China

Offizielles Wachstumsziel 2017: Weniger wäre besser

Die heutigen Daten zur konjunkturellen Entwicklung im vierten Quartal 2016 haben insgesamt wenig Überraschendes geboten. Spannender ist der Blick nach vorn. Die selbstauferlegten ehrgeizigen Wachstumsziele der Regierung lassen sich angesichts eines lediglich verhalten wachsenden Welthandels nur mit Hilfe eines kräftigen fiskalischen Stimulus und mit Krediten realisieren. Wie lange das gut geht, ist fraglich.

Wie das nationale Statistikamt Chinas heute bekanntgab, ist die chinesische Wirtschaft im vierten Quartal 2016 mit einem Plus von 6,8% gegenüber Vorjahr etwas schneller gewachsen als in den drei vorangegangenen Quartalen (jeweils +6,7% gegenüber Vorjahr). Im Gesamtjahr 2016 legte die reale Wirtschaftsleistung damit um 6,7% zu. Die Regierung hatte sich ein Wachstumsziel zwischen 6,5% und 7% gesetzt.

Ohne staatliche Investitionsprojekte und eine deutlich steigende Kreditvergabe wäre ein Erreichen dieses Wachstumsziels nicht möglich gewesen, insbesondere vor dem Hintergrund eines nahezu stagnierenden Welthandels. Die in staatlicher Hand befindlichen Unternehmen weiteten im vergangenen Jahr ihre Investitionen mit einem Plus von knapp 19% kräftig aus, wohingegen die Investitionstätigkeit von privaten Unternehmen nur mit rund 3% zulegte.

Im Verlauf des vergangenen Jahres fokussierte sich die chinesische Wirtschaftspolitik zunehmend auf die kurzfristige Konjunkturstimulierung und weniger auf die dringend erforderlichen Strukturreformen. Die Folge ist, dass sich die makroökonomische Ungleichgewichte, wie eine sehr hohe Unternehmensverschuldung und rasch steigende Immobilienpreise, weiter aufbauen. Dies mag für den kurzfristigen Konjunkturausblick weniger problematisch sein. Für die mittel- und langfristigen Perspektiven der chinesischen Wirtschaft stellen diese Ungleichgewichte jedoch einen erheblichen Unsicherheits- und auch Belastungsfaktor dar.

Einen Grund für den fiskalpolitischen Expansionskurs des vergangenen Jahres sehen wir in den selbstauferlegten jährlichen Wachstumszielen der Regierung. Nach unserer Einschätzung setzt sie sich mit diesen ehrgeizigen Zielvorgaben selbst massiv unter Handlungsdruck. Die chinesische Öffentlichkeit ist seit vielen Jahren an diese Zielvorgaben gewöhnt, so dass ein gänzlicher Verzicht darauf möglicherweise zu erheblicher Verunsicherung in der Wirtschaft führen würde. Sinnvoll wäre aber aus unserer Sicht eine raschere Absenkung der jährlichen Zielvorgaben. Dies hätte mehrere Vorteile: Es würde Druck von der Wirtschaftspolitik nehmen, jedes Mal gegenzusteuern, wenn etwas schwächere Konjunkturdaten veröffentlicht werden. Auch würde die Regierung damit signalisieren, dass schwächeres Wachstum „ok“ ist und toleriert wird. Und nicht zuletzt könnte sich die Wirtschaftspolitik damit wieder verstärkt auf das Vorantreiben der Reformen konzentrieren.

Voraussichtlich im März wird das diesjährige Wachstumsziel der chinesischen Regierung bekanntgegeben. Einiges spricht dafür, dass es bei 6,5% liegen dürfte. Ein niedrigerer Wert wäre für uns eine positive Überraschung. Unsere eigene Prognose für das diesjährige reale BIP-Wachstum beträgt 6,3%.

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Gregor Eder

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