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Brexit-Ängste bewegen die Märkte

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Eine Woche vor dem EU-Referendum in Großbritannien liegt das Brexit-Lager in einigen Umfragen wieder in Führung. Diese neuesten Ergebnisse scheinen ein Umdenken an den Finanzmärkten zu erzwingen, die den Ausgang des Referendums bislang ziemlich optimistisch einschätzten. Bis Anfang Juni war der FTSE 100 Börsenindex höher als im Februar 2016, als der Termin für die Volksabstimmung festgelegt wurde. Zeitgleich lag das Pfund bei einigem Auf und Ab nahe seiner Februar-Notierungen. Doch nun sieht das Bild anders aus: Die jüngsten Umfrageergebnisse belasten Pfund und Aktienmarkt massiv, während "sichere" britische Staatsanleihen Rekordstände erklimmen. Die Angst vor einem Brexit schlägt sich auch international spürbar nieder, insbesondere ist die Rendite 10-jähriger deutscher Staatsanleihen in den negativen Bereich abgerutscht.

Allianz SE
München, 16.06.2016
Allianz-

Erhöhte Volatilität im Vorfeld des Referendums war nicht nur zu erwarten sondern ist auch gerechtfertigt. Im längerfristigen Rückblick haben die Umfrageergebnisse durchschnittlich immer einen knappen Ausgang signalisiert. Daher war die ziemlich entspannte Einschätzung des Brexit-Risikos an den Finanzmärkten durchaus etwas merkwürdig. Inzwischen dürfte klarer geworden sein, dass ein EU-Austritt Großbritanniens erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten würde. Die ökonomische und politische Unsicherheit vor der Entscheidung und nach einem möglichen Brexit-Votum ist beträchtlich – Investoren gehen in Wartehaltung, die britische Wirtschaftsaktivität wird gedämpft. Die Unsicherheit bezieht sich auf die künftigen Handelsbeziehungen mit der EU und auch der restlichen Welt, auf potenzielle Politikänderungen, nachdem die EU-Gesetzgebung in Großbritannien nicht mehr gelten würde, auf das wahrscheinliche Wiedererstarken der Unabhängigkeitsbewegung in Schottland (und möglicherweise auch in Wales) und auf Instabilität oder sogar eine mögliche Spaltung der regierenden konservativen Partei.


Solche Sorgen werden dadurch bestärkt, dass die Investitionen in Großbritannien schon ins Stottern geraten sind, das Geschäftsklima sich bereits eingetrübt hat und eine Diskussion um die Notwendigkeit weiterer QE-Maßnahmen beginnt. Auf lange Sicht, wenn ein neues Abkommen ausgehandelt wurde (im Jahr 2019?), würden sich die Investoren mit den neuen Rahmenbedingungen arrangieren, die Unsicherheiten verschwinden und die Konjunktur würde sich erholen. Allerdings ist es höchst unwahrscheinlich, dass die neuen Beziehungen zur EU für die britische Wirtschaft günstiger sein könnten als heute. Wenn Großbritannien auf mehr Souveränität und Unabhängigkeit von der EU besteht, wird ein wirtschaftlicher Preis zu zahlen sein. Die aktuelle Neueinschätzung des Brexit-Risikos hat zwei Auswirkungen.


Erstens könnte sie sich als hilfreich für das Lager der Austrittsgegner erweisen. Der Ausgang des Referendums hängt wesentlich von der Wahlbeteiligung ab. Denn die euroskeptischen Wähler sind hochmotiviert, zur Urne zu gehen, während viele andere Briten zwar pragmatisch pro-europäisch sind, aber ohne sich wirklich zu engagieren. Die Finanzmarktvolatilität verdeutlicht nun, wieviel tatsächlich für das Land auf dem Spiel steht und könnte deshalb die Wahlbeteiligung erhöhen. Die Marktturbulenzen könnten auch die Meinung der 15-20% noch Unentschlossenen beeinflussen. Finanzmärkte taugen nicht immer als gute Zukunftsprognostiker, aber im komplexen Umfeld vor dem Referendum dürften ihre Signale sicher nicht übersehen werden.


Die zweite Auswirkung könnte positiv für Investoren sein. Angesichts der aktuell niedrigen Bewertungen britischer Aktien und des Pfundes birgt eine Entscheidung der Briten für den Verbleib in der EU erhebliches Potenzial für Kurssteigerungen. Wir nehmen nach wie vor an, dass die Austrittsgegner gewinnen werden, wenn auch womöglich nur ganz knapp. In diesem Fall würde das Aufatmen der Märkte britische wie auch eu-ropäische Aktien nach oben treiben und das britische Pfund insbesondere gegenüber dem US-Dollar stärken. Wahrscheinlich würden auch die Renditen 10-jähriger deutscher Staatsanleihen wieder über Null steigen, da das Abrutschen ins Negative nicht zuletzt auf Risikoaversion im Zusammenhang mit Brexit zurückzuführen ist.

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Dr. Michael Heise

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