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Der Euro: Ohne Halt?

In der Tat dürfte der Euro in den nächsten Wochen weiter unter Abgabedruck stehen, da die Wirtschaftsindikatoren den Konjunkturvorteil der USA und zum anderen die negative Inflation im Euroraum bestätigen dürften. Dennoch ist es keineswegs ausgemachte Sache, dass die Wechselkursentwicklung in diesem Jahr einer Einbahnstraße gleichen wird. Im weiteren Verlauf des Jahres dürfte sich die Situation ändern. Den Bewegungen an den Devisenmärkten liegt die Einschätzung zugrunde, dass die US-Notenbank – entsprechend ihrer Kommunikation – in diesem Jahr mit Leitzinsanhebungen beginnen wird. Die Pläne sind aber nicht in Stein gemeißelt, sondern datenabhängig. Solange das Wirtschaftswachstum solide bleibt, dürfte die Fed dazu neigen, den maßgeblich durch den Ölpreis bedingten Rückgang der Verbraucherpreise als temporär einzustufen und ihre Pläne für den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik umzusetzen. Sollte es allerdings negative Überraschungen beim Wachstum geben, wäre durchaus mit einer Verschiebung der Leitzinsanhebungen zu rechnen. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios erscheint keinesfalls unerheblich.

Zu berücksichtigen ist zunächst, dass der US-Dollar seit der zweiten Jahreshälfte auf breiter Front unter Aufwertungsdruck steht. Zuletzt hat sich die US-Währung nicht nur gegenüber dem Euro, sondern auch gegenüber anderen wichtigen Währungen, wie dem britischen Pfund und – im Gefolge der überraschenden Leitzinssenkung der Bank of Canada – dem kanadischen Dollar weiter befestigt. Per saldo ist der gewogene Außenwert des US-Dollar in den letzten Monaten um nahezu 10% gestiegen. Im Verlauf dieses Jahres wird der Außenhandel das Wachstum in den USA deshalb voraussichtlich zunehmend dämpfen. Die Exporte dürften im Jahresverlauf durch die bereits eingetretene Wechselkursentwicklung um etwa 3 Prozentpunkte gedrückt werden. Zudem ist vor dem Hintergrund des drastischen Ölpreisverfalls mit einer Anpassung der Investitionstätigkeit im Ölsektor zu rechnen, die die Dynamik der Unternehmensinvestitionen dämpfen wird. Sollte die US-Währung kurzfristig weiter stark an Wert gewinnen, würde das US-Wachstum zweifellos klar an Schwung verlieren. Eine solche Perspektive dürfte wieder Druck vom US-Dollar nehmen. Ausgeprägte Höherbewertungen des US-Dollar dürften sich mithin als nicht nachhaltig erweisen

Auf der anderen Seite könnte der schwache Euro zusammen mit dem Verfall der Ölpreise für positive Überraschungen in Europa sorgen.Wenn erkennbar wird, dass die konjunkturelle Entwicklung unter dem Einfluss dieser positiven Impulse wieder auf einen festeren Erholungspfad einschwenkt, dürften nicht zuletzt die im Vergleich zu den USA attraktiveren Bewertungsniveaus der europäischen Aktienmärkte (wieder) verstärkt in das Blickfeld der internationalen Investoren gelangen. Damit zusammenhängende Kapitalzuflüsse werden den Euro entsprechend stützen.

Auch sind Entwicklungen im Gange, die in längerfristiger Perspektive internationale Anleger zu einer Anpassung ihrer Portfoliostruktur zugunsten des Euroraums veranlassen könnten. So verzeichnet der Euro-Raum seit 2012 nennenswerte Überschüsse im Leistungsverkehr mit dem Ausland. Leistungsbilanzüberschüsse in einer Größenordnung von 2% und mehr des Bruttoinlandsprodukts sind seit der Errichtung des gemeinsamen Währungsraums zuvor nicht erzielt worden. Im laufenden Jahr ist allein schon aufgrund des drastisch sinkenden Ölimportwerts eine weitere erhebliche Verbesserung zu erwarten. Ein Gutteil der bisherigen Überschüsse ist zwar zyklisch bedingt, die Anstrengungen in der Euro-Raum Peripherie haben jedoch auch zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und damit zu dem Überschuss beigetragen, der einige Zeit erhalten bleiben sollte. Eine längere Phase sehr niedriger Bewertungen des Euro würden diese Tendenz nur noch weiter unterstützen. Nachhaltig hohe Leistungsbilanzüberschüsse würden letztlich einen Umschwung im Netto-Auslandsvermögensstatus bewirken.

Alles in allem kann davon ausgegangen werden, dass die bereits eingetretenen starken Änderungen in den Wechselkursrelationen verschiedene Rückkoppelungsmechanismen auslösen, die eine Umkehr in der Währungsentwicklung unterstützen. Auch wenn der Euro sich in der nächsten Zeit zur Dollarparität hinbewegen wird, entsteht daraus keine nachhaltige substanzielle Schwäche des Euro. Die Wirtschaftspolitik sollte davon absehen, Erwartungen eines weiteren Euro-Abwertungsbedarfs zu schüren. Sie sollte dabei nicht zuletzt in Rechnung stellen, dass die dadurch bedingte hohe Wechselkursvolatilität ein unsichereres Umfeld für Handels- und Investitionsentscheidungen schafft. Länger anhaltende Fehlbewertungen bei den Wechselkursen erhöhen dagegen die Gefahr einer Fehlleitung von Kapital und können politische Spannungen erzeugen.

Dr. Michael Heise

Allianz SE
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