EWU

EZB sollte Lockerungserwartungen eine Absage erteilen

Von weiteren Lockerungsschritten würden eher negative als konjunkturstimulierende Auswirkungen ausgehen. Durch die Wertpapierkäufe der Zentralbank sind Wertpapiere schon heute stark überteuert, Anleger bekommen keine Prämie für die Übernahme von Risiken. Niedrige Kapitalmarktzinsen und Strafzinsen auf Liquidität haben die Banken stark  geschwächt. Beim Sparer herrscht Verunsicherung über die Altersvorsorge, die ihn eher zur Sparsamkeit als zur Konsumfreude veranlasst. Unter diesen Bedingungen haben weitere expansive Schritte der Geldpolitik ihre Wirksamkeit verloren.  

Es gibt keinen guten Grund, die geldpolitischen Zügel diesen Donnerstag weiter zu lockern oder die Bereitschaft dazu zu signalisieren. Im Gegenteil, die EZB sollte den Erwartungen weiterer Lockerungsschritte  eindeutig entgegentreten und klarstellen, dass sie auf eine Politik der ruhigen Hand umgeschaltet hat. Dafür sprechen eine Reihe von Gründen:

  1. Die wirtschaftliche Erholung im Euroraum setzt sich fort: Negative Auswirkungen des Brexit-Votums zeigen sich bislang in überraschend geringem Maße und die EWU-Wirtschaft erzielt in den Jahren 2015-2017 jeweils in etwa ihr Potenzialwachstum. Das nominale Bruttoinlandsprodukt, dass die Preissteigerungen im Währungsraum erfasst, lag im ersten Halbjahr 2016  um 2,8 % höher als im selben Zeitraum des Vorjahres. Das spricht für eine weiter expansive Geldpolitik aber keinesfalls für Aktionismus.
  2. Die Politik der EZB, insbesondere die Negativzinsen auf Bankeinlagen, stellt eine sichtbare Belastung für die Ertragslage und die Kapitalisierung der Banken im Euroraum dar. Darüber hinaus führen die Anleihekäufe der Notenbank bei Staatsanleihen und bei Unternehmensanleihen zu einer künstlichen Minderung der Risikoprämien, die für die Finanzmarktstabilität erforderlich sind.
  3. Kaum sichtbaren Konjunktureffekten der expansiven Geldpolitik stehen inzwischen sehr starke Nebeneffekte gegenüber.  Die Belastungen der Sparer durch geringere Zinseinnahmen und die Unsicherheit vieler Menschen über ihre Altersvorsorge veranlassen eher zur Vorsicht beim Konsum als zur Kaufbereitschaft. Die Unternehmensinvestitionen sind auch bei Nullzinsen verhältnismäßig niedrig geblieben. Dies bestätigt, dass es andere Gründe als die Fremdkapitalkosten sind, die die Unternehmen von Investitionen abhalten.

Eine Verschärfung der expansiven Politik würde aus den genannten Gründen kaum dazu beitragen, dass die Inflationsrate rasch auf den von der EZB gewünschten Wert nahe bei 2 % ansteigt. Die aktuell niedrige Inflationsrate ist auch kein Grund für Aktionismus. Bei gegebenen Öl- und Rohstoffpreisen wird die Teuerungsrate schon am Jahresende wieder bei 1 % liegen, Tendenz steigend.

Sollte es nicht zu völlig unerwarteten Ereignissen und wirtschaftlichen Rückschlägen kommen, wäre eine Rückführung der sehr hohen Wertpapierankäufe spätestens ab März 2017 zu empfehlen. Dies sollte die EZB bereits jetzt ankündigen. Liquidität ist im Bankensystem seit langem ausreichend vorhanden und beileibe kein Engpass für die Unternehmensinvestitionen. Der Strafzins auf die sehr hohen Einlagen der Banken bei der EZB schwächt alle Banken im Euroraum und sollte möglichst bald abgeschafft werden. Das Risiko, dass die Finanzmärkte auf solche Ankündigungen zunächst enttäuscht und mit Kursabschlägen reagieren, ist gegeben. Das kann jedoch kein Argument für die Beibehaltung von Maßnahmen sein, deren Wirkung fragwürdig ist und die erhebliche Verzerrungen von Preisen und Investitionsanreizen an den Finanzmärkten auslösen. Die Geldpolitik braucht eine wesentlich stärkere Unterstützung der Wirtschaftspolitik, sie alleine kann kein höheres Wachstum erzeugen.


Kontakt

Michael Heise

Allianz SE
Fon +49.89-3800.16143

Send e-mail

PDF (128 kb)