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Kein L-Szenario

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Die dramatische Abkühlung der Weltwirtschaft hat eine Vielzahl von Schreckensszenarien heraufbeschworen. Angesichts eines weltweiten Auftragseinbruchs in der Elektronik-, Maschinen- und Autobranche von 20 bis 50% gegenüber dem Vorjahr und eines nachweislich stark rückläufigen Welthandels ziehen selbst erfahrene, hartgesottene Menschen wie Paul Volcker Vergleiche mit der Großen Depression der Jahre 1929 bis 1933. Zu den diskutierten Spielarten des Depressionsszenarios zählen der Zusammenbruch der osteuropäischen Volkswirtschaften, der Bankrott vormals finanzstarker Staaten wie Österreich und der Zerfall der Eurozone, wobei am Ende jeweils eine schmerzhafte Inflation steht.


, 24.03.2009

Mit welcher Wahrscheinlichkeit wird ein solches Schreckensszenario eintreten? Die Antwort erfordert eine äußerst grundlegende Analyse der aktuellen Lage: Lässt sich die Wirtschaftskrise vorwiegend auf den "Erwartungsschock" der Finanzkrise zurückführen, durch den die private Nachfrage plötzlich und unerwartet einen Dämpfer verpasst bekam? Oder spiegelt die tiefe Rezession in erster Linie fundamentale Probleme der Weltwirtschaft wider, wie etwa die enorme Verschuldung der privaten Haushalte, die Abwärtsspirale am Wohnimmobilienmarkt oder die weltweit unausgeglichenen Leistungsbilanzen? Im ersten Fall könnte sich der Konjunkturzyklus rasch erholen, sobald wir die Finanzkrise unter Kontrolle bekommen haben. Im zweiten Fall sind die Probleme hartnäckiger und wird die Rezessionsphase länger andauern.

Steuern wir auf eine L-Kurve zu, d.h. auf eine rasante Talfahrt ohne anschließende Erholung? Die Antwort lautet "nein". Aus fundamentaler Sicht besteht an den Weltmärkten kein Mangel an Nachfrage. Zum einen herrscht in den Schwellenländern noch ein erheblicher Aufholbedarf, zum anderen kämpfen nicht alle Industrieländer mit extrem überschuldeten Privathaushalten, die sich nun zum Schuldenabbau gezwungen sehen. Länder mit hohen Leistungsbilanzüberschüssen wie Japan und Deutschland verfügen über hohes Potenzial. Gleiches gilt für Emerging Markets mit hohen Sparquoten in Asien und im Nahen Osten. Global betrachtet kann es nicht nur Kreditnehmer geben.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Weltwirtschaft nicht über Jahre mit einer unzulänglichen Nachfrage und einem Angebotsüberschuss zu kämpfen haben wird. Dennoch stehen den wirtschaftspolitischen Entscheidungsträgern große Herausforderungen bevor. Sie müssen verhindern, dass sich die Konjunkturkrise zu einer Strukturkrise mutiert. Dabei werden sie zahlreiche Hürden zu überwinden haben. Angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit besteht das Risiko einer Dequalifikation und eines Motivationsverlusts bei den Arbeitnehmern - Nebenwirkungen, die in der Regel einige Zeit anhalten. Darüber hinaus führt ein plötzlicher Nachfragerückgang zu einer Unterauslastung der Kapazitäten und ansteigenden Lagerbeständen, wodurch sich Unternehmen gezwungen sehen, mittelfristige Investitions- und Wachstumspläne zurückzuschrauben.

Ausschlaggebend für die Einleitung einer Trendwende ist die Wiederherstellung des Vertrauens in die Stabilität des Finanzsystems. Staatliche Unterstützung für angeschlagene Finanzinstitute ist sicherlich notwendig, wird allein jedoch nicht ausreichen. Vor allem müssen die laufenden Anpassungen im Finanzsektor Wirkung zeigen: in einer höheren Kapitalausstattung, geringeren Bilanzrisiken, niedrigeren Handelsrisiken, der Aufgabe unrentabler Aktivitäten, Kosteneinsparungen und einer Verschlankung. Obgleich diese Entwicklung bereits mit recht zügigem Tempo voranschreitet, schlagen sich die Maßnahmen noch nicht in den Eigenkapitalquoten und den risikogewichteten Aktiva nieder, da unsere Vorschriften hinsichtlich der Mark-to-Market-Bewertung von Aktiva und ratingabhängigen Eigenkapitalanforderungen in hohem Maße prozyklisch sind und darauf schließen lassen, dass sich die Lage noch verschlechtert. Leider schreitet die Überarbeitung dieser Vorschriften, obwohl mehrheitlich von politischen Entscheidungsträgern gefordert, nur langsam voran.

Dr. Michael Heise

 

e-mail: michael.heise@allianz.com