Aktionärsbrief
Sehr geehrte Aktionäre,

wenn ich zurückblicke auf ein Geschäftsjahr, das turbulenter verlaufen ist und größere Herausforderungen bereitgehalten hat als viele Jahrgänge zuvor in der jüngeren Vergangenheit Ihres Unternehmens, kommt mir eine eigenwillige Bemerkung Konrad Adenauers in den Sinn. "Geschichte", meinte der erste Kanzler der Bundesrepublik, "ist die Summe aller Ereignisse, die nicht verhindert werden konnten." Wohl wahr. Gern hätten wir 2001 vieles ungeschehen gesehen, was die Welt und unsere Branche aufwühlte, allem voran die furchtbare Terrorattacke auf das World Trade Center, Symbol einer freien und prosperierenden Weltwirtschaft.

Eine neue Dimension terroristischen Zerstörungswillens hat nicht nur Tausende Mitmenschen in den Tod gerissen und Kollegen, Freunden und Angehörigen der Opfer schmerzliches Leid zugefügt. Der Anschlag hat auch Versicherungsschäden in nie erlebter Höhe verursacht und den Finanzmärkten einen bösen Schlag versetzt. Diese kumulierten Einflüsse in einem ohnehin rezessiven Umfeld haben tiefe Spuren in unserer Erfolgsrechnung hinterlassen. Trotz abermals großer Anstrengungen von annähernd 180 000 Mitarbeitern sowie unserer Vertreter und Kooperationspartner, denen ich allen herzlich für ihren Einsatz danke, beträgt der Jahresüberschuss nur 1,6 Milliarden Euro und liegt damit um gut eine Milliarde unter unserer Planung. Die Allianz Aktie erlitt über das gesamte Berichtsjahr einen Wertverlust von 33 Prozent, nach einer sehr guten Performance im Jahr 2000.

Das ist für Sie, unsere Anteilseigner, ebenso enttäuschend wie für meine Kollegen und mich. Müssen wir deshalb im Licht der jüngsten Entwicklungen unser Geschäft neu überdenken? In einzelnen Bereichen ist dieser Prozess längst angestoßen, etwa bei der Einrichtung eines Frühwarnsystems, der Überprüfung unseres ganzheitlichen Risikocontrollings, der Deckung von Terrorrisiken und den Diskussionen mit Regierungen über die Frage, wie in Zukunft die Folgen solcher Anschläge abgesichert werden könnten. Doch an unserer Geschäftsmaxime langfristigen profitablen Wachstums wird der säkulare Einschnitt am 11. September 2001 nichts ändern. Im Gegenteil: Die darauf folgenden Entwicklungen sind für meine Kollegen und mich nur noch ein zusätzlicher Ansporn, Kurs zu halten und die Werthaltigkeit Ihrer Allianz weiter zu steigern.

Schlagen Sie die Zeitung auf, und Sie werden viele Meldungen über Unternehmen finden, die offenbar vergessen haben, wofür sie stehen. Manche sind bereits verschwunden, ohne einen Euro oder einen Dollar an Gewinn auszuweisen. Das ist nicht unsere Welt - die Allianz steht für Nachhaltigkeit, Kontinuität und Berechenbarkeit. Seit 1992 haben wir Jahr für Jahr das Ergebnis Ihres Unternehmens verbessert und damit jene Werte geschaffen, die Sie zu Recht von Ihrem Investment erwarten. Und wir sind sehr zuversichtlich, dass wir nach dem Rückschlag 2001 im laufenden Geschäftsjahr auf diesen Wachstumspfad zurückkehren können.

Sie werden möglicherweise fragen: Kann ein Unternehmen, das bereits einen Gesamtumsatz von über 80 Milliarden Euro, davon allein im Versicherungsgeschäft 75 Milliarden Euro, erzielt, weiter profitabel wachsen? Meine Antwort ist eindeutig ja. Größe muss nicht zu Schwerfälligkeit, zum Verlust von Dynamik führen. Wir denken und bewegen uns in globalen Dimensionen, doch wir arbeiten im Wesentlichen lokal. Unsere Gesellschaften in den unterschiedlichen Märkten kennen und verstehen ihre Kunden; sie wissen, was zu tun ist, um noch schlanker, schneller und kundenorientierter zu werden, und können in diesem ständigen Verbesserungsprozess auf die globalen Ressourcen der Gesamtgruppe zurückgreifen. Dieser bewährte Geschäftsansatz wird uns helfen, in Zukunft noch viele Quellen weiteren Wachstums und höherer Effizienz zu erschließen.

Unser besonderes Augenmerk gilt ferner dem Ausbau von Kerngeschäftsfeldern und der wechselseitigen Verknüpfung zu integrierten Finanzdienstleistungen. Das herausragende Beispiel aus dem letzten Geschäftsjahr ist der Erwerb der Dresdner Bank, die umfangreichste Akquisition in der Geschichte der Allianz. Nach diesem Zusammenschluss ist Ihr Unternehmen nicht einfach größer geworden, sondern die Allianz Gruppe hat damit eine neue Qualität erreicht. Gemeinsam mit der Dresdner Bank sind wir in Deutschland bestens darauf vorbereitet, die großen Geschäftschancen im Wachstumsmarkt für langfristige Vorsorge und Kapitalakkumulation wahrzunehmen. Wir verfügen über ein diversifiziertes Produktportfolio, das alle Problemlösungen für den Versicherungs-, Vorsorge-, Asset-Management- und Bankingbedarf zulässt. Und wir bauen ein vielfältiges Vertriebswegenetz auf, das uns als Allroundanbieter integrierter Finanzdienstleistungen unverwechselbar macht und unseren Kunden jeden gewünschten Zugang bietet.

Wir haben im Berichtsjahr eine große Wegstrecke zurückgelegt, wie Sie im Magazin ab Seite 32 dieses Geschäftsberichts nachlesen können. Doch es bleibt nach wie vor viel zu tun. Deshalb steht das Jahr 2002 vor allem im Zeichen der Konsolidierung. Dabei konzentrieren wir uns auf drei Großvorhaben. Erstens werden wir die Integrierung und die ertragsorientierte Restrukturierung der Dresdner Bank kräftig vorantreiben. Zweitens sollen die operative Effizienz unserer Schaden- und Unfallversicherungen, vor allem die im Industrieversicherungsgeschäft, sowie die Performance im Asset Management weiter verbessert werden; wir arbeiten daran, das Wachstum dieser Segmente zu beschleunigen. Drittens wollen wir europaweit und besonders in Deutschland unsere große und stabile Plattform in der betrieblichen und privaten Altersvorsorge nutzen, um unsere Führungsrolle in diesem Wachstumsmarkt verstärkt auszubauen.

Meine Damen und Herren, ein schwieriges Geschäftsjahr liegt hinter uns, und wir können trotz aller optimistischen Augenblicksprognosen nicht wissen, welche Entwicklung die Weltwirtschaft nehmen wird. Wir haben uns gemeinsam mit der Dresdner Bank für die kommenden Jahre ehrgeizige Ziele gesetzt. Bitte schenken Sie uns weiter Ihr Vertrauen. Meine Kollegen und ich sind zuversichtlich, dieses Vertrauen in einem Jahr mit Berichten über gute unter-nehmerische Fortschritte und allemal bessere Ergebnisse rechtfertigen zu können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Henning Schulte-Noelle
Vorsitzender des Vorstands
DOWNLOAD
> Geschäftsjahr 2001
(PDF, 1,8 MB)