Klimawandel
"Wir stehen vor der dritten industriellen Revolution"
Hans Joachim Schellnhuber gilt als einer der führenden Klimaforscher der Welt und berät Bundeskanzlerin Angela Merkel. Als Gast der Allianz Lectures wird er über Europas Weg zur Weltspitze diskutieren. Allianz.com News erklärte er, warum Klimaschutz dafür unverzichtbar ist.
Allianz.com News: Das Orkantief Kyrill, der viel zu milde Januar – sind das für Sie bloße Zufallsereignisse oder sehen Sie da schon das Wirken des Klimawandels?
Schellnhuber: Wetter hat ja sehr viel mit Zufall zu tun, das Klima dagegen ist die Durchschnittscharakteristik des Wetters über 30, 40 Jahre gemittelt. Und da sehen wir zum Beispiel, dass das ganze letzte Halbjahr in Deutschland deutlich über den langjährigen Temperaturdurchschnitten liegt. Ist das nun der endgültige Beweis für den Klimawandel? Natürlich nicht, aber es passt perfekt ins Bild.

Hans Joachim Schellnhuber diskutiert am 28. Januar bei den Allianz Lectures in München über Klimaschutz und globalen Wettbewerb; Foto: Helmut Biess © PIK
Gemeinsam mit EU-Kommissar Günther Verheugen und dem Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz debattieren Sie am kommenden Wochenende über "Europas Weg zur Weltspitze". Kann man das überhaupt verbinden, Kampf gegen den Klimawandel und Wirtschaftswachstum?
Schellnhuber: Sehr wohl. Der Klimawandel ist so etwas wie ein Motor für die Reformen im Energiesektor, die die Menschheit ohnehin bewältigen muss. Wir werden auf jeden Fall die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen überwinden müssen, die die erste und zweite industrielle Revolution hervorgebracht haben. Und jetzt stehen wir vor der dritten industriellen Revolution: wie kommen wir zu einer wirklich nachhaltigen Energieversorgung?
Hätten wir den Klimawandel nicht, dann könnten wir sagen: die Marktkräfte werden in 50 oder 80 Jahren schon dafür sorgen, dass fossile Brennstoffe immer teurer werden und neue Energiequellen erschlossen werden - aber dann wäre es zu spät, um einer rapiden Verschlechterung der Umweltbedingungen vorzubeugen.
Im Grunde genommen ziehen wir die Energiereform in diesem Jahrhundert nur klimabedingt vor. Und wer als erster reformiert, der ist eben auch in der Lage, an der Weltspitze mitzumischen.
Hätten wir den Klimawandel nicht, dann könnten wir sagen: die Marktkräfte werden in 50 oder 80 Jahren schon dafür sorgen, dass fossile Brennstoffe immer teurer werden und neue Energiequellen erschlossen werden - aber dann wäre es zu spät, um einer rapiden Verschlechterung der Umweltbedingungen vorzubeugen.
Im Grunde genommen ziehen wir die Energiereform in diesem Jahrhundert nur klimabedingt vor. Und wer als erster reformiert, der ist eben auch in der Lage, an der Weltspitze mitzumischen.
Sie sind seit kurzem auch wissenschaftlicher Berater der Bundesregierung. Was raten Sie Frau Merkel im Bezug auf Klimawandel und Energiesicherheit?
Schellnhuber: Dass die Klimaproblematik keinen Aufschub mehr erlaubt! Wir müssen die Treibhausgasemissionen bis Mitte des 21. Jahrhunderts weltweit mindestens halbieren. Und da Länder wie China und Indien beim Ausstoß von Klimagasen noch zulegen werden, heißt das, dass die Industrieländer um 60 bis 80 Prozent bis 2050 reduzieren müssen. Dafür brauchen wir einen Fahrplan: Was wollen wir 2020 erreicht haben, was bis 2030?
Der Schlüssel ist die Innovation im Energiebereich. Ich rate der Bundeskanzlerin dafür einzutreten, dass sich Deutschland und Europa an die Spitze dieser dritten industriellen Revolution setzen. Wenn wir jetzt aufzeigen, dass unsere Gesellschaft auch "kohlenstofffrei" wohlhabend, produktiv und kreativ sein kann, dann werden wir auch die großen Schwellenländer überzeugen, diesen attraktiven Nachhaltigkeitspfad einzuschlagen.
