Infrastruktur als Wachstumsmotor: Wege aus der Investitionslücke

Die Megatrends Klimawandel, Alterung der Gesellschaft, Digitalisierung und Urbanisierung führen dazu, dass weltweit in den kommenden Jahrzehnten mehr als 50 Billionen Euro investiert werden müssen, um die Infrastruktur an die neuen Herausforderungen anzupassen. Angesichts dieser Größenordnung ist die öffentliche Hand allein mit dieser Aufgabe überfordert, zumal nach der Finanzkrise die Haushaltskonsolidierung in den meisten Industriestaaten oberste Priorität hat.

Fehlende oder veraltete Infrastruktur ist jedoch nicht nur eine Wachstumsbremse, sondern angesichts des drohenden Klimawandels auch eine Hypothek für die kommenden Generationen. Gleichzeitig baut sich in alternden Gesellschaften ein Überschuss an Ersparnissen auf. Immer mehr Geld sucht nach sicheren Anlagemöglichkeiten und senkt damit die Renditen konventioneller sicherer Anlagen. Während so auf der einen Seite ein Teufelskreis aus Wachstumsschwäche, Konsolidierungsdruck und fehlenden Investitionen besteht, herrscht auf der anderen Seite ein Überangebot an Kapital. „Niedrige Zinsen sind kein Ausweg aus diesem Dilemma, sondern vielmehr Symptom der zugrundeliegenden strukturellen Probleme“, sagte Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. „Die Lösung muss darin liegen, den Investitionsstau der öffentlichen Hand aufzulösen, indem private Spargelder verstärkt für Infrastrukturinvestitionen mobilisiert werden.“ So können die großen Herausforderungen des Klimawandels und der Alterung der Gesellschaft gemeinsam angegangen werden.

 

Dabei wird vor allem den institutionellen Investoren wie Versicherern und Pensionsfonds eine immer größere Rolle zukommen (müssen). Traditionell dominierten in Europa die Banken in der Infrastruktur- oder Projektfinanzierung. Aber angesichts neuer Regulierungsvorschriften und veränderte Geschäftsmodelle ziehen sich viele Banken aus der Langfristfinanzierung immer mehr zurück.

 

Für Versicherer und Pensionsfonds ist dies Herausforderung und Chance zugleich. Ihre Verbindlichkeiten sind langfristiger Natur. Sie eignen sich also hervorragend zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten, die langfristige und relativ stabile Erträge generieren. „Aus dem Teufelskreis wird positive Dynamik: Ersparnisse zur privaten Altersvorsorge finanzieren wachstumsfördernde Infrastrukturprojekte. Und die stabilen und langfristigen Renditen aus den Infrastrukturprojekten sichern den Lebensstandard im Alter“, sagte Heise.

 

Dafür müssen jedoch auch die Rahmenbedingungen stimmen. Zwar investieren Versicherer zunehmend in erneuerbare Energien, Gasnetze und andere Infrastrukturprojekte. Insgesamt ist der Anteil der Infrastrukturinvestitionen im Gesamtportfolio der institutionellen Investoren aber noch gering. Um ihn zu erhöhen müssen Finanzmarktregeln überdacht werden, Planungssicherheit verbessert werden und die Arbeitsteilung von Staat und privaten Investoren offen diskutiert werden. „Darin liegt eine große Chance. Ohne breite gesellschaftliche Akzeptanz lässt sich aber nicht nutzen“, kommentierte Heise.

 

Insbesondere die Städte werden in kommenden Jahren einen hohen Investitionsbedarf haben. Bereits heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, Tendenz steigend. Städtische Ballungsgebiete generieren nicht nur das Gros der Wertschöpfung sondern auch 70% aller Treibhausgasemissionen. Die Erneuerung der Stadtinfrastruktur ist daher nicht nur für Wachstum und Lebensqualität von entscheidender Bedeutung, sie ist auch Voraussetzung für eine erfolgreiche Klimapolitik. Allerdings sind die meisten Investitionsprojekte auf Kommunalebene zu kleinteilig, um privates Kapital anzulocken. Die Allianz plädiert daher in einem neuen Report „Investment in greener cities: Mind the gap“ für Plattformlösungen, durch die Städte ihren Investitionsbedarf bündeln und an den Privatsektor weiterreichen können.

 

Auch die Europäische Union versucht durch eine Vielzahl von Initiativen und Programmen, den Ausbau der Infrastruktur voranzutreiben. Im neuen EU Haushalt, zum Beispiel, sind 30 Milliarden Euro dafür eingeplant. Die Europäische Investitionsbank forciert ihre „Project Bond“ Initiative, die mit sog. Kreditverbesserungen private Infrastrukturprojekte für institutionelle Investoren attraktiver macht. Allerdings könnte die EU noch einen Schritt weiter gehen. Mit der Emission genuiner „EU Infrastrukturbonds“ könnte der Ausbau grenzüberschreitender Energie- und Transportnetze deutlich beschleunigt werden.

 

Die Zeit drängt. „Wir müssen jetzt pragmatische Lösungen finden, die notwendigen Investitionen anzustoßen. Alle Beteiligten müssen konstruktiv zusammenarbeiten“, sagte Heise. „Die großen Herausforderungen, vor allem des Klimawandels, erfordern eine konzertierte Aktion, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Die Infrastrukturfrage ist der Lackmustest der Handlungs- und Zukunftsfähigkeit Europas.“

Kontakt

Michael Heise

Allianz SE
Fon +49.89.3800-16143

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