Konjunktursorgen noch nicht ausgeräumt

Die mäßige Entwicklung der Auftragseingänge, aber mehr noch die erhebliche Verschlechterung der Geschäftserwartungen und der Geschäftslagebeurteilung im Ifo-Test haben Sorgen aufkommen lassen, dass Deutschland am Rande einer Rezession steht.

Nach wie vor ist die Industrie die konjunkturreagibelste Branche, von ihr geht kurzfristig der stärkste Einfluss auf das Wachstum des BIP aus. Gerade für diesen Bereich liefert der Ifo-Test eine Reihe differenzierter Umfrageergebnisse (Geschäftslage, Geschäftserwartungen, Nachfragesituation, Auftragsbestand, Fertigwarenlager, Produktion, Produktionspläne). Anhand von einfachen Regressionsansätzen haben wir den Erklärungsgehalt und zeitlichen Vorlauf der Ifo-Umfrageergebnisse hinsichtlich der Entwicklung der Industrieproduktion geprüft. Da die monatlichen Produktionswerte und Ifo-Umfrageergebnisse recht volatil sind, haben wir gleitende Durchschnitte über drei Monate gebildet und erklären im Schätzansatz die dreimonatige Veränderung der so geglätteten Industrieproduktion mittels einer entsprechenden Veränderung des Ifo-Indikators.

Alle Indikatoren des Ifo-Test sind hochsignifikant und besitzen im jeweils besten Schätzansatz einen Vorlauf von einem (Geschäftslage, Beurteilung des Auftragsbestandes, Beurteilung der Fertigwarenlager) bis drei Monate (Geschäftserwartungen, Produktionspläne) gegenüber der Entwicklung der Industrieproduktion. Der Erklärungsanteil durch die Indikatoren liegt zwischen 35% (Geschäftserwartungen) und 70% (Geschäftslage).

Indikatoren mit einem Vorlauf von nur einem Monat sind für die Konjunkturfrüherkennung allerdings nur von begrenztem Wert, selbst wenn ihr Erklärungsgehalt wie bei der Geschäftslagebeurteilung recht gut ist. Wir konzentrieren uns deshalb auf die Geschäftserwartungen und die Produktionspläne, die einen Vorlauf von immerhin drei Monaten haben. Ihr Erklärungsgehalt für die Produktionsentwicklung lässt sich verbessern, wenn nicht nur die Veränderungen des Ifo-Indikators sondern auch sein Niveau in den Schätzansatz einbezogen wird. Die um drei Monate verzögerten Veränderungen in den Produktionsplänen und das um zwei Monate verzögerte Niveau der Produktionspläne erklären beachtliche 75% der Änderungen der Industrieproduktion.

Allerdings ermittelt dieser Schätzansatz am aktuellen Rand (3.Quartal 2014) eine spürbar bessere Entwicklung der Industrieproduktion als sie eingetreten ist. Dies deutet daraufhin, dass zuletzt Produktionspläne rascher als üblich an eine sich abschwächende Konjunktur angepasst wurden.

Mit der heutigen Veröffentlichung liegen Daten für die Industrieproduktion bis September vor, die Ergebnisse des Ifo-Tests sind bis Oktober verfügbar, so dass mit dem Schätzansatz eine Prognose für die Veränderung der Industrieproduktion bis einschließlich Dezember erfolgen konnte. Für das vierte Quartal dieses Jahres errechnet sich gegenüber dem geschätzten Wert für das dritte Quartal ein Produktionsrückgang um über 1%. Im Vergleich zum tatsächlichen Produktionsniveau im dritten Quartal ist allerdings nur eine geringfügige Produktionseinschränkung in der Industrie zu erwarten. Dies dürfte durch eine steigende Wertschöpfung in den meisten anderen Wirtschaftsbranchen ausgeglichen werden. Aufgrund dessen schätzen wir, dass das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal zumindest stagnieren, möglicherweise sogar leicht zunehmen wird.

Anfang nächsten Jahres wird sich das konjunkturelle Bild voraussichtlich deutlich aufhellen. Die konjunkturellen Auftriebskräfte dürften wieder klar die Oberhand gewinnen. Die gesunkenen Rohstoffpreise, die höhere Kaufkraft und die wechselkursbedingt gestiegene preisliche Wettbewerbsfähigkeit werden deutliche Impulse geben.

Dr. Rolf Schneider

Allianz SE
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