Der Schlüssel ist die Innovation im Energiebereich. Ich rate der Bundeskanzlerin dafür einzutreten, dass sich Deutschland und Europa an die Spitze dieser dritten industriellen Revolution setzen. Wenn wir jetzt aufzeigen, dass unsere Gesellschaft auch "kohlenstofffrei" wohlhabend, produktiv und kreativ sein kann, dann werden wir auch die großen Schwellenländer überzeugen, diesen attraktiven Nachhaltigkeitspfad einzuschlagen.
Aktuelle Klimaprognosen kalkulieren mit einer durchschnittlichen Erwärmung um 1,5 bis 6 Grad Celsius. Was ist denn die größte Unbekannte bei diesen Prognosen?
Schellnhuber: Unsicherheiten gibt es nach wie vor etwa bei der Frage, ob Wolken eher kühlend oder wärmend wirken. Noch wichtiger ist die Frage der Aerosole, die wahrscheinlich die Erwärmung deutlich reduzieren. Das heißt, die industrielle Luftverschmutzung – überwiegend Schwefelpartikel - hat wohl einen atmosphärischen Schmutzschleier erzeugt, der die globale Erwärmung maskiert. Aber das Ausmaß dieses Effekts ist noch nicht geklärt.
Ein großes Fragezeichen gibt es auch bezüglich der so genannten Rückkoppelungseffekte im Kohlenstoffkreislauf. Wenn wir noch mehr Treibhausgase in die Atmosphäre bringen und sich die Ozeane und Böden massiv erwärmen, kann es zu selbstverstärkenden Prozessen kommen. So könnte der Nordatlantik zu einer Nettoquelle von Kohlenstoff werden, mehr Methan aus den Böden Sibiriens ausgasen, und kollabierende Ökosysteme dürften zusätzliche Treibhausgase emittieren.
Ein großes Fragezeichen gibt es auch bezüglich der so genannten Rückkoppelungseffekte im Kohlenstoffkreislauf. Wenn wir noch mehr Treibhausgase in die Atmosphäre bringen und sich die Ozeane und Böden massiv erwärmen, kann es zu selbstverstärkenden Prozessen kommen. So könnte der Nordatlantik zu einer Nettoquelle von Kohlenstoff werden, mehr Methan aus den Böden Sibiriens ausgasen, und kollabierende Ökosysteme dürften zusätzliche Treibhausgase emittieren.
Sie beschreiben den Klimawandel als ein globales Phänomen mit lokalen Folgen. Welches sind ihrer Meinung nach die fünf größten Klima-Krisenherde der Zukunft?
Schellnhuber: In erster Linie wäre das der Amazonas-Regenwald, das größte Ökosystem der Erde. Die meisten Klimamodelle deuten darauf hin, dass dieses System bis zum Ende dieses Jahrhunderts zusammenbrechen wird. Es wird nicht mehr genügend Niederschlag vorhanden sein – und ein Regenwald ohne Regen funktioniert eben nicht.
Zweiter Punkt: der indische Monsun, der durch Luftverschmutzung zunächst schwächer, durch die globale Erwärmung aber langfristig stärker wird. Das dürfte zu massiven Überschwemmungen vor allem im Fünfstromland und Gangesdelta führen.
Drittens, in der Sahelzone werden sich wahrscheinlich die Dürreperioden der 70er Jahre verstärkt wiederholen. Viertens, die Iberische Halbinsel wird teilweise versteppen. Dort werden Landwirtschaft und Tourismus, so wie sie heute betrieben werden, nicht mehr möglich sein.
Und, fünftens, das Great Barrier Reef in Australien wird wegen der Versauerung und der Erwärmung des Ozeans die nächsten 50 Jahre wahrscheinlich nicht überstehen.
Drittens, in der Sahelzone werden sich wahrscheinlich die Dürreperioden der 70er Jahre verstärkt wiederholen. Viertens, die Iberische Halbinsel wird teilweise versteppen. Dort werden Landwirtschaft und Tourismus, so wie sie heute betrieben werden, nicht mehr möglich sein.
Und, fünftens, das Great Barrier Reef in Australien wird wegen der Versauerung und der Erwärmung des Ozeans die nächsten 50 Jahre wahrscheinlich nicht überstehen.
Angesichts solcher Szenarien scheint die von Ihnen geforderte Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen unverzichtbar. Wo sehen Sie dabei die größten Hürden?
