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Sehr geehrte Aktionäre,
vor knapp einem Jahr habe ich an dieser Stelle eine einfache Feststellung
getroffen: Das Geschäftsjahr 2002 wird vor allem im Zeichen der
Konsolidierung stehen. Ich schrieb von einem Jahr großer Unsicherheiten
und zeigte mich dennoch zuversichtlich, dass meine Vorstandskollegen
und ich ein allemal besseres Ergebnis als 2001 abliefern würden.
Dieses Ziel haben wir deutlich verfehlt. Für Sie, die Eigentümer
der Allianz, war 2002 ein schlimmes Jahr. Ich habe während meiner
28-jährigen Zugehörigkeit zum Unternehmen noch nie erlebt,
dass sich in einer derart kurzen Zeitspanne so viele gravierende Risiken
gleichzeitig realisierten. Schlussendlich erwirtschafteten wir einen
Verlust in Höhe von 1,2 Milliarden Euro. Die Börsenkapitalisierung
betrug zum Jahresultimo nur noch 22 Milliarden Euro.
Dabei war die Ankündigung einer Konsolidierungsphase ernst gemeint,
und wir hatten auch erste Erfolge: Kostensenkungen bei der Dresdner
Bank, operative Verbesserungen im Schaden- und Unfallversicherungsgeschäft,
eine höhere Performance unseres Asset Management und Ausbau unseres
Marktanteils in der privaten und betrieblichen Altersvorsorge. Aber
wir kamen bei der Umsetzung leider nicht weit genug voran, um all
die Nackenschläge zu verkraften, die 2002 auf uns niedergingen:
Stillstand der Weltwirtschaft und ungebremster Abschwung an den Aktienmärkten
führten zu empfindlichen Wertminderungen unserer Kapitalanlagen
und beeinträchtigten weiter die Ertragssituation der Bank.
Hinzu traten Kriegsängste sowie Naturkatastrophen unerwarteter
Heftigkeit und Tragweite. Schließlich mussten wir das Asbestose-
und Umwelthaftpflichtrisiko in den USA neu bewerten und uns entschließen,
die entsprechende Reserve zu verstärken.
Sind die Risiken in einer eng vernetzten und hochkomplexen Welt inzwischen
so mächtig geworden, dass sie unsere Geschäfte zu untergraben
drohen? Verlieren wir gegenüber Elementargewalten und Marktschwankungen
unsere Steuerungsfähigkeit? Solche Fragen scheinen berechtigt
angesichts von Turbulenzen dieser Dimension und ihrer sich wechselseitig
verstärkenden Auswirkungen. Dennoch ist meine Antwort ein klares
Nein. Ich erinnere an die Warnung des britischen Denkers Isaiah Berlin,
Geschichte als eine "Autobahn ohne Abfahrten" anzusehen.
Er schrieb: "Unser Entscheidungsspielraum ist nicht groß.
Sagen wir: ein Prozent. Aber auf dieses eine Prozent kommt es an."
Das ist die Lehre, die wir aus dem Geschäftsjahr 2002 gezogen
haben. Es war ein außerordentlich schlechtes Jahr, das ist richtig.
Aber verloren war es nicht. Denn wir nutzten unseren Spielraum für
Entscheidungen, die bestimmt und geeignet sind, unser Geschäft
wieder nachhaltig profitabel zu machen. Es sind Zeiten angebrochen,
in denen sich einfache, aber sehr vitale Grundsätze bewähren.
Sie sind gerade dann die werthaltigsten, wenn sie konsequent angewandt
werden. Hier unsere wichtigsten Ziele: Die Combined Ratio, also das
Verhältnis der Kosten- und Schadenaufwendungen zu den verdienten
Beträgen, soll im Schaden- und Unfallversicherungsgeschäft
unter 100 Prozent sinken, und zwar noch 2003. Damit verliert die Profitabilität
dieses Geschäfts zunehmend seine Abhängigkeit von den Kapitalmärkten.
Im Banking wollen wir die Kosten und das Geschäftsmodell so in
den Griff bekommen, dass wir unsere Ergebnisse deutlich verbessern,
auch wenn die Finanzmärkte über eine längere Zeitspanne
hinweg schwierig bleiben. Schließlich sollen unser Altersvorsorgegeschäft
und unser Asset Management so ausgerichtet sein, dass wir unseren
Kunden in jeder Lebens- und Börsenphase die richtigen Produkte
anbieten können.
Die Ausführung dieser Maßnahmen hat bereits 2002 begonnen.
Wir haben Turnaround-Programme initiiert und wachen darüber,
dass sie ohne Abweichung oder Verzögerung umgesetzt werden. Wir
senkten die Kosten, trennten uns von unprofitablem Geschäft und
wechselten, wo nötig, das Management aus. Die Tarife wurden an
die neue Risikodimension angepasst, das Risikomanagement weiter verbessert.
Wir sind schlanker und schneller geworden, und wir wachsen: vor allem
in der Lebensversicherung und im Asset Management, regional besonders
in Asien sowie in Mittel- und Osteuropa.
