das wahrscheinliche Ende der Niedrigzinspolitik in den USA ist ein Belastungstest insbesondere für diejenigen Schwellenländer, die auf Grund ihres außenwirtschaftlichen Defizits stark auf internationale Kapitalzuflüsse angewiesen sind.

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