"Die Religion ist wieder da" – dieser Aussage von Michael Bünker, Bischof der evangelischen Kirche in Österreich und Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, widersprach keiner der Teilnehmer der zweiten Allianz Lecture im Wiener Burgtheater. Bünker diskutierte vor fast ausverkauftem Haus mit dem grünen Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit, der ursprünglich aus dem Iran stammenden und in den Niederlanden lehrenden Ethnologin Halleh Ghorashi und dem Oxforder Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, Gründer und Präsident des "European Muslem Network", über das "Europa der Religionen – Dialog statt Ausgrenzung". Der ehemalige "Standard"-Chefredakteur Gerfried Sperl moderierte die "Reden über Europa".
Halleh Ghorashi, die in Amsterdam einen Lehrstuhl für das Management von Diversity und Integration innehat, sah das Hauptproblem nicht in der Stärke oder Schwäche der Religionen, sondern in wachsender Intoleranz und fehlender Gleichberechtigung. "Wenn sich eine Minderheit angegriffen fühlt, muss sie sich verteidigen", sagte sie. "Das führt zu einer stärkeren Abgrenzung. Umgekehrt öffnen sich Minderheiten, wenn sie sich frei und sicher fühlen."
Allianz Lectures
Religion - Förderer oder Hemmschuh für Europa?
"Europa der Religionen – Dialog statt Ausgrenzung" – zu diesem Thema diskutieren im Rahmen der Wiener "Reden über Europa" der Politiker Daniel Cohn-Bendit, der protestantische Bischof Michael Bünker, die Ethnologin Halleh Ghorashi und der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan.

Cohn-Bendit: Anwalt von "Minderheiten innerhalb von Minderheiten"

Tariq Ramadan: "Ich bin keine Minderheit, sondern ein Staatsbürger"
"Revolution des Vertrauens"
Der in Genf geborene Schweizer Tariq Ramadan störte sich an Begriffen wie "Minderheit" und "Migranten": "Ich bin keine Minderheit, sondern ein Staatsbürger." Viele Muslime in Europa seien längst keine Migranten mehr, würden aber immer noch als solche wahrgenommen.
Wegen der großen Sichtbarkeit von Muslimen in Europa, der anhaltenden Immigration und terroristischer Gewalttaten könne er andererseits die Ängste, die viele Menschen vor Muslimen haben, nachvollziehen. "Wir brauchen eine Revolution des Vertrauens, indem wir mit Vertrauensräumen auf lokaler Ebene ein neues Wir-Gefühl erzeugen."
Ein konkretes Beispiel für einen solchen Raum erwähnte Daniel Cohn-Bendit, der als Dezernent in Frankfurt am Main in den 90er Jahren eine Multikulturelles Zentrum eingerichtet hatte. Cohn-Bendit bezeichnete sich selbst als "streitbaren Atheisten, der das Recht auf Religion verteidigt" und warnte nur vor dem Erstarken von Fundamentalisten und Kreationisten bei vielen Religionen.
Wegen der großen Sichtbarkeit von Muslimen in Europa, der anhaltenden Immigration und terroristischer Gewalttaten könne er andererseits die Ängste, die viele Menschen vor Muslimen haben, nachvollziehen. "Wir brauchen eine Revolution des Vertrauens, indem wir mit Vertrauensräumen auf lokaler Ebene ein neues Wir-Gefühl erzeugen."
Ein konkretes Beispiel für einen solchen Raum erwähnte Daniel Cohn-Bendit, der als Dezernent in Frankfurt am Main in den 90er Jahren eine Multikulturelles Zentrum eingerichtet hatte. Cohn-Bendit bezeichnete sich selbst als "streitbaren Atheisten, der das Recht auf Religion verteidigt" und warnte nur vor dem Erstarken von Fundamentalisten und Kreationisten bei vielen Religionen.
Das Wiener Burgtheater war gut gefüllt; Fotos: Andreas Altmann

Recht, sich zu entscheiden
Cohn-Bendit sah sich auch als Anwalt von "Minderheiten innerhalb von Minderheiten" , beispielsweise homosexuellen Muslimen oder Pfarrern. Auch in Bezug auf das Tragen des Kopftuchs oder Schleiers forderte er das "Recht, sich anders zu entscheiden". Ramadan sprach sich im Kopftuch-Streit wie bei anderen Themen für eine konsistente Haltung aus: "Es widerspricht dem Islam, eine Frau zu zwingen, und gegen die Menschenrechte, es zu verbieten."
Ebenso würde er, auch wenn er Homosexualität persönlich ablehne, gegen deren Diskriminierung kämpfen. Und während Antisemitismus und Islamfeindlichkeit inakzeptabel seien, forderte Ramadan das Recht für alle, die Politik islamischer Länder wie auch die Israels zu kritisieren.
Cohn-Bendit wies darauf hin, dass nicht alle Immigranten so denken und viele sich nicht als Bürger des Landes fühlen, in dem sie leben. Er erinnerte an die französischen Juden, die nach der Emanzipation durch Napoleon entscheiden mussten, ob das jüdische religiöse oder das französische zivile Recht für sie ausschlaggebend sei – eine Debatte, die heute so aktuell ist wie damals.
Einigkeit herrschte wiederum darüber, dass Religionsgemeinschaften einen Beitrag zur europäischen Einigung leisten können. Tariq Ramadan betonte die gemeinsamen Grundwerte . Religion könne einen wichtigen Beitrag leisten, um humanistische Rationalität und Ethik in Einklang zu bringen, "wenn wir die Welt retten wollen".
Ebenso würde er, auch wenn er Homosexualität persönlich ablehne, gegen deren Diskriminierung kämpfen. Und während Antisemitismus und Islamfeindlichkeit inakzeptabel seien, forderte Ramadan das Recht für alle, die Politik islamischer Länder wie auch die Israels zu kritisieren.
Cohn-Bendit wies darauf hin, dass nicht alle Immigranten so denken und viele sich nicht als Bürger des Landes fühlen, in dem sie leben. Er erinnerte an die französischen Juden, die nach der Emanzipation durch Napoleon entscheiden mussten, ob das jüdische religiöse oder das französische zivile Recht für sie ausschlaggebend sei – eine Debatte, die heute so aktuell ist wie damals.
Einigkeit herrschte wiederum darüber, dass Religionsgemeinschaften einen Beitrag zur europäischen Einigung leisten können. Tariq Ramadan betonte die gemeinsamen Grundwerte . Religion könne einen wichtigen Beitrag leisten, um humanistische Rationalität und Ethik in Einklang zu bringen, "wenn wir die Welt retten wollen".
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