Wir können Ihnen also eine befriedigende Antwort geben, wenn
Sie als Aktionär fragen: Wie geht es weiter mit der Allianz,
wenn sich auch 2003 Konjunktur und Finanzmärkte nicht erholen?
Wir sind auf alle Marktlagen vorbereitet und erwarten auch bei fortdauernder
Baisse und flachen Konjunkturkurven verbesserte Ergebnisse. Das ist
in unsicheren Zeiten wie diesen wichtig für Sie, die Aktionäre.
So weit unser Programm, das wir im Herbst 2002 unter dem Titel "Back
to basics" ankündigten. Auch in einem anderen, grundsätzlicheren
Sinne gilt dieses "Back to basics". Das Ende der "Alles
ist machbar"-Ära hat zu einer Rückbesinnung auf traditionelle
Werte wie Integrität, Verantwortungsbewusstsein und Fairness
geführt. Unternehmensethische Leitbilder erleben derzeit jenen
Durchbruch, den ich eigentlich viel früher erwartet hätte.
Begriffe wie Sustainability, Corporate Citizenship und Corporate Governance
emanzipieren sich vom Schlagwort zur Realität. Sie werden - so
hoffe ich - auch dem nächsten wirtschaftlichen Aufschwung standhalten
und zum festen Bestandteil unternehmerischen Handelns werden. Deshalb
haben wir uns entschlossen, zusammen mit unserem Geschäftsbericht
auch das Corporate-Responsibility-Magazin der Allianz Gruppe - ein
Themenheft - zu versenden. Damit unterstreichen wir unsere Überzeugung,
dass geschäftliche Verantwortung nicht von gesellschaftlichen,
sozialen und ökologischen Überlegungen und Rücksichtnahmen
zu trennen ist.
Liebe Aktionärinnen und Aktionäre, dieses ist mein letzter
Brief an Sie in meiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender. Wenn
Sie ihn lesen, ist Ihnen bereits bekannt, dass mit dem Ablauf unserer
Hauptversammlung 2003 mein Kollege Michael Diekmann Ihre Gesellschaft
leiten wird, der neunte Vorstandsvorsitzende in der 112-jährigen
Geschichte der Allianz. Unabhängig von meinen persönlichen
Planungen halte ich den jetzigen Zeitpunkt für den richtigen,
einen Generationenwechsel an der Spitze der Allianz herbeizuführen.
Alter, Erfahrungshintergrund und Fähigkeiten von Herrn Diekmann
prädestinieren ihn dazu, über eine längere Zeitspanne
die Geschicke Ihres Unternehmens zu steuern. Er kann sich dabei auf
ein gut eingespieltes, vertrauensvoll zusammenarbeitendes Vorstandsteam
stützen.
Wie schnell und ereignisreich sind doch die letzten elfeinhalb Jahre
vergangen! In meinem ersten Brief an Sie - geschrieben im Jahr 1992
- sprach ich davon, dass wir im Begriff seien, auf den Boden einer
ernüchternden Wirklichkeit zurückzukehren. Es will fast
scheinen, als bestimme alle zehn Jahre eine neue Konstellation das
Schicksal Ihres Unternehmens. Da ist es gewiss gut, wenn der erste
Mann unvoreingenommen und mit frischem Elan die Herausforderungen
anpackt. Wenn es gewünscht wird, stehe ich Ihrem Unternehmen
gern noch im Aufsichtsrat zur Verfügung. Aber meine Zeit als
erster Fahrensmann der Allianz ist vorbei. Herr Diekmann ist frei,
mit eigenen Ideen die Weichen neu zu stellen.
Ich danke Ihnen, unseren Aktionären, für Ihr Vertrauen und
Ihre Geduld. Das abgelaufene Geschäftsjahr hat Sie auf eine harte
Probe gestellt. Es wird, nach allem, was ich hier dargelegt habe,
ein Ausnahmejahr in der Geschichte Ihres Unternehmens bleiben. Deshalb
schlagen wir auch vor, eine Dividende in Vorjahreshöhe auszuschütten.
Mein herzlicher Dank geht auch an unsere annähernd 182 000 Mitarbeiter
sowie an unsere Vertreter und Kooperationspartner. Sie haben in einem
sehr schwierigen Jahr gezeigt, welches Leistungsvermögen in ihnen
steckt.
Die Allianz, Ihr Unternehmen, hat selten ein so herausforderndes Geschäftsjahr
wie 2002 erlebt. Es mag angesichts des schwierigen Umfelds noch etwas
dauern, bis wir zu der alten Stärke zurückkehren. Ich bin
aber zuversichtlich, dass wir es packen werden. Ihre Gesellschaft
wird aus der anstehenden Konsolidierung des Finanzdienstleistungssektors
gekräftigt und strategisch noch besser positioniert hervorgehen.
Und sie wird wieder nachhaltig Werte schaffen, die Sie als Investor
zu Recht erwarten.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Henning Schulte-Noelle
Vorsitzender des Vorstands |
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