Der Absturz an den Märkten: Rezessionsangst überzogen

Für die Vereinigten Staaten von Amerika spielten Aussagen von Vertretern der amerikanischen Notenbank und aktuell schwächere Konjunkturdaten eine Rolle. In der Eurozone hat sich die Erwartung verbreitet, dass eine „Triple-Dip-Rezession“ bevorstehen könnte, nachdem auch der deutsche Wirtschaftsmotor ins Stottern geraten ist. Die Skepsis für die Eurozone zeigt sich nicht alleine an der weitreichenden Korrektur der Aktienmärkte, sondern auch an teilweise deutlich steigenden Risikoprämien für die Staatsanleihen einzelner Länder. Solche Rückschläge an den Finanzmärkten verschlechtern ihrerseits das Vertrauen in die Konjunkturentwicklung und können sich damit selbst verstärken.

Ist diese Rezessionsfurcht berechtigt? Nach unserer Einschätzung ist das nicht der Fall. Es fehlt der Auslöser für eine wirkliche Rezession. 2008/2009 war es die globale Finanzkrise, 2012 die Eskalation der Euroschuldenkrise, die die Konjunktur in der Eurozone abrutschen ließ. Derzeit sind die Bedingungen günstiger, es gibt sogar starke Antriebsmotoren der Wirtschaft. Der kräftige Rückgang von Öl- und Rohstoffpreisen wird die Kaufkraft verstärken und als Konjunkturmotor wirken. Die Abwertung des Euro wird den Ländern der Eurozone – zumindest bei moderatem Wachstum des Welthandels – deutliche Impulse geben. Die Zinsen sind niedrig und die Kreditvergabestandards der Banken werden weniger restriktiv. Die Verbraucherstimmung ist keineswegs negativ. Schließlich haben die früheren Krisenländer der Eurozone in recht deutlicher Weise die Talsohle der Entwicklung durchschritten.

Es besteht insofern kein Anlass, die Lage zu dramatisieren. Das gilt insbesondere im Hinblick auf den Rückgang der Inflationsraten in der Eurozone, der zu einem guten Teil auf sinkende Rohstoffpreise und zum Teil auf dringend erforderliche Anpassungsprozesse in den Krisenländern zurückgeht und insofern keine Ähnlichkeit zu der immer wieder zitierten Deflationsentwicklung in Japan aufweist.

Ein Risiko für die Eurozone bestünde allerdings darin, dass das Vertrauen der Finanzmärkte in die Konsolidierungs- und Reformbereitschaft der hochverschuldeten Mitgliedsländer wieder verloren geht. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass die jüngsten Reformankündigungen in Frankreich, Italien und – was Infrastrukturinvestitionen angeht – auch in Deutschland umgesetzt werden. Der Europäische Rat  und die Europäische Zentralbank können darauf hinwirken. Das plötzliche Hochschnellen der Risikoprämien für Griechenland ist wohl eher auf den Plan eines vorzeitigen Austritts aus Hilfsprogrammen zurückzuführen, als auf makroökonomische Fehlentwicklungen in Griechenland selbst. 2014 wird Griechenland wohl erstmals seit langem wieder Zuwächse beim BIP erzielen, zudem dürfte auch der Gesamthaushalt des Staates annähernd ausgeglichen sein. Der Primärüberschuss im Haushalt Griechenlands ist inzwischen beachtlich. Insofern sollte hier eine abgewogene Bewertung erfolgen.

Als Fazit ist festzuhalten, dass die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine Erholung der Konjunktur nicht schlecht sind. Auch eine gewisse Entspannung des Ukraine-Russland Konfliktes sollte positiv wirken. Es ist in diesem Umfeld sehr unwahrscheinlich, dass Unsicherheiten z.B. über die „Stresstests“ der Europäischen Zentralbank oder den Zeitpfad der Defizitreduktion alleine die Konjunktur aus der Bahn werfen werden.

Dr. Michael Heise

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