EWU

Höhere Inflationsraten absehbar, keine Trendwende am Arbeitsmarkt

Die EZB sollte die heutigen Preisdaten gelassen sehen. Sehr bald werden sich die Teuerungsraten im Euroraum merklich von der Nulllinie nach oben lösen und dadurch auch die Inflationserwartungen wieder steigen. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich in den EWU-Ländern uneinheitlich, aber insgesamt dürfte die Arbeitslosigkeit weiter (langsam) abnehmen. Das ist wichtig für die Konjunkturperspektiven und die Stimmung in der Bevölkerung.

Die EWU-Inflationsrate liegt der heutigen Schnellschätzung für August zufolge mit 0,2% zwar immer noch nicht viel über der Nulllinie, doch dies wird sich voraussichtlich ab September wegen ölpreisbedingter Basiseffekte ändern.  Am Jahresende dürfte die Teuerungsrate über 1% und dann weiter auf etwa 1,5% im ersten Quartal 2017 klettern (jedenfalls sofern der Ölpreis nicht erneut einbricht). Da sich Inflationserwartungen häufig am aktuellen Preisauftrieb orientieren, ist damit zu rechnen, dass entsprechende Kenngrößen ansteigen. Erst wenn sich die Inflationserwartungen bei anhaltend höheren aktuellen Preissteigerungsraten nicht nach oben anpassen, müsste die EZB unseres Erachtens ernstlich alarmiert sein. Von den heutigen Preisdaten hingegen sollte sie sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wir sehen keinen Anlass, bei der Ratssitzung nächste Woche eine Ausweitung der Lockerungsmaßnahmen zu beschließen oder konkreter in Aussicht zu stellen – auch wegen der geringen Anzeichen eines Wachstumsdämpfers infolge des Brexit-Votums.

Nach zuvor rückläufigem Trend verharrte die Arbeitslosenquote des Euroraums im Juli den vierten Monat in Folge bei 10,1%. Für die künftige Entwicklung erwarten wir ländergruppenweise unterschiedliche Tendenzen: In den aus tiefer Rezession gekommenen Ländern wie Irland, Portugal oder Spanien dürfte sich das Tempo der Arbeitsmarktverbesserung nicht halten lassen. In Kernländern wie Deutschland, den Niederlanden und Österreich begrenzt das bereits relativ niedrige Niveau der Arbeitslosenquote das Potenzial für größere Rückgänge. Umgekehrt ist für Frankreich und Italien zu hoffen, dass sich im Zuge der anhaltenden Konjunkturerholung endlich mehr Fortschritte am Arbeitsmarkt zeigen. Für den Euroraum als Ganzes erwarten wir keine Trendumkehr, sondern allmählich weiter fallende Arbeitslosenquoten (Ende 2016: 9,8%; Ende 2017: 9,5%). Dies hilft dem privaten Konsum und damit dem Wirtschaftswachstum. Auch ist die Arbeitsmarktsituation von großer Bedeutung für die Stimmung in der Bevölkerung – obgleich der derzeitige Rückenwind für populistische, europaskeptische oder „anti-Establishment“ Strömungen in vielen EWU-Ländern sicher noch andere Gründe (Bedenken gegenüber Zuwanderung, Ängste um die Sicherheit angesichts Terrorgefahr, etc.) hat. 

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Claudia Broyer

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