Schellnhuber: Im Kraftwerksbereich und bei der industriellen Produktion werden wir, zumindest in Europa und Amerika, weiterhin große Fortschritte machen. Einfach schon deshalb, weil es sich lohnt, Energie zu sparen. Wir haben große Sorgen im Transportbereich, sowohl beim Individualverkehr als auch beim Güterverkehr. Im Hinblick auf den Flugverkehr hat sich ja fast so etwas wie ein Paradigmenwechsel vollzogen: Der Normalbürger erwartet, dass er für 20 Euro nach Mallorca fliegen kann und darf. Der Zuwachs an Kohlendioxid-Emissionen im Transportsektor frisst somit alle Effizienzgewinne im Produktionsbereich auf.
Und dann ist natürlich die Verstädterung zu nennen, eine der ganz großen Herausforderungen dieses Jahrhunderts: 80 Prozent aller Emissionen kommen aus den Stadtgebieten. Die Klimaproblematik wird dadurch nicht nur in den armen Ländern verschärft. Nehmen Sie eine Stadt wie Las Vegas, die quasi künstlich ernährt und bewässert wird und nur mittels Kühlanlagen komfortabel betrieben werden kann. Unsere moderne Gesellschaft hat die Zeichen der Zeit einfach noch nicht verstanden.
Und dann ist natürlich die Verstädterung zu nennen, eine der ganz großen Herausforderungen dieses Jahrhunderts: 80 Prozent aller Emissionen kommen aus den Stadtgebieten. Die Klimaproblematik wird dadurch nicht nur in den armen Ländern verschärft. Nehmen Sie eine Stadt wie Las Vegas, die quasi künstlich ernährt und bewässert wird und nur mittels Kühlanlagen komfortabel betrieben werden kann. Unsere moderne Gesellschaft hat die Zeichen der Zeit einfach noch nicht verstanden.
Was kann die Finanzwirtschaft, was können Versicherer wie die Allianz tun?
Schellnhuber: Zwei Dinge: "Avoiding the unmanageable and managing the unavoidable." Das heißt, wir müssen versuchen, die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Alles was unter dieser Marke bleibt, ist wahrscheinlich noch einigermaßen beherrschbar. Dafür bedarf es vor allem massiver Informationspolitik. Die Zivilgesellschaft muss einfach wissen, was die Stunde geschlagen hat. Die Allianz sollte an dieser Bewusstseinsbildung sehr entschlossen beteiligt sein.
Aber, und das ist die zweite Seite, selbst wenn wir die Zwei-Grad-Linie halten können, werden wir gravierende Umweltveränderungen bekommen und große negative Auswirkungen auf Natur und Kultur. Da müssen die Versicherungsgesellschaften mit ihren Mechanismen helfen, die schlimmsten Folgen aufzufangen.
Aber ausgerechnet dort, wo die Auswirkungen am schwerwiegendsten sein werden - in Afrika, Lateinamerika, Südostasien - da stehen den meisten Menschen keine Mittel zur Verfügung, um sich adäquat zu versichern oder es gibt gar keine Versicherungsmechanismen. Was kann die globale Versicherungswirtschaft tun, um das Risiko hier aufzufangen? Das ist eher eine Frage an Sie. Die Initiativen der Allianz für Mikro-Versicherungen und Mikro-Kredite in Indonesien und Indien sind in diesem Zusammenhang ein lobenswertes Beispiel. Davon brauchen wir mehr.
Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen, der Ihnen oben rechts zur Verfügung gestellt wird.
Aber, und das ist die zweite Seite, selbst wenn wir die Zwei-Grad-Linie halten können, werden wir gravierende Umweltveränderungen bekommen und große negative Auswirkungen auf Natur und Kultur. Da müssen die Versicherungsgesellschaften mit ihren Mechanismen helfen, die schlimmsten Folgen aufzufangen.
Aber ausgerechnet dort, wo die Auswirkungen am schwerwiegendsten sein werden - in Afrika, Lateinamerika, Südostasien - da stehen den meisten Menschen keine Mittel zur Verfügung, um sich adäquat zu versichern oder es gibt gar keine Versicherungsmechanismen. Was kann die globale Versicherungswirtschaft tun, um das Risiko hier aufzufangen? Das ist eher eine Frage an Sie. Die Initiativen der Allianz für Mikro-Versicherungen und Mikro-Kredite in Indonesien und Indien sind in diesem Zusammenhang ein lobenswertes Beispiel. Davon brauchen wir mehr.
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