Thoss: Ein wichtiges Ziel ist es, selbst stärker operativ tätig zu werden. Zwar sind unter den etwa 700 Projektanträgen pro Jahr viele interessante Ideen, die wir aufgreifen, doch mit zusätzlichen eigenen Projekten können wir selbst Themen setzen und unser Profil noch besser herausstellen. Unser Team besteht eben nur aus drei Personen. Aber dank der Mitglieder unserer Gremien und unserer Alumni haben wir Freunde und Partner in ganz Europa, mit denen wir einiges bewegen können.
Ein weiteres Ziel ist es, die Stiftung noch besser innerhalb der Allianz Gruppe sowie mit den Medien zu vernetzen, um unsere Projekte einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. In Fachkreisen besitzt die Allianz Kulturstiftung zwar schon jetzt ein hervorragendes Standing – das weiß ich aus der Zeit, als ich selbst als Kurator und Festivalleiter gearbeitet habe. Aber das Profil in der Öffentlichkeit lässt sich noch schärfen.
Schließlich möchten wir in den nächsten Jahren einen regionalen Schwerpunkt auf Mittel- und Osteuropa legen und in diesen Ländern noch stärker wahrgenommen werden. Dabei wollen wir vor allem Eigeninitiativen fördern und die Zivilgesellschaft dort stärken. Denn bisher kommt die große Mehrheit der Projektanträge immer noch aus Deutschland.
"Wir reden nicht nur über Europa, wir machen es"
In den gut vier Jahren ihres Bestehens hat die Allianz Kulturstiftung viel erreicht und noch mehr vor sich. AllianzGroup.com News sprach mit ihrem neuen Leiter, Michael Thoss, über seine Ziele und Schwerpunkte sowie neue Projekte.

Thoss: "Wir möchten stärker operativ tätig werden"
AllianzGroup.com News: Seit 100 Tagen leiten Sie die Allianz Kulturstiftung. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
? Wie möchten Sie das ändern?
Thoss: Da wir uns als europäische Stiftung verstehen, aber keine Büros in anderen Ländern unterhalten, wollen wir unsere Projektpartner stärker mit uns, aber auch untereinander vernetzen.
Bei der "Allianz Summer Academy" z.B. lernen sich jedes Jahr Studierende und Lehrende der European Studies von fünf europäischen Elite-Universitäten kennen, die auch in Zukunft mit uns und untereinander in Kontakt stehen sollen. Ähnliches passiert in unseren Kompositionsseminaren mit dem Ensemble Modern, wo junge Komponisten, Dirigenten, Musiker und Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern ein neues Repertoire erarbeiten.
Wir wollen stärker in dieses Netzwerk der von uns geförderten "pre-professionals" investieren, die uns auch als Experten und "Scouts" vor Ort beraten können. Das ist unser geistiges Kapital!
Bei der "Allianz Summer Academy" z.B. lernen sich jedes Jahr Studierende und Lehrende der European Studies von fünf europäischen Elite-Universitäten kennen, die auch in Zukunft mit uns und untereinander in Kontakt stehen sollen. Ähnliches passiert in unseren Kompositionsseminaren mit dem Ensemble Modern, wo junge Komponisten, Dirigenten, Musiker und Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern ein neues Repertoire erarbeiten.
Wir wollen stärker in dieses Netzwerk der von uns geförderten "pre-professionals" investieren, die uns auch als Experten und "Scouts" vor Ort beraten können. Das ist unser geistiges Kapital!
Die Teilnahme an der Dirigentenakademie mit Christoph von Dohnányi (2.v.l.) und Kurt Masur (2.v.r.) fördert junge Dirigenten und vernetzt sie miteinander
Foto: Benjamin Ealovega

? Ist es auch eines Ihrer Ziele, dieses Netzwerk zu vergrößern?
Thoss: Unbedingt. Allerdings fördern wir nicht einfach Jugendbegegnungen, sondern gemeinsame Studienphasen. Junge Europäer, die in ihrem Fach Spitzenleistungen vollbringen, sollen sich in Arbeitsprozessen kennen lernen und gegenseitig stimulieren. Bei der "Allianz Summer Academy" geht es darum, eine Vision von Europa zu erarbeiten, welche die Teilnehmer in ihren späteren Berufen umsetzen.
Auch bei anderen Projekten geht es um die Professionalisierung und internationale Vernetzung künstlerischen Nachwuchses, zum Beispiel in unserer Londoner Dirigenten-Akademie mit den Maestros Kurt Masur und Christoph von Dohnányi oder bei "Werkstattprojekten" mit Musikern aus Deutschland, Frankreich, Polen und Tschechien. Wir reden nicht nur über Europa, wir machen es!
Auch bei anderen Projekten geht es um die Professionalisierung und internationale Vernetzung künstlerischen Nachwuchses, zum Beispiel in unserer Londoner Dirigenten-Akademie mit den Maestros Kurt Masur und Christoph von Dohnányi oder bei "Werkstattprojekten" mit Musikern aus Deutschland, Frankreich, Polen und Tschechien. Wir reden nicht nur über Europa, wir machen es!

Neben der berühmten Anna-Amalia-Bibliothek fördert die Allianz Kulturstiftung auch kleine Bibliotheken
? Welche Projekte sind dieses Jahr neu?
Thoss: Unsere Stiftung wird zu 50 Prozent die Wiederherstellung des Rokokosaals in der abgebrannten Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar finanzieren. In Ergänzung dazu unterstützen wir aber auch kleine, lokale Bibliotheken. Ähnlich wie bei den sehr erfolgreichen "KulturAllianzen" können Allianz Vertreter bedrohte Bibliotheken in ihrer Umgebung vorschlagen, die wir dann gemeinsam fördern. Dabei finanzieren wir gezielt die Anschaffung europäischer Jugendliteratur, die sonst vielleicht weniger Beachtung fände.
In diesem Kontext veranstalten wir außerdem einen Schreibwettbewerb gemeinsam mit der Jugendredaktion der "Süddeutschen Zeitung": Junge Menschen sollen ihre liebste Bibliothek beschreiben, ob sie nun real existiert oder ein Zukunftswunsch ist. Die besten Texte werden in der SZ ebenso wie im Internet auf "jetzt.de" veröffentlicht. Die Gewinner erwartet ein Wochenende in Weimar mit Führungen u. a. durch die Anna-Amalia-Bibliothek.
In diesem Kontext veranstalten wir außerdem einen Schreibwettbewerb gemeinsam mit der Jugendredaktion der "Süddeutschen Zeitung": Junge Menschen sollen ihre liebste Bibliothek beschreiben, ob sie nun real existiert oder ein Zukunftswunsch ist. Die besten Texte werden in der SZ ebenso wie im Internet auf "jetzt.de" veröffentlicht. Die Gewinner erwartet ein Wochenende in Weimar mit Führungen u. a. durch die Anna-Amalia-Bibliothek.
? Haben Sie auch Projekte, die noch deutlicher mit Ihrem regionalen Schwerpunkt verknüpft sind?
Thoss: Auf dem Prager Theaterfestival vergeben wir jedes Jahr den Max-Preis für die beste tschechische Inszenierung eines deutschen Stücks.
Gemeinsam mit der European Cultural Foundation in Amsterdam werden wir Übersetzungen in die Sprachen Mittel- und Osteuropas fördern und wollen zukünftig einen Übersetzerpreis ausloben. Dabei geht es um literarische und wissenschaftliche Standardwerke, die unter kommerziellen Aspekten keine Chancen hätten, in diesen Ländern veröffentlicht zu werden.
Gemeinsam mit der European Cultural Foundation in Amsterdam werden wir Übersetzungen in die Sprachen Mittel- und Osteuropas fördern und wollen zukünftig einen Übersetzerpreis ausloben. Dabei geht es um literarische und wissenschaftliche Standardwerke, die unter kommerziellen Aspekten keine Chancen hätten, in diesen Ländern veröffentlicht zu werden.

Thoss: "Es geht immer darum, in die Zukunft Europas zu investieren"
? Ihr Focus hat sich von "Jugend – Kultur – Europa" hin zu "Bildung – Jugend – Europa" verschoben. Was steckt dahinter?
Thoss: Bildung und Wissen sind die Grundlage jeden kulturellen Verständnisses. Aber gerade das geht uns heute immer mehr verloren. Eine europäische Kultur bestand ja schon im Mittelalter und auch die Anna-Amalia-Bibliothek symbolisiert nicht nur die deutsche Klassik, sondern das europäische Geistesleben jener Zeit, den Anbruch einer europäischen Moderne.
Dieses gemeinsame Erbe, in dem sich die kulturelle Vielfalt Europas ausdrückt, fördern wir vor allem in ihren aktuellen geistigen und künstlerischen Ausdrucksformen. Denn nur im Bewusstsein dessen, was uns unterscheidet und miteinander verbindet, lässt sich das Europa von morgen verstehen und gestalten.
Dieses gemeinsame Erbe, in dem sich die kulturelle Vielfalt Europas ausdrückt, fördern wir vor allem in ihren aktuellen geistigen und künstlerischen Ausdrucksformen. Denn nur im Bewusstsein dessen, was uns unterscheidet und miteinander verbindet, lässt sich das Europa von morgen verstehen und gestalten